Wenn Michelle Obama morgens in ihren Kleiderschrank greift, dann wählt sie nicht nur ein Outfit, sie dreht mit ihrer Wahl jedes Mal am Glücksrad der Modeindustrie. Über Nacht schreiben unbekannte Designer Geschichte. Von Viola Keeve und Stefanie Luxat

Das berühmte Flammenkleid: Michelle Obama in der Wahlnacht im vergangenen November mit ihrem Mann und den beiden Kindern Malia (2.v.r.) und Sasha© Scott Olson/Getty Images
Sobald das erste, tägliche Bild ihres Outfits erscheint, wird es weltweit nicht nur in Modegazetten kommentiert, sondern auch auf unzähligen Blogs wie www.mrs-o.org. Einige Kritiker versuchen Michelle Obamas Kleiderwahl wie ein Orakel zu deuten: In dem "Flammenkleid" von Narciso Rodriguez, das sie in der Wahlnacht trug, sahen sie ein Symbol für den neu aufflammenden Krieg in Afghanistan, die globale Erwärmung oder die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Malcom X.
Selten war ein Hype um das Äußere eines Präsidenten und seiner Familie in Amerika so groß wie bei den Obamas. Vergleichen lässt es sich höchstens mit dem Trubel um Jackie Kennedys Stil in den 60er Jahren. Was nicht heißt, dass Michelle Obama die neue Jackie Kennedy ist, wie viele behaupten. Sie ist kein Accessoire ihres Mannes, sondern eine Harvard-Absolventin mit Humor, Pragmatik und Zielstrebigkeit. Michelle Obama kann auch nicht wie Jackie Kennedy in den 60er Jahren den neuen Wohlstand repräsentieren, sie muss sich in Schale werfen gegen die Rezession. Und wird dabei in den Spagat gezwungen: Sie muss Bescheidenheit leben, aber auch beim Geld ausgeben Vorbild sein.
Jackie Kennedy trug vorwiegend französische Haute Couture, entwarf selbst mit, setzte Trends. Michelle Obama übersetzt die "Change"-Rufe ihres Mannes in die Mode. Sie trägt eine Mischung aus bekannten und unbekannten Designern, weitab von den alt eingesessenen, amerikanischen Schneidern wie Calvin Klein und Ralph Lauren. Michelle Obama interessieren eher Modemacher, deren Biografien sich oft ähnlich lesen wie die ihres Mannes, Sohn eines Einwanderers aus Kenia: Die 47-jährige Designerin Isabel Toledo, Einwanderin aus Kuba, entwarf das sonnige Etuikleid, das Michelle Obama zur Parade für die Amtseinführung trug. Mehrere Wochen hatte ihr 13-köpfiges Team für die Fertigstellung gebraucht und sogar den Weihnachtsurlaub opfern müssen. Isabel Toledo, die bis dahin kaum bekannt war in der Modebranche, wusste angeblich bis zum Zeitpunkt der Vereidigung nicht, ob Obama ihr Kleid tragen würde.
So erging es auch dem 26-jährigen Designer Jason Wu, Einwanderer aus Taiwan, der die einschultrige Chiffon-Robe, übersät mit Organza-Blüten und Swarowski-Kristallen entwarf. Bezahlt wurde Wu für seine Abendrobe nicht, er wusste, sollte sein Kleid zum Einsatz kommen, würde es anschließend dem Smithonian Institut gespendet, wo die Inauguration-Kleider traditionell hängen.
Bereits vor fünf Jahren kaufte Michelle Obama zum ersten Mal bei der Chicagoer Designerin Maria Pinto, Tochter eines italienischen Einwanderers, ein. Heute, sagt die 51-Jährige, sei sie mit Michelle Obama sogar befreundet. Maria Pinto entwarf unter anderem das violette Kleid, das Michelle Obama zur Kandidatenkür ihres Mannes trug. Zu den Stammdesignern der First Lady zählt inzwischen Narciso Rodriguez, Sohn kubanischer Einwanderer. Der 48-Jährige gehörte auch schon zur ersten Liga der amerikanischen Designer, bevor Michelle Obama zu seiner Kundin wurde. Ein Kleid, das Rodriguez 1996 für seine beste Freundin entwarf, machte ihn über Nacht berühmt: die liliengleiche Robe, in der Carolyn Bessette mit John F. Kennedy jr. vor den Altar trat.