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Sie erklärte den "Tatort"-Machern Lippenlesen und Gebärdensprache

Julia Probst ist gehörlos und hat eine besondere Fähigkeit: Sie kann extrem gut von den Lippen ablesen. Als Beraterin für den "Tatort" aus Saarbrücken brachte sie viel Privates in das Drehbuch ein. Der stern interviewte sie.

Julia Probst Tatort

Julia Probst bietet unter @EinAugenschmaus auf Twitter ihren Ableseservice an. Beim "Tatort" beriet sie zum Thema Gehörlosigkeit.

Es sind tolle Quoten für den ansonsten wenig beachteten "Tatort" aus Saarbrücken: Im Schnitt 9,69 Millionen Zuschauer schalteten am Sonntag "Totenstille" mit Devid Striesow als Kommissar Stellbrink ein. Julia Probst freut sich besonders darüber. Die gehörlose Bloggerin hat gemeinsam mit Peter Probst (Namensgleichheit ist zufällig) das Drehbuch erarbeitet, beriet in allen Fragen zum Thema Gehörlosigkeit. Probst ist bekannt für ihre Lippenlese-Fähigkeiten, seit sie bei der WM 2010 auf Twitter einen Ableseservice für Joachim Löw und Co. anbot. Sehr zufrieden sei sie mit dem "Tatort" und sprachlos ob der guten Quoten, schreibt sie dem stern im Mail-Interview. Und erzählt, wie viel aus ihrem persönlichen Leben in der Geschichte steckt.

Was war Ihnen bei der Mitarbeit am ""-Drehbuch wichtig?

Mir war wichtig, mit den Vorurteilen aufzuräumen, mit denen Gehörlose heute immer noch zu kämpfen haben. So werden wir oft noch als "taubstumm" bezeichnet, die Gebärdensprache als "Affensprache" und als nicht vollwertige Sprache gesehen, was alles nicht stimmt. Wir Gehörlose können sprechen, unsere Aussprache hört sich nur ungewohnt an und durch die Gebärdensprache sind wir nicht stumm - wir können eben alles außer hören. Für mich war es spannend zu beobachten, wie hörende Zuschauer in den sozialen Medien darauf reagiert haben, dass die Szenen in Gebärdensprache nicht immer "übersetzt" worden sind. Mit diesem Stilmittel wollten wir ganz bewusst zeigen, wie das ist für uns Gehörlose ist, wenn etwas ohne oder mit schlechten Untertiteln kommt, und so das Bewusstsein schärfen für Barrierefreiheit. Ich hoffe echt, dass diese wenigen Augenblicke, in denen man sich mal im Nachteil befunden hat, ein Augenöffner waren. 


Wie viel Privates von Ihnen steckt im Drehbuch zu "Totenstille"?

Die überdurchschnittlichen Lippenlesefähigkeiten der Figur des Ben stammt von mir, das ist nicht die Norm. Nicht jeder Gehörlose kann so gut Lippenlesen. Die Szenen aus dem "Tatort" sind fast alle aus meinem Leben - nur erpresst hab ich noch nie jemanden mit meinen Fähigkeiten. Ein gutes Ergebnis beim Lippenlesen hängt übrigens von verschiedenen Faktoren ab. Wenn Sie sich mal im Lippenlesen testen wollen, hier ist ein Spiel.

Welche Probleme gibt es Ihrer Meinung nach häufig, wenn Gehörlose in Film und Fernsehen dargestellt werden?

Beim Film werden oft gehörlose Rollen von hörenden Schauspielern besetzt, was dann zu einer falschen Darstellung von uns Gehörlosen und der Gebärdensprache führt, weil das Gesamtbild einfach nicht stimmig ist. Welches Recht haben eigentlich nichtbehinderte Schauspieler auf Rollen mit Behinderung? Das kann man sehr gut als modernes Blackfacing bezeichnen, was da passiert bei der Besetzung. Ich hoffe, dass jetzt beim Film die Türe offen ist für authentische und inklusive Besetzung.



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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

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