Erstmals kann der Tag, an dem Michael Jackson starb, lückenlos rekonstruiert werden. Seine letzten Stunden zeugen von seiner Medikamentensucht und einem hörigen Arzt, dem wohl bald der Prozess gemacht wird. Von Jens Maier

Noch in der vergangenen Woche hat er in einer Videobotschaft seine Unschuld beteuert: Dr. Conrad Murray© AP
"Alles in Ordnung mit dem Arzt", sagte ein Sprecher des Los Angeles Police Departments noch im Juni. Nur drei Tage nach Michael Jacksons Tod war dessen Leibarzt Dr. Conrad Murray mehrere Stunde lang von Zivilbeamten verhört und zu den Todesumständen seines Patienten befragt worden. Schien es damals noch so, als treffe Murray keine Schuld am Tode Jacksons, sieht dies knapp zwei Monate später völlig anders aus.
Nach der Veröffentlichung des Obduktionsberichts am Montag wird eine Anklage gegen den Kardiologen immer wahrscheinlicher. Die Gerichtsmediziner kommen zu dem Schluss, dass es sich um ein "Tötungsdelikt" handelt. Das bedeutet, dass der Tod durch Zutun einer anderen Person verursacht wurde. Neben "natürlicher Tod", "Selbstmord", "Unfall" und "kann nicht bestimmt werden" eine von fünf möglichen Ursachen, die ein Gerichtsmediziner feststellen kann.
Für Dr. Conrad Murray das denkbar schlechteste Ergebnis. Denn Jackson ist an einem Medikamentencocktail aus Beruhigungsmitteln und dem starken Narkosemittel Propofol gestorben - verabreicht von ihm. Viel aufschlussreicher als der Obduktionsbericht, dessen Befund keine Überraschung war, sind allerdings die vom Gericht jetzt veröffentlichten Zeugenaussagen Murrays. Sie lassen eine detaillierte Rekonstruktion der letzten Stunden des King of Pop zu.
Demnach hatte Jackson vom 24. auf den 25. Juni eine schlaflose Nacht. Gegen 1.30 Uhr morgens soll er nach einem starken Schlafmittel verlangt haben. Aus Angst vor einer Abhängigkeit seines Patienten habe Murray jedoch zunächst nicht das starke Narkosemittel Propofol verabreicht, sondern eine Dosis Valium. Als Jackson gegen 2 Uhr immer noch nicht schlafen konnte, bekam er von Murray zwei Milligramm des Beruhigungsmittels Lorazepam intravenös verabreicht. Doch der Sänger schlief nicht ein. Dann, es war bereits 3 Uhr morgens, folgte eine Injektion von zwei Milligramm Midazolam, ebenfalls ein Beruhigungsmittel. Jackson blieb wach. Um 5 Uhr ein erneuter Versuch mit zwei Milligramm Lorazepam und gegen 7.30 Uhr noch einmal die gleiche Prozedur, dieses Mal wieder mit Midazolam.
Gegen 10.40 Uhr morgens lag Jackson noch immer wach in seinem Bett. Nach Aussagen Murrays habe gefleht, ihm Propofol zu verabreichen, seine "Milch", wie er das starke Narkosemittel laut Murray genannt haben soll. Dieses Mal kommt Murray, nach über neun Stunden erfolgloser Versuche, Jackson zum Schlafen zu bringen, dem Betteln des Popstars nach, verabreicht ihm 25 Milligramm Propofol. Ein folgenreicher Fehler.
Nach der Injektion sei Jackson sofort eingeschlafen. Er habe seinen Puls und dessen Sauerstoffsättigung mit einem Oxymeter überwacht, gab Murray zu Protokoll. Alles schien in bester Ordnung. Zehn Minuten nachdem Jackson eingeschlafen war, habe er dann das Zimmer verlassen, um die Toilette aufzusuchen - nicht länger als zwei Minuten, wie Murray beteuert. Doch als er wieder zurück kommt, atmet Jackson nicht mehr.
Die Verabreichung des Propfol war nicht die alleinige Todesursache. Für jemanden von Jacksons Größe und Gewicht würde eine 25-Milligramm-Dosis nicht ausreichen, um einen Menschen zu töten, sagen Mediziner. Erst die Kombination mit anderen Beruhigungs- und Narkosemitteln habe zum Tode geführt. "Es wurden eine Menge Mittel verabreicht, ohne die genaue Wechselwirkung zu kennen", sagt Dr. Scott Engwall, Vizevorsitzender der anästhesiologischen Abteilung der Universität von Kalifornien. "Wenn man ein bisschen hiervon und ein bisschen davon gibt, wird die Wirkung insgesamt immer stärker." Einen Effekt, den der ausgewiesene Herzspezialist Dr. Conrad Murray eigentlich hätte kennen müssen.