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11. Februar 2008, 15:39 Uhr

Magermodels runter vom Laufsteg

Bundesgesundheitsministerin Schmidt und die deutsche Modebranche vereinen sich im Kampf gegen die Magersucht. Auf der Düsseldorfer Modemesse waren sie sich einig: Klapprigen Mannequins soll hierzulande kein Platz auf dem Laufsteg mehr eingeräumt werden. Von Tim Farin, Düsseldorf

Abschreckendes Beispiel vom Pariser Laufsteg: ein Model auf der Paris-Fashion-Week 2006© Reuters

Es scheint, als sei Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt am völlig falschen Ort. Das Problem, von dem sie gerade gesprochen hat, sei riesig - das sehen auch alle anderen so wie die mächtige Frau. Aber eigentlich auch wieder nicht so riesig, zumindest nicht in jener Branche, mit deren Vertretern sich die Sozialdemokratin an diesem Montagmorgen am Düsseldorfer Rheinufer zusammengesetzt hat. Am Rande der Modemesse Igedo Fashion Fairs traf Schmidt auf hochrangige Vertreter der deutschen Mode-Industrie, Messeveranstalter Igedo verkündete seine Unterstützung für die neue Kampagne der Regierung, "Leben hat Gewicht". Gemeinsam mit den Schickmachern will Schmidt nun gegen Magermodels mobil machen, weil Ess-Störungen in Deutschland zu einem beträchtlichen Problem mutiert sind. Allerdings, so sagen die Modeleute unisono, seien magersüchtige Modelle auf dem deutschen Markt ohnehin kaum zu finden. Weswegen die Veranstaltung zum Wochenauftakt sehr symbolische Züge annimmt.

Das Medienaufgebot ist erheblich, kein Wunder, denn mit dem skandalisierten Thema "Magermodels" lässt sich schnell ein Hingucker produzieren. Vielleicht, das mag wohl die Hoffnung von Ulla Schmidt sein, hilft dieses Medien-Treiben ja bei der Übermittlung ihrer neuen Nachricht: "Auch jemand, der Kleidergröße 38 oder 40 trägt, kann Erfolg haben", sagt die Politikerin. Wichtig sei, dass der Mensch sich wohlfühle. Die Bilder von ausgemergelten Rippengestellen, die über die Laufstege in Mailand und Paris hetzen, mag die Ministerin nicht gern sehen. Sie ist fest davon überzeugt, dass diese Bilder in den Köpfen von heranwachsenden Menschen wirken, gerade wenn Jugendliche ihr Selbstwertgefühl vermissen und unter Leistungsdruck stehen. "Viele eifern Schönheitsidealen nach", sagt Schmidt. Auf 600.000 beziffert sie die Zahl der 15- bis 35-Jährigen, die heute krankhaft unterernährt leben. "Deswegen ist es unser Ziel, Verbündete zu finden", sagt die Chefin des Gesundheitsressorts.

Ulla Schmidt erläutert auf der Pressekonferenz in Düsseldorf die Kampagne "Leben hat Gewicht"© DDP

In der Igedo und wichtigen Branchenverbänden sowie Fachmedien aus dem Modebereich hat Schmidt nun neue Alliierte für ihre Initiative gefunden. "Wir haben festgestellt, dass wir aufklärerisch wirken müssen", begründete Igedo-Geschäftsführer Frank Hartmann die Allianz. Sie formierte sich am Montagmorgen mit einer gemeinsamen Gesprächsrunde. Die Zusammenfassung der Ergebnisse wirkt ein wenig dünn. Von einem Kodex ist die Rede, den sich die deutsche Modeindustrie in den kommenden Monaten geben wolle, um "gegen übertriebenen Schlankheitswahn in der Branche" zu kämpfen. Bis zur nächsten CPD-Messe Ende Juli wolle man in Arbeitsgruppen zusammenwirken und dann öffentlich Ergebnisse präsentieren, kündigte Hartmann an.

Doch was soll genau geschehen in der deutschen Modebranche? Die Igedo berichtet, dass sie schon bisher entlang von "selbst definierten Richtlinien" sichere, dass die Mädchen in ihrem Dienst auch gesund sind, und der Verband deutscher Mode- und Textil-Designer berichtet von einer Verpflichtung seiner Mitglieder auf "Mindestmaße statt Magermodels", die schon seit 2006 gelte. So sei die Sache mit den Magermodels hierzulande schlimmstenfalls eine Marginalie, sagen die Branchenleute. "Wir sehen das Thema vor allem auf den internationalen Laufstegen", berichtet Thomas Rasch von German Fashion, und Torsten Fuhrberg vom großen Modell-Agentur-Verband VELMA reagiert sogar ein wenig erregbar auf die Magermodel-Fragen der Journalisten: "In Deutschland ist das Problem so gut wie nicht existent", sagt er. Auf den Messen und in deutschen Mode-Katalogen jedenfalls, so versichern es die Kenner, gebe es keine Girls mit Konfektionsgröße 32. Messen wie die von Igedo, sagt auch Geschäftsführer Hartmann, könnten das gar nicht tun - "am Ende wird das Geld dort verdient, wo der Durchschnitt ist", erklärt er, und der habe eben hierzulande keine Mini-Ausmaße.

Die Modebranche zeigt auf jemand anders, der viel mehr für die falschen Schlankheits-Zwänge der jungen Menschen verantwortlich sein soll: Die Medien müssten sich fragen, was für ein Menschenbild sie transportieren. Und Ministerin Schmidt weist zudem darauf hin, dass auch die Werbebranche in der Pflicht ist. Das Beispiel "Dove", wo ganz normale Frauen für Schönheitsprodukte werben, bleibe ein Unikat. Allerdings muss sich auch Frank Hartmann der kritischen Zwischenbemerkung stellen, dass Kleidergröße 40 auf seiner Messe als "Supersize" läuft.

Ob nun die ausgemergelten Schreck-Schönheiten in Deutschland hungern oder jenseits der Grenzen - für Ulla Schmidt dürfte das gar nicht entscheidend sein. Wichtiger war ihr bei diesem Termin, dass sie neue Bündnispartner für die Initiative der Bundesregierung gewonnen hat. Ihr, betonte die Ministerin, gehe es nicht darum, irgendetwas zu verordnen. Sondern darum, gemeinsam mit Sportlern, Ärzten, Lehrern, der Modebranche und den Medien auf die fatalen Wirkungen der Essstörungen aufmerksam zu machen. "Vielleicht kommt man dahin, dass das Schönheitsideal sich ein bisschen verändert", entwarf die Ministerin eine zurückhaltende Zukunftsvision. Und vielleicht helfen die Macher der deutschen Mode ja dabei, dass künftig auch aus anderen Ländern keine Bilder von viel zu kargen Kindsfrauen mehr in der deutschen Werbung und in hiesigen Magazinen landen. In Folge der neuen Kampagne werde man, sagte ein Verbandsvertreter, das Thema nun in der internationalen Fachöffentlichkeit anbringen. Es bleibt abzuwarten, ob die namhaften Designer für solche Probleme ein Ohr haben.

Mehr zu Magersucht...

Mehr zu Magersucht... ...im aktuellen stern: Essstörungen erkennen und heilen - Teil 5 der Sucht-Serie

Von Tim Farin, Düsseldorf
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
nony (12.02.2008, 08:56 Uhr)
Puh
Früher haben sich meine Eltern über den Beruf des Models lustig gemacht, weil diese ja nichts anderes seien als Kleiderständer. Wenn ich mir die Fotos anschaue, denke ich schon fast wehmütig an die gute alte Zeit. Das sind ja nicht mal mehr Kleiderständer, sondern höchstens noch Drahtkleiderbügel. Die Klamotten müssen nächstens wohl an die Models angetackert werden, da sie ansonsten einfach runterfallen.
laketahoe (12.02.2008, 08:42 Uhr)
@Licorice @Aurum
Ich denke, dass beides falsch ist. Die de facto immer häufiger auftretenden magersüchtigen oder bullimiekranken Mädchen und Models haben nichts davon, wenn sie auf den richtigen Umstand der ernährungsbedeingt immer schwerer werdendeen "Normalbevölkerung" hinweisen. Es ist beides ungesund.
Und es ist Fakt, dass sich Mädchen heute überaus stark an den zu dünnen Vorbildern orientieren.
Vor 10 Jahren fand Karl Lagerfeld nichts dabei, wenn Claudia Schiffer mit superschlanken 58 Kilo auf 1,80 über den Laufsteg ging, heute wiegen seine Models mit dieser Körpergröße oft 10 Kilo weniger. Und bei den Kollegen sieht das nicht anders aus.
Fazit: Eine Frau mit 1.80 hat von natur aus keine Größe 34... auf den Laufstegen gibt es aber nur noch Größe 34 und darunter...
Darum geht es bei dieser Initiative.
schlotti (12.02.2008, 02:07 Uhr)
Die Mädel sind doch nur Opfer!
Das Problem sind nicht die kleinen, pubertierenden Mädchen. Die machen das Problem nur sichtbar.
Die Designer, Fotografen und Manager sind die eigentlichen Verantwortlichen. Diese Leute, denen man durchaus - mitunter offensichtliche - pädophilie Neigungen unterstellen kann, sind die eigentlichen Verbrecher.
Natürlich immer mit dem KO-Kriterium: "Wir zwingen die ja nicht".
Selbstverständlich wird niemand mit der Peitsche gezwungen, sich auf 30Kg herunter zu hungern.
Es wird ganz subtil "nur" darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Karriere, die die Mädels ja anstreben, besser wäre, "etwas" schlanker zu sein.
Das die "Macher" für die Kinder, denen sie eine große Karriere versprechen, Verantwortung haben, wird von diesen gewissenlosen Individuen ausgeblendet. Warum auch? Das könnte ja das coole Gefühl bei der nächsten Show stören.
Über die Eltern der Mädchen, die hier als erstes gegensteuern können müssten, reden wir jetzt besser nicht.
Da rege ich mich dann nur richtig auf...
MfG,
Schlotti
jaichlesedenstern (12.02.2008, 01:36 Uhr)
Mein Gott,
warum gibt man der Kleinen nicht endlich was zu essen? Sie sieht aus, als wenn sie grade aus einem KZ befreit wurde!
irmanow (12.02.2008, 00:15 Uhr)
was ist magersucht?
ich würde gern einen rekord aufstellen,ich möchte,daß ein model von der größe 176cm nur 12kg wiegt,das wäre super.
kette1 (11.02.2008, 20:21 Uhr)
Magersucht
Ich bin magersüchtig.
mit nur 110 kg auf 185 cm fühle ich mich jeden Tag so. Meine Rippen kann man fühlen aber nicht sehen.
meine Freundin steht nicht auf Hundehütten, wo in jeder Ecke ein Knochen liegt. Und ich stehe nicht auf Hobelspäne.
Beim Sex will man sich ja nicht weh tun.
Trotzdem sind wir beide fit. Ernähren uns bewusst mit dem was hier wächst und können bis zu 30km an einen Tag laufen und am nächsten Tag schon wieder.
Für unseren Hund sind wir die schönsten Menschen.
Es zählen die inneren Werte, die Lebensfreude, die Liebe und nicht der BMI.
Die Wanderbaustellen aus eurer Fotoserie gehören in´s Krankenhaus.
Licorice (11.02.2008, 19:44 Uhr)
Der liebe Stern...
Ich habe auch den Eindruck, dass die Deutschen von ihren untrainierten Hintern ablenken wollen, indem sie (wenn es mal wieder nichts anderes zu schreiben gibt) dürre Mädels als Beleg des Untergangs unserer Kultur hervorzerren.
Hier werden eindeutig die Tatsachen verdreht. Die meisten Deutschen sind FETT. Das ist das Problem. Nicht dass ein kleiner Prozentsatz zu dünn ist.
Im Übrigen ist der Stern auch nicht gerade unschuldig am großen Erfolg der Magermodels. Bestes Beispiel ist die Rubrik "Mode" hier auf stern.de. Im ersten Artikel werden die dürren Mädels bejammert - und in den restlichen Artikeln dienen die armen Kreaturen zur Illustration der aktuellen Trends. Was denn jetzt?
aglo (11.02.2008, 19:05 Uhr)
Fettwanst
Nur, weil die alle ihren Hals nicht vollkriegen, unsere Volksverdreher, müssen wir jetzt noch unser Schönheitsideal ändern. Die sollen sich damit abfinden, dass sie zu fett sind, und uns in Ruhe lassen. Purer Neid ist das !
Aurum (11.02.2008, 18:36 Uhr)
Zu Dünn?
Also, von den Frauen, welche in der Foto Strecke gezeigt werden, ist doch wirklich keine zu dünn. Vielleicht erscheint es den Deutschen nur so, da sie nur "fettärschige Brauereipferde" um sich haben, welche mit Fraulichkeit kaum noch etwas gemeinsam haben. Ok, daß Modell hier im Artikel würde durch den Rost fallen...
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