Nacktsein ist nicht ohne: Neben Sonnenbrand und Erkältung droht sogar eine Freiheitsstrafe - zumindest wenn man es in der Öffentlichkeit betreibt. Dennoch boomen Nacktsportangebote. Ein neuer Lifestyletrend breitet sich aus - und Deutschland macht begeistert mit. Von Sylvie-Sophie Schindler

Nackte am Strand: Was früher ein politisches Statement einer Gegenbewegung war, ist heute Lifestyle© Stefan Sauer/DPA
Stell dir vor, du bist nackt, und keiner schaut hin. Das wäre natürlich blöd für solche, die sich extra die Klamotten vom Leib reißen, weil sie aller Welt sagen wollen: "Leute hört mal her, wir sind dagegen." Nacktproteste sind immer wieder mal dran, sei es gegen Atommüll, gegen Umweltverschmutzung oder Globalisierung. Die erhoffte Aufmerksamkeit ist garantiert. Für einen Skandal reicht es natürlich längst nicht mehr. Auch sonst ist praktiziertes Nacktsein nicht das, was es mal war. Die Ideologien, mit denen einst die Naturisten an den Start gingen, spielen immer weniger eine Rolle - den FKK-Vereinen rennen die Mitglieder davon. Stattdessen boomen Nacktsportangebote und Nacktreisen. Ein neuer Lifestyletrend, der begeistert. Rund 800.000 Menschen machen in Deutschland mit.
Thomas Luhmann beispielsweise bietet erfolgreich Nacktyoga-Seminare an. Der Trainer ist amit deutschlandweit ein Pionier. In den USA ist Nacktyoga längst keine Neuheit mehr, Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow sind begeisterte Anhängerinnen. "Es gibt eine größere Nachfrage nach Nacktheit", sagt Luhmann. "Bei allen Nacktsportangeboten handelt es sich allerdings um Lifestyle und nicht um eine Gegenbewegung." Beispiel DDR: "Dort war Freikörperkultur eine Gegenbewegung des Privatlebens gegenüber einer massiven Staatlichkeit. Das ist heute nicht mehr der Fall." Die meisten, die sich zu den Nacktyogaseminaren anmelden würden, hätten keine FKK-Erfahrung. "Nacktyoga hat vor allem etwas damit zu tun, dass man sich und seinen Körper annimmt. Und zwar mit all seinen Unvollkommenheiten", erklärt Luhmann. "Falten und Kilos sind egal."
Hüllenlose Sportler schießen auch anderswo wie Unkraut aus dem Boden. Über Nachwuchs muss man sich also momentan ebenso wenig sorgen wie Angelina Jolie und Brad Pitt. Nächstes Beispiel: Nacktradeln. Raus aus den Textilien und rauf auf den Fahrradsattel - mit nichts weiter auf dem Leib als Sportschuhen und Kopfbedeckung geht es los. Seit 2005 organisiert beispielsweise der 53-jährige Alex Nackt-Radtouren entlang der Isar. "Die Nachfrage ist unbedingt da", sagt Alex. Und beschreibt die Teilnehmer so: "Es handelt sich um freie Menschen, die ihren Körper nicht mit Kleidung drangsalieren, sondern uneingeschränkte Freuden in der freien Natur erleben wollen." Eine Bewegung zurück zu den Wurzeln: "Wie die alten Griechen eben auch." Auch Nacktrudern und Nacktkegeln gehören inzwischen zum Angebot.
Doch bei aller Liebe zur Nacktheit und Spaß am neuen Trend: wer sich im Adamskostüm durch die Öffentlichkeit bewegt, ist gut beraten, wenn er nicht gerade Hauptstraßen und Wohnsiedlungen passiert. Auch Alex achtet bei der Auswahl seiner Routen strikt darauf. Denn Nacktsein auf öffentlichen Straßen und Plätzen ist laut Paragraph 138 eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe geahndet wird. Allerdings nur "auf Antrag", also dann, wenn sich einer von den Nackedeis gestört fühlen sollte. Offiziell ist Nacktradeln in Deutschland selbst am Weltnacktradeltag (World Naked Bike Ride, WNBR) im Juni wegen "Belästigung der Allgemeinheit" nicht erlaubt.
Auch Nacktwanderer können deshalb ihrer Lust nicht frei nach Laune frönen. Sie nutzen zur Ausübung ihrer textilfreien Sportleidenschaft wenig begangene Strecken, wie beispielsweise entlegene Wald- und Feldwege. Doch nicht jeder hält sich so zurück. Ein hartnäckiger Nacktwanderer aus dem Fränkischen Seenland sitzt derzeit in Nürnberg im Knast. Er wurde hüllenlos beim Klettern in der Sächsischen Schweiz ertappt. Die zehntägige Beugehaft verbringt er übrigens, und da lässt er sich beirren, nackt. Nacktwandern ist nicht neu auf dem Markt der Nacktsportarten. Es kam mit der Freikörperkultur im frühen 20. Jahrhundert auf. Naturistische Wanderungen finden seit einigen Jahren vor allem in der Eifel, im Spessart, im Rothaargebirge, im Umland von Berlin und München, in Kärnten und in den Schweizer Alpen statt.