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18. Oktober 2008, 09:05 Uhr

Zwei über dem Zenit

Duell der Dinosaurier: Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk redeten gestern über das Fernsehen. Die angekündigte Grundsatzdebatte blieb aus. Stattdessen lieferten sich die Beiden ein konfuses Wortgefecht, dem genau das fehlte, worum es ging: Bildung und Unterhaltung im TV. Von Mark Stöhr

Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk posieren für ihre Sendung "Aus gegebenem Anlass"© AP

Schrecklich! Abscheulich! Scheusslich! – Der Hunger in der Welt? Die Finanzkrise? Die Zunge von John McCain? Nein, viel schlimmer: Das deutsche Fernsehen. Marcel Reich-Ranicki, einst der berühmteste TV-Literaturkritiker der Nation, wurde bei der Fernsehpreis-Verleihung schrecklich! abscheulich! scheusslich! übel und bekam dafür vom ZDF einen halbstündigen Aufenthalt im Kurhaus Wiesbaden spendiert.

Und weil Thomas Gottschalk, einst der berühmteste Showmaster der Nation, die wahnwitzige Idee dazu hatte, musste er gleich mit. So saßen sie nun also gestern im ehrwürdigen Carl-von-Ibell-Zimmer wie zwei Rheumakranke im Thermalbecken und sollten Krawall machen. Ein grundsätzliches Streitgespräch über den Zustand des Fernsehens stand auf dem Programm. Um es vorwegzunehmen: Es wurde ein ödes 0:0-Spiel. Die Zuschauer im Stadion hätten ihre Sitzkissen auf den Rasen geschmissen.

Marcel Reich-Ranicki kann nicht mehr und Thomas Gottschalk konnte noch nie. Der eine guckt selten Fernsehen und, wenn, nur ARTE. Der andere präsentiert seit über 20 Jahren Leute, die Lastwagen auf Biergläsern parken oder Flaschen mit dem Luftgewehr öffnen. Zwei überm Zenit, die sich ernsthaft darüber unterhalten sollten, wie das Fernsehen von heute funktioniert und besser werden könnte.

Eine Farce. Reich-Ranicki polterte wie gewohnt los und warf den Senderverantwortlichen unisono Unfähigkeit vor. Keine Ahnung von nichts! Beschämend! Schon Friedrich Schiller wusste es besser! Und Shakespeare sowieso! Hatte die Brandrede des 88-Jährigen im gelackten Rahmen des Kölner Coloneums noch einen gewissen ketzerischen Charme, wirkten seine Ausbrüche nun hohl und altersstarr.

Gottschalk auf Deeskalationskurs

Gottschalk war zumeist auf Deeskalationskurs und gab zu bedenken, dass eine solche Veranstaltung vielleicht einfach nichts für einen wie Reich-Ranicki gewesen sei. Zu lärmend und zu lang. Will heißen: Wenn deine Blase das nicht mehr mitmacht, können wir doch nichts dafür! Der Kritiker-Rentner war da noch damit beschäftigt, Helge Schneider mit Atze Schröder zu verwechseln. Was für ein Pech, es hätte sonst doch noch böse enden können.

So blieb es beim Uralt-Diskurs über den Gegensatz von Bildung und Unterhaltung. "War es nicht schon im alten Rom so", fragte Gottschalk forsch, "dass Seneca kluge Sachen sagte und die Plebs lieber im Circus Maximus saß und darauf wartete, dass die Löwen reinkamen?"

"Blödsinn!", krakeelte es von links. Brecht habe gezeigt, wie man anspruchsvolle Stoffe durch Musikeinlagen auflockere. Überhaupt Brecht, der sei der Richtige fürs Fernsehen. Brecht-TV: Dazu fiel selbst Gottschalk nichts mehr ein.

Dann hob er an zum Generalangriff gegen die "Arroganz der Eliten". Die igelten sich ein und sähen nicht, dass es auch Fernsehgucker mit schlichteren Programmwünschen gäbe. "Die Welt wird nicht schlechter, wenn Bauern verheiratet und Models gesucht werden!", rief er aus und forderte die Bildungsbürger zu einem schiefen Schulterschluss auf: "Verlasst euer hohes Ross und bewegt euch nach unten in unsere Richtung."

Das war Reich-Ranicki zu viel oben und unten. Er wechselte das Thema und schlug stattdessen lieber auf die Fernsehkritiker ein. Kein erwachsener Mensch würde sich heutzutage noch ernsthaft mit dem Medium beschäftigen. Das sei nur noch Sache von Hospitanten und Volontären. Na, danke schön.

Der Kulturbeutel und der Unterhaltungsclown redeten die meiste Zeit aneinander vorbei und gingen in verschiedenen Richtungen auseinander. Sie hatten ihre halbe Stunde und das ZDF sein Feigenblatt. Das Fernsehen wird so weitermachen wie bisher. "Wir sollten uns rächen", hatte Gottschalk bei der Fernsehpreis-Verleihung zu Reich-Ranicki gesagt, "und über all das reden, über das im Fernsehen nicht mehr geredet wird." Sie haben sich gestern gerächt, weiß Gott. Es war schrecklich! abscheulich! scheusslich!: belanglos.

Von Mark Stöhr
 
 
KOMMENTARE (10 von 32)
 
ganzbaf (19.10.2008, 13:58 Uhr)
Ich hab´s geshen...

und es war mindestens ein 3 zu Null für MRR.
Gottschalk hat nur geplappert.
BreadMan (19.10.2008, 06:51 Uhr)
Völlig belanglos .-(
Ich stimme dem, erstaunlicherweise, recht einmündigen Urteil absolut zu. So Recht wie MRR mit seiner Meinung an sich hat, so mies, übel und schlecht war die Vorstellung am Freitag abend. Zusammenhanglos, substanzlos, ohne zwingende Argumente. MRR sprach wie der Blinde über die Farbe, konnte nichts beitragen und der Verweis auf Brecht oder Schiller mag aus seiner Perspektive zwingend sein, er kennt ja nichts anderes. Das Fernsehen heute ist tatsächlich ein Sauhaufen, wir sind nicht mehr weit von der Endzeitvision des "Running Man" entfernt, ein apokalyptischer Film mit Arnold Schwarzenegger, dessen Hintersinn erst heute richtig klar wird. Das sind alles keine abgespacten Utopien sondern droht uns in nicht all zu ferner Zukunft. Das Medium erfindet sich täglich neu, muss sich übertreffen. Der heutige Skandal ist das laue Lüftchen von morgen und verkaufen tut sich nur der Skandal. Folglich ist die Entwicklung nicht aufzuhalten, wenn da nicht massiv im Bildungssektor aufgerüstet wird, dass die Schwarte knackt. Ansonsten sehe ich schwarz. Einen Satz allerdings, den muss ich MRR doch hoch anrechnen. Wie er über die Aussagen, dass er "mutig" sei gelästert hat. Recht hat er: Es gibt keine GeStaPo mehr, jeder darf und kann sagen, was er will. Das dieses Privileg so selten benutzt wird, ist das eigentliche Problem dieser Gesellschaft. Genau das ist alles schlecht, böse und übel. Die Leute haben Angst - nicht vor den anderen sondern vor der eigenen Courage, denn die bedeutete auch, mal selber Verantwortung zu übernehmen. Ansonsten: MRR --> Bitte in Rente, dennoch danke für den Slapstick!
Tiburon_Blanco (18.10.2008, 23:54 Uhr)
Lächerlich
Der Wert dieser dümmlichen Showveranstaltung war gleich Null.
Das Fernsehen kann wirklich nur der Zuschauer mit seiner Fernbedienung verändern - egal wo uns das hinführt, denn auch die PAY-TV Sender ARD und ZDF sind letztenlich auf Quoten angewiesen.
Medley (18.10.2008, 21:18 Uhr)
ganzbaf (18.10.2008, 9:41 Uhr)
"Private nur noch als Pay-TV..."
NEIN!! Die öffentlich rechtlichen Pay-TV Sender nur noch als echte, und dh. verschlüsselte TV-Sender, die man gegen Gebührenentrichtung mit einer "Smart-Card" freischalten kann! DAS wäre angebracht!!! Dann kann man nämlich als mündigen Bürger auch frei entscheiden, ob man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehen will und dann natürlich dafür bezahlt, oder ob man sich die Programme der Ö_R sparen will und dementsprechend dann auch keine Zwangsgeühren mehr an die GEZ abführen muss.
Medley (18.10.2008, 21:02 Uhr)
@Benkku
Ich sehe weder Casting-Shows noch diese gruseligen Volkmusiksendungen. Trotzdem will ich mir aber nicht anmaßen zu sagen: " Diese oder jene Sendung hat keinerlei Existenzberechtigzung, nur weil sie MEINEN Geschmack und MEINEM Niveau- und Anspruchsempfinden nicht gerecht wird." Hier ist einfach mehr Toleranz von Nöten. Dieses ganze Rumgehacke auf dem angeblichen "Schund" in Kultur und Medien erinnert mich mittlerweile fatal an die 20ziger und 30ziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts in Deutschland, wo bonierte Ruckwärtsgewandte es auch nicht ertragen konnten, dass die Welt seit ihrer Jugend nunmal nicht sehengeblieben ist, sondern sich weitergedreht hat. Im Übrigen Atze Schröder, Helge Schneider und Co. sind hundert mal niveauvoller als der alberne Kinderklamauk für Renter der in den öffentlich-rechtlichen "XYZ..festen der Volksmusik" und Co. gesendet wird. Die Witzchen, die diversen Gästen des Florian Silbereisen vom Stapel gelassen werden, die sind wirklich unterirdisch. Aber trtotzdem sage ich dennoch: "Gott wem's gefällt. Jedem Tierchen sein Plesierchen."
Benkku (18.10.2008, 20:36 Uhr)
@medley: Dumpfheit ist unendlich groß.
Wenn Sender nicht mehr in der Lage sind, ohne Soaps, Casting Shows, Volksmusiksendungen oder platten US-Serienmüll Nachfrage zu schaffen, gehören sie zum Abschaum der Medien, der im Trüben fischen geht.
meizhu (18.10.2008, 20:32 Uhr)
Belanglos,
unbestritten läuft im TV zum größten Teil Schrott (eine Aufzählung spar ich mir), aber der gestrige "Disput" ist das Belangloseste seit langer Zeit.
Morigane (18.10.2008, 19:42 Uhr)
Egal,
wer es ausgesprochen hat und über ja über die Person Marcel Reich-Ranicki mag man sich streiten und vielleicht hat er auch noch nicht genug fern gesehen um es beurteilen zu können (der Glückliche!), die Qualität des deutschen Fernsehens stinkt zum Himmel. Jawohl es ist 90% produzierter "Dreck"! Castingsendungen, Dummentalk, Comedy im ganz unteren Level... wir werden ersäuft von sinnbefreiten Sendungen und wer wirklich etwas Niveau sucht, der muss Glück haben zu finden.
Danke Herr Reich-Ranicki, wenigstens wurde es einmal gesagt von einem der gehört wird, wenn nur nur mal kurz!
Medley (18.10.2008, 19:21 Uhr)
@Aaron71
"Das Angebot wird immer von der Nachfrage geregelt. Und wenn es keine Zuschauer gäbe, die sich Soaps, Casting Shows, Volksmusiksendungen oder platten US-Serienmüll reinziehen, würden diese Formate wohl kaum produziert......."
Richtig Aaron. Auch bezüglich des Medienkonsums gilt der Satz: Der Kunde ist der König. Die Nnachfrage bestimmt nämlich das Angebot und nicht umgekehrt. Niemand würde eine Torte mit Currywurstgeschmack kaufen, auch dann nicht, wenn sich "böse Kapitalisten" an dem Verkauf eines derartiges Erzeugnisses dumm und dämlich verdienen könnten. Keiner wöllte es haben. Und dies gilt auch für TV-Sendungen. Richtiger, echter Schrott würde in Folge nämlich keinerlei Qoute bringen und daher auch ruckzuck vom TV-ScChirm verbannt werden.
K-H-J (18.10.2008, 18:13 Uhr)
"Wir sind doch hier nicht bei der GESTAPO?"
Alleine dieser Satz von Marcel Reich-Ranicki hat gereicht, um sich die Sendung (30 Minuten) - rein zuziehen. Ja es wirklich so, dass man keine heftige, keine emotionale und keine dezidierte Meinung mehr äußern kann. Bestes Beispiel dafür ist Elke Heidenreich, die eine Kündigung bei ihrer "Arbeitgeber ZDF" droht, wegen ihrer Kritik.

Viele Menschen haben ihm und ihr gedankt dafür, dass sie mal dass ausgesprochen haben, was vielen auf der Zunge lag. Recht hat er, wenn sagt: Dass es schon etwas besonderes sei, wenn man gegen die einfallslosen Intendanten von ZDF, ARD, RTL SAT 1 Kritik übt.

Eines hat aber die Wutrede von Marcel-Reich-Ranicki bewirkt, dass man eine eigene Sendung bekommen hat. Also, öfters mal auf den Putz hauen. Dabei spielt es dann keine große Rolle mehr, ob er einen Unterschied zwischen Helge Schneider und Atze Schröder erkennt. Beide sind fürs Katzenklo.

KHJ aus Köln
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