
Blechschmidts Firmensitz in Kabul. Seit 2003 lebte und arbeitete er in Afghanistan. Dabei lernte er auch den Mecklenburger Ingenieur Rüdiger Diedrich kennen© Fahad Peikar/DPA
Nein, schließlich saßen ein paar Meter unterhalb der Höhle der Sadist und der Psychopath, und die wollten mir bloß das Leben schwer machen.
Ja, aber vor allem den Unsympathischen. Dann gab es noch den "Chief ", den stellvertretenden Kommandanten, und den "Henker". Der hatte immer eine Wollmaske auf, selbst bei größter Hitze. Meine Afghanen sagten: "Das ist der Vollstrecker." Aber der war ein anständiger Kerl.
Sie haben mir halt erzählt, wie sie mich am besten umbringen können, welche Todesart am besten ist, die haben eine Handgranate rausgeholt und wollten den Stift immer rausziehen.
Ja, so. Und dann: Tsssch! Brrchch! Und dann haben sie gesagt: "Ich geh in den Himmel, und du gehst in die Hölle, weil du Christ bist."
Ich hab gelacht. Ich hab gesagt: "Ihr seid doch Idioten."
Ja, klar. Man lag einfach da und hat die Zeit totgeschlagen. Man fängt an, sein Leben noch mal irgendwie zu überdenken. An alles, was man falsch gemacht hat. Ich hab mein Leben immer bloß gearbeitet, bin ja fast nie in Urlaub gefahren. Von meiner Frau bin ich im guten Einvernehmen geschieden worden, sie ist eine gute Freundin, sonst wär ich jetzt, in Freiheit, auch nicht hier bei ihr. Und ich hab zwei Söhne, auf die ich stolz sein kann, und denen wollte ich halt noch ein Stück erhalten bleiben. Aber insgesamt bin ich ein Mensch, der nicht so gern gebunden ist.
Natürlich nagt das an einem. Für die Taliban war’s eine schöne Erholung. Die saßen vor der Höhle in der Sonne und haben geraucht und Nazaran genommen.
Das ist Hasch und Tabak und ungelöschter Kalk, und das schieben die alle fünf Minuten unter die Zunge.
Früher mal, ja, bei meinen Arbeitern. Das brennt wie Hölle, man behält das fünf Minuten drin und spuckt es aus. Es wirkt so, als würden wir ordentlich Wein trinken. Die Taliban waren dann immer gut gelaunt und haben Witze gemacht.
Geschlagen haben sie uns eh nicht mehr, und bis auf den Sadisten und den Psychopathen waren das alles ganz anständige Leute, sie haben Respekt gezeigt.
Oh nein, da kamen andauernd welche für ein, zwei Tage, um uns anzugucken, so ’ne Art Kurzurlaub.
Ja, aus Kabul, sogar aus Dubai waren welche da. Wer von den Taliban am Anfang plötzlich verschwand, war der Psychopath - nachdem er vorher tagelang meine Timex- Uhr getragen hatte. Zwei Tage später ein Anruf beim Chief, Jubel: Er habe sich in Kandahar gesprengt. Aber vorher offensichtlich die Uhr abgegeben, denn als Nächster trug der Sadist die. Der verabschiedete sich dann mit Tränen in den Augen von uns allen. Tage später wieder ein Anruf: Er habe in Kabul sich und einen französischen Soldaten in die Luft gesprengt. Wer meine Uhr trug, bei dem wusste ich dann schon: Der sprengt sich als Nächster. Aber um den dritten war es schade, der war immer anständig.
Der hat sich in Kabul mit einem Auto in die Luft gejagt.
Mitte August hieß es: Wir müssen weg. Ich hatte inzwischen einen Sprengstoffsack tragen müssen. Aber der war ja auch schon leichter geworden, weil die für die Selbstmordanschläge immer was rausgenommen haben. Ich habe mir eine Stange Sprengstoff mit Gewinde und zwei Zünder genommen: Wenn es mal zu Ende geht, dann nach meinen Regeln, dachte ich. Die habe ich in meinem Beutel versteckt - aber später verloren, bei der gescheiterten Übergabe.
Doch, die örtlichen Taliban machten Druck, die brauchten Geld. Der Kommandant hat wieder in der deutschen Botschaft angerufen, da war aber nur der Stellvertreter. Dann gab er mir das Handy. Und ich habe dem Botschaftsvize gesagt, dass die jetzt schnell einen Deal machen wollen und auch mit weniger zufrieden seien. Aber der Diplomat sagte nur: "Ich telefoniere nicht mit den lokalen, nur mit den Taliban ganz oben, die treffen die Entscheidungen!" Da war nichts zu machen. Als das Gespräch vorbei war, sagte der Kommandant nur ein Wort: "Idiot!" Thomas vom BKA war zu dem Zeitpunkt auch nicht da. Dann haben wir mehrere Wochen lang überhaupt nichts mehr gehört. Wir waren ziemlich am Ende, fragten uns: Wollen die überhaupt, dass wir rauskommen? Die Taliban haben mir gesagt: "Du bist zu ungeduldig, du musst mehr glauben!" Das war die Zeit, als ich einen Herzanfall simuliert habe. Da haben sie dann den Doktor gebracht. Der war eigentlich nur Medizinstudent, aber hat meinen Puls gemessen und gesagt: Das Beste gegen Herzprobleme seien Äpfel! Dann hat er die Taliban ins Tal geschickt, Äpfel besorgen! Haben die auch gemacht, und dann kam jeder Talib an: "Udolf, iss einen Apfel!" Nach zwei Tagen konnte ich keine Äpfel mehr sehen. Der Doktor hat nachts genauso schlecht gesehen wie ich, da sind wir nachts beim Marschieren gemeinsam gestürzt. Einmal hat er seine AK 47 verloren, die habe ich dann nach einer halben Stunde wiedergefunden.
Nee, da waren wir wieder die ganze Nacht marschiert, haben ein Lager auf knapp 3.000 Metern aufgeschlagen. Aber fünf Kilometer entfernt von dem Platz war eine Quelle, Taliban brachten Shampoo und Waschmittel - da konnte ich mich zum ersten Mal wieder richtig waschen! Als der Chief gebadet hat, hat er mir seine AK 47 gegeben, "pass auf, wenn einer kommt!" Der hat mir dann auch gezeigt, wie man Steine statt Klopapier verwendet: erst einen runden fürs Grobe, dann immer schärfere für die Feinarbeit.
Thomas, der BKA-Mann, hat mir gesagt, er habe meine Freilassung schon zweimal im Krisenstab angekündigt, aber ich hab da nie was gemerkt. Wenn ich gefragt hab: "Wann rufen wir die Botschaft an?", hat der Chief abgewunken: Sie seien jetzt vollauf mit den koreanischen Geiseln beschäftigt, hätten keine Zeit für mich.
Na ja, auch Taliban halt. Das hat mir der Chief selber erzählt.
Das ging über Mittelsleute, die bekamen wir von der Botschaft. Ich brauchte auch Durchfallmittel und Beruhigungstabletten mit Hopfen. Die Afghanen haben die Tabletten dann geschluckt ohne Ende. Einer von uns Geiseln hatte immer starke Rückenschmerzen, der hat genommen, was er kriegen konnte. Er meinte, alle Tabletten helfen. Der Renner waren die Hopfen-Baldrian-Tabletten zum Einschlafen, davon wollten die Taliban dauernd welche haben. Da waren 50 Tabletten schnell alle. Als dann wieder 100 Beta-Blocker kamen, und ich sie irgendwie nicht vertrug, habe ich halt die verteilt: Wer anständig war, hat nur eine bekommen, die anderen Taliban je zwei. Die haben dann morgens gesagt, sie hätten so Herzbumpern. Habe ich ihnen gesagt, ihr müsst mehr Sport treiben, rennt mal um den Berg rum. Haben einige sogar gemacht (lacht).
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 45/2007