Ohne Eier geht es auch

1. Dezember 2012, 08:04 Uhr

Kurz vor dem "The Voice of Germany"-Halbfinale müssen noch vier Kandidaten die Castingshow verlassen. Wieder ist der anrufende Zuschauer der Buhmann - die Juroren geben sich entscheidungsfaul. Von Katharina Gipp

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Kandidat Michael Lane (r.) ist ein Mann der leisen Töne. Zurückhaltend freut er sich über seinen Sieg gegen Gil Ofarim (l.).©

Damit ein Zuschauer am Ball bleibt und auch ja nicht umschaltet, lassen sich die Macher von Fernsehsendungen die aberwitzigsten Dinge einfallen. Tierbabys ziehen immer, Weltrekordversuche im Torten-Weitwurf auch – und Dieter Bohlen hat gute Erfahrungen in der Zurschaustellung talentfreier Menschen gemacht. "The Voice of Germany" versucht mit anderen Dingen zu punkten: Kandidaten, die ziemlich gut singen können, Lebensgeschichten, die ohne eine Tragödie auskommen, und Juroren, die im respektvollen Umgang zu anderen Menschen geübt sind. An dem Grundprinzip einer Castingshow ändert sich jedoch nichts. Am Ende gibt es nur einen Sieger – und dafür müssen alle anderen der Reihe nach ausscheiden.

Auch bei der vierten Liveshow am Freitagabend soll es vier Kandidaten an den Kragen gehen. "Noch zwei Wochen bis zum Finale", frohlockt Moderator Thore Schölermann in Endlosschleife. Doch wer denkt, dass es deswegen ein wenig erbarmungs- und rücksichtsloser zugeht, die letzten Plätze in die nächste Runde, heißer umkämpft sind, wird enttäuscht. Wie auch in den vorangegangenen Folgen sind alle Anwesenden ausgesprochen nett und rücksichtsvoll zueinander.

Ein Exempel statuieren

Und dazu haben sie nun auch mehr Zeit. Drei Stunden "The Voice of Germany" müssen nun nicht mehr mit 16, sondern nur noch mit den Auftritten von acht Kandidaten gefüllt werden. Vor jedem "Duell" bleibt noch ausreichend Luft, jeden einzelnen Teilnehmer in einem kleinen Einspieler vorzustellen.

Die ersten direkten Konkurrenten, Gil Ofarim und Michael Lane, nutzen die kleine Vorstellrunde dazu, sich gegenseitig ein wenig Honig um den Mund zu schmieren. Während Gil es sehr schade findet, gegen Michael singen zu müssen, da dann ja einer von ihnen beiden gehen müsse, outet sich Michael als Gil-Fan. Xavier Naidoos Versuch, die Gegensätze seiner beiden Schützlinge aufzuzeigen ("laut gegen leise, stark gegen zerbrechlich") und so noch ein bisschen Spannung zu provozieren, scheitert an der von Grund auf harmonischen Stimmung zwischen den beiden.

Als klarer Sieger des Duells geht schließlich Michael Lane hervor. Dies überrascht, kommt aber dem Prinzip der Sendung zupass: Es kommt nicht auf die Performance an, das einzig Wichtige ist die Stimme. Während Ofarim selbstbewusst im Kunstnebel "Man in the Mirror" schmettert, hält sich Lane am Mikrofonständer fest und singt mit geschlossenen Augen "Angel" von Sarah MacLachlan.

Juroren – mit und ohne Eiern

Wer schließlich das Rennen macht, entscheidet zum einen der jeweilige Coach, zum anderen das Publikum. Beide Parteien können jeweils 100 Prozentpunkte für die Kandidaten vergeben. Doch während sich der Zuschauer am Telefon nicht für sein Voting rechtfertigen muss, kommen die Juroren im Studio bei der Begründung ihrer Punktevergabe ganz schön ins Schwimmen.

Die meisten entziehen sich daher ganz der Punktevergabe. Die Kandidatinnen Eva Croissant und Isabell Schmidt sind laut Coach Nena zwar "total unterschiedlich", dennoch kann sich die Sängerin nicht festlegen, welche junge Frau ihr mehr zusagt, und vergibt an beide 50 Prozentpunkte. Das Publikum nimmt ihr die Entscheidung ab und kürt Isabell mit ihrer sehr rockigen Version von "Losing My Religion" zur Siegerin der Vorrunde.

Rea Garvey zeigt sich ähnlich unentschlossen. Seine Kandidaten Nick Howard und Bianca Böhme beurteilt er ebenfalls unentschieden. Nur The BossHoss bekennen sich klar mit 60 zu 40 Prozentpunkten zu James Borges und seiner Version von "Mr. Bojangles". Als Juror müsse man schließlich "Eier" haben und auch selbstständige Entscheidungen treffen, so das Country-Duo.

Musikantenstadl mit Xavier Naidoo

Als Abendshow mit ausgewiesener Produktunterstützung dürfen auch die Juroren für ihre derzeitigen musikalischen Projekte die Werbetrommel rühren. The BossHoss geben zu Beginn der Sendung ihren Song "Keep On Dancing" zum Besten - Xavier Naidoo lässt andere singen.

Alle seine Kandidaten aus der ersten Staffel hat er auf die Bühne geholt. Unter dem bedrohlich klingenden Namen "Sing um dein Leben" trällern sie bedeutungsschwangere Sätze wie "Aim high! Sky is the limit, spread you wings and fly". Die Charismatischeren dürfen sich in der ersten Reihe gegenseitig anstrahlen, alle anderen geben die gut gelaunten Background-Sänger. Naidoo ist euphorisch: "Wir sind einfach zusammengeblieben und haben weiter zusammengearbeitet".

So müssen sich diejenigen, die am Freitagabend ausgeschieden sind, keine Sorgen machen, dass sie viel zu schnell in der Versenkung verschwinden. Sie haben gute Chancen auf ein Engagement als Lückenfüller in der nächsten Staffel von "The Voice of Germany".

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