
Studenten lernen in der Bibliothek der Universität Köln: "Die ersten Tage waren ein Schock", erzählt Helena© Oliver Berg /DPA
Überall sprach Helena Kommilitonen an: in der Vorlesung, in der Mensa und der Bibliothek. Sie zog in ein Studentenwohnheim. Jetzt wohnt sie in einer internationalen WG: mit Alex aus Zypern, der Medieninformatik studiert, und Grzegorz aus Polen, der Arzt werden will. Nach drei Semestern fühlt sich Helena in Köln wohl. "Es gibt sehr viele gute Professoren, und ich lerne viele Leute aus ganz unterschiedlichen Fächern kennen."
Erst wollte Helena Lehrerin werden für Mathe und Englisch, entschied sich dann aber doch für Wirtschaft: "Mit BWL bin ich besser dran. Bei dem Studium kann ich Mathe und Fremdsprachen verbinden und habe später gute Berufschancen." Auch ihre Eltern rieten ihr dazu. Sie zahlen das Studium und die Gebühren, pro Semester 500 Euro. In den Semesterferien arbeitet Helena zu Hause auf dem elterlichen Weingut mit. Den Familienbetrieb will sie nicht übernehmen, das wird eine ihrer beiden älteren Schwestern machen, die Weinbau studiert. Die Älteste wird Juristin. Helena möchte später in der Logistik eines großen Konzerns wie des Arzneimittelherstellers Boehringer Ingelheim arbeiten. Sie will etwas "Handfestes" machen.
Ganz anders ticken Geisteswissenschaftler. Sie suchen im Studium einen Sinn - und nach dem Abschluss einen Job. Denn sie haben oft kein klares Berufsziel. Jonathan Kirchner, 22, studiert Germanistik und Philosophie in Tübingen. Die Bibliothek, in der er sich Bücher für seine Hausarbeit über Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" sucht, liegt in der "Burse", einem Fachwerkgebäude aus dem 15. Jahrhundert in der Tübinger Altstadt. Nach einem Seminar setzt sich Jonathan manchmal in die große, dunkle Stiftskirche - zum Nachdenken. "In meinem Studium wird alles infrage gestellt. Das lässt sich nach dem Seminar nicht abschalten, das geht ins Private", sagt er.
In seinem Freundeskreis ist Jonathan der Exot. Seine Kumpel aus der Schulzeit studieren Informatik oder Mechatronik. Einer lernt Speditionskaufmann. Er hat Jonathan mal gefragt: "Wozu liest du Minnesang? Was für ein Scheiß!" Von solchen Kommentaren lässt sich Jonathan nicht beirren. Seit einem Praktikum in der zehnten Klasse weiß er, was er werden will: Journalist.
Seit vier Monaten hat Jonathan seine erste eigene Wohnung, die 40 Quadratmeter für 500 Euro sind sein ganzer Stolz. In den dunkelbraunen Ikea-Regalen stehen Gedichtbände und gelbe Reclamhefte. Zu Freunden und Eltern hat er es nicht weit: "Ich bin bloß ein Kaff weitergezogen", sagt er, von Waldenbuch nach Dettenhausen. Zweimal pro Stunde fährt ein Bus ins zehn Kilometer entfernte Tübingen. Sein Vater zahlt die Wohnung, rund 400 Euro verdient Jonathan dazu: Er fährt Senioren aus dem Altenheim zum Arzt und verkauft im Kino Eintrittskarten und Popcorn.
Wer praxisnah studieren will, ist an einer kleinen Fachhochschule gut untergebracht. Fabian Eggers, 23, studiert Elektrotechnik. Wenn er gerade mal mit drei Kommilitonen in der Vorlesung über "Elektrische Maschinen" bei Professor Reinhardt Cremer sitzt, kann er durchs Fenster die Ostsee sehen. Die Fachhochschule Stralsund liegt direkt am Meer. "Hier fühle ich mich gut aufgehoben. Die Profs kennen mich mit Namen und fragen sogar nach, wenn ich nicht in ihre Vorlesung komme", sagt er. Nur 2500 Studenten lernen auf dem Campus. Die weißen Gebäude sind neu, die Labore mit neuester Technik ausgestattet. Jeden Tag wenn er auf dem Flur seiner Fachschaft am Pinnbrett vorbeikommt, weiß Fabian, dass er sich für das richtige Fach entschieden hat: Dicht an dicht hängen die Zettel mit Angeboten für Praktikumsplätze und Jobs nach dem Studium.
Weil er sich Studiengebühren von 500 Euro pro Semester nicht leisten kann, zog Fabian von Soltau in Niedersachsen nach Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern. In den neuen Bundesländern ist das Studium noch weitgehend kostenlos. 400 Euro Bafög bekommt Fabian pro Monat vom Staat, 400 Euro über einen Studienkredit. Rund 20.000 Euro wird er nach seinem Studium zurückzahlen müssen. "Das belastet mich sehr", sagt er.
Doch zum Jobben hat er keine Zeit: 35 Stunden sitzt Fabian in der Woche in Vorlesungen oder macht Messungen im Labor, zwischen 8 und 19 Uhr. Danach muss er Protokolle über die Versuche schreiben, Mathe und Physik pauken. "Ich hatte mir mein Studentenleben lockerer vorgestellt. Mein Vater hat früher weniger fürs Studium gelernt und es trotzdem geschafft", sagt Fabian.
Heute ist das Studium straff organisiert. Vom ersten Studientag an zählt Leistung. Anwesenheit ist Pflicht. Jede Anmeldung zum Seminar ist zugleich auch eine Anmeldung zur Prüfung. Für die gibt es Punkte, sogenannte Credit-Points. Pro Semester kann man 30 Punkte schaffen, 180 sollen es nach sechs Semestern sein. Für die Wiederholung einer Prüfung gibt es "Maluspunkte". Wie viele erlaubt sind, regelt die Prüfungsordnung. Betriebswirte in Köln dürfen zum Beispiel maximal 59 Maluspunkte haben, sonst ist Schluss mit dem Studium.
Helena, Jonathan und Fabian gehören zur ersten Generation der Bachelor-Studenten. Bereits nach sechs bis sieben Semestern machen sie ihren Abschluss. Der Bachelor soll sie für einen Beruf qualifizieren. Nach rund drei Jahren sollen Studenten heute die Hochschule verlassen. Deshalb dreht sich im Studium alles um "Employability", die Beschäftigungsfähigkeit für einen Beruf. "Ein Studium ist keine Phase des Ausprobierens mehr, sondern eine Phase der Ausbildung", sagt Tino Bargel, Soziologe von der Universität Konstanz. BWL-Studentin Helena Jost aus Köln stöhnt: "Wir müssen sofort funktionieren." In der Schule fiel Helena das Lernen leicht. "Im Studium ist es viel schwerer. Wenn man nicht von Anfang an dranbleibt, den Stoff nachholt, schafft man es nicht."
Studenten von heute müssen mit Leistungsdruck und Versagensängsten umgehen können. Hans-Werner Rückert, Leiter der Studienberatung an der Freien Universität in Berlin, sagt: "Da ist unglaublich viel Angst im System. Angst, zu versagen. Angst, das Studium nicht in sechs Semestern zu schaffen. Angst, dass der Bachelor auf dem Arbeitsmarkt nichts wert ist. Angst, dass man nicht ins Masterprogramm kommt."
Denn die Studenten trauen dem neuen Turboabschluss nicht. Sie glauben, dass sie mit Bachelor allein keine guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. 85 Prozent wollen deshalb länger studieren und nach vier weiteren Semestern die Master-Prüfung ablegen. Der Germanist Jonathan in Tübingen sagt: "Sechs Semester sind zu kurz, um richtig zu studieren. Und der Bachelor ist noch so neu, der ist in der Arbeitswelt überhaupt nicht anerkannt."
Doch ob sie einen Platz in einem Master-Studiengang ergattern werden, wissen sie nicht. Nur die Besten sollen an der Uni bleiben dürfen. Deshalb wird es wohl eine Quote für den Master geben. Ursprünglich sollte diese bei 30 Prozent liegen.
Der Soziologe Tino Bargel nennt die Studenten von heute die "ratlose Generation": Sie sind angepasster, ängstlicher, weniger selbstbewusst. Doch dazu haben sie gar keinen Grund. Zwar hat sich das Studium verändert. Es wird mehr Wert auf Leistung gelegt. Und der Bachelor ist noch neu auf dem Arbeitsmarkt. Aber er wird sich durchsetzen. Denn in Zukunft wird es in vielen Fächern keinen anderen Abschluss mehr geben. Bereits drei Viertel aller Studiengänge sind umgestellt.
Und trotz der Arbeitsbelastung ist man im Studium immer noch freier als in einem normalen Job. "Wahrscheinlich ist das gerade die beste Zeit in unserem Leben", sagt Helena aus Köln auf einer WG-Party. Auf jeden Fall ist es die beste Investition in die Zukunft. Im Hörsaal ist es warm und trocken. Wenn sich der Sturm auf dem Arbeitsmarkt wieder legt, werden die am besten durchstarten können, die studiert haben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2009