Jungfrauenduft und Jauchenaroma

21. September 2006, 11:23 Uhr

Tief einatmen: Der Pariser Konzern Thierry Mugler bringt den Duft zum Film "Das Parfum" heraus - 15 mörderische Aromen zu Patrick Süßkinds Geschichte eines Serienmörders. Von Christine Mortag

Thierry Mugler interpretiert die Düfte des Romans "Das Parfum".©

Wie riecht eigentlich echte Jungfrau? Eine Orgie? Oder Höhlenluft? Drei Jahre lang haben die beiden Parfümeure Christophe Laudamiel und Christoph Hornetz, an Schlüsselessenzen zu Süßkinds Bestseller "Das Parfum" getüftelt. Jetzt verkauft Thierry Mugler die Geschichte des Serienmörders in 15 kleinen Dosen zum Nachschnuppern - das Riech-Drama von Grenouille, der 1738 als Waise auf dem Fischmarkt in Paris zur Welt kommt und für den ultimativen Duft 25 Jungfrauen tötet.

Geht das? Einen historischen Krimi in Flakons zu bannen? Ob es gelungen ist, zeigt die erste Schnüffelprobe: In einer schummrigen Kellerbar des Münchner "Vier Jahreszeiten" öffnet Christophe Laudamiel das erste Fläschchen. "Paris 1738" steht darauf und - es stinkt. So erbärmlich, wie es damals eben roch in Europas dreckigster Metropole, als es noch keine Toiletten gab.

Da wurden doch nicht etwa Exkremente und faule Eier eingearbeitet? "Nein, nein", sagt der 37-jährige Franzose. "In Schwarzer Johannisbeere gibt es Duftnoten, die der des Urins ähneln. Bestandteile der Pampelmuse riechen nach Schweiß, Papaya nach Erbrochenem und dunkle Schokolade nach schmutzigen Körpern."

Die Parfümeure Christophe Laudamiel und Christoph Hornetz©

Wie Jungen vor ihrem ersten Chemiebaukasten haben die beiden Nasen experimentiert: Ohne Rücksicht mischten sie Kürbisbrei, gedünsteten Reis oder Essig in die Essenzen. Sie verwendeten Moleküle, die nach Kopulation riechen. Kombinierten für den Grottenduft "Ermite" Moos, Pilze und Patschuli, testeten zehn Mirabellenschnäpse.

Um den Duft zarter Babyhaut zu simulieren, liehen sie sich von einer Flavouristin, die für die Lebensmittelindustrie Geschmacksverstärker herstellt, das Aroma von Crème fraîche und fügten den Geruch von fettarmer Milch, braunem Zucker und Butterkeksen hinzu. "Zur Einstimmung", erklärt der 30-jährige Christoph Hornetz, "rochen wir an meinen Nichten, die gerade zur Welt gekommen waren."

Für das Projekt gingen sie auch an berufsethische Grenzen: Damit der Duft "Virgin Number One" wirklich an Unberührtheit erinnert, ließen sie den Geruch rund um den Bauchnabel einer Jungfrau mit der so genannten Headspace-Methode einfangen, einer Art modernem Molekülstaubsauger. "Bisher hat sich da niemand rangetraut", sagt Laudamiel.

Mittlerweile riecht es im Gewölbe beeindruckend nach Massenorgie an einer Käsetheke. Flakons mit so übel riechendem Inhalt hat es in Parfümerien bisher nicht gegeben. "Man muss Mut haben, nicht allen zu gefallen", sagt Vera Strübi, Präsidentin von Thierry Mugler Parfums. "Für uns geht es ums Image, verdienen werden wir damit nichts."

Für den Avantgarde-Duft, das Parfum zum "Parfum", fehlte ihr anfangs die visionäre Nase. Dann aber fand sie Christophe Laudamiel, der in New York für International Flavors & Fragrances (IFF) arbeitete, den größten Riechstoffhersteller der Welt. Er bastelte schon seit 2000 an der Duftinterpretation des "Parfum": "Aus Leidenschaft, andere gehen Golfen, ich spiele auf der Parfumorgel."

Vor knapp drei Jahren stieß auch Christoph Hornetz zu dem Projekt. Der Saarländer hatte Laudamiel auf dem Kölner Karneval kennen gelernt. Damals war er noch Krankenpfleger. Aus Liebe zu dem Parfümeur und zur Parfümerie ließ er sich in New York kurzerhand umschulen.

Denn Laudamiel, mit Irokesensträhne, Blumenhemd und Jeans, gilt als Enfant terrible unter den Dufterfindern. Der Chemiker hatte Lehraufträge in Harvard und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und lässt als Dozent an der Hochschule der Künste in Berlin seine Studenten munter den Geruch von Converse-Turnschuhen mit Kaktus kreuzen. Oder Rhabarber mit Klebstoff. "Jasmin oder Katzenpipi, für mich riecht alles interessant", sagt er. "Außer Rote Beete. Die hasse ich."

Wie weit geht ein Parfumeur eigentlich auf der Suche nach dem perfekten Duft? Könnte er dafür auch töten? "Ich mag es schon nicht, wenn Tiere für die Parfümerie getötet werden", entrüstet sich Laudamiel, der aktives Mitglied der Umweltorganisation WWF und der französischen Liga für Vogelschutz ist. "Höchstens Insekten." Im Augenblick befasst sich der Franzose nämlich mit neuem Anrüchigem: dem Geruch von Wanzen.

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