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11. November 2009, 11:51 Uhr

"Signal der Unmenschlichkeit"

Nach 17 Jahren in Deutschland droht einer Palästinenser-Familie die Abschiebung. "Eine Schande für unseren Rechtsstaat", meint der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum. Der FDP-Politiker fordert im stern.de-Interview ein Bleiberecht für die Khateebs aus humanitären Gründen.

Khateeb, Abschiebung, Gerhart Baum, AG Wohlfahrt, Asylrecht

Familie Khateeb: Ein Fall von kleinlicher Auslegung des Asylrechts© Kontraste

Herr Baum, die palästinensische Familie Khateeb, die in Hessen lebt, soll nach 17 Jahren in Deutschland abgeschoben werden. Was denken Sie über diesen Plan?

Es ist eine Schande für unseren Rechtsstaat. Es ist eine unglaubliche Paragrafenreiterei die nicht im Einklang mit dem Grundgesetz steht. Das Grundgesetz wird in Artikel eins bestimmt vom Prinzip der Menschenwürde. Dieses Prinzip bezieht sich nicht nur auf Deutsche sondern auf alle hier lebenden Menschen.

Inwiefern wird die Würde der Familie Khateeb angetastet?

Es wird tief in die Lebensverhältnisse der Familie eingegriffen und das ohne Not. Offenbar will man hier einen Präzedenzfall schaffen,

Die Familie hat Asyl beantragt. Das wurde ihr nicht gewährt. Wird das Asylrecht zu streng angewendet?

Das Asylrecht ist ausgehöhlt worden.

Was meinen Sie damit?

Der Grundsatz, dass politisch Verfolgte Asyl genießen, existiert in der Realität nicht mehr. Das Asylrecht wurde in den 90er-Jahren so eingeschränkt, dass es nur noch rudimentär existiert. Im diesem Jahr feiern wir 60 Jahre Grundgesetz. Die Verfasser des Grundgesetzes, gingen davon aus, dass das neue Deutschland sensibel für politisch Verfolgte ist. Dieses Prinzip hat sich aber verflüchtigt und ist einem rigorosem Ausländer- und Asylrecht gewichen.

Ist hier auch die neue Bundesregierung gefragt?

Ja, natürlich. Der neue Bundesinnenminister will sich ja anscheinend für ein neues Bleiberecht einsetze. Das geht ja in die richtige Richtung und hier habe ich die Hoffnung, dass die neue Regierung liberalere Regelungen vereinbart. Meine Hoffnungen richten sich auch auf die Regierungen der Länder, in denen die FDP mitregiert – also auch auf Hessen.

Zurück zum konkreten Fall Khateeb: Was werfen Sie den Verantwortlichen vor?

Es fehlt an der Sensibilität der Behörden. Mich interessiert überhaupt nicht, ob diese Familie Jordanier oder Palästinenser sind. Ich sehe eine Familie, die seit 17 Jahren hier lebt und deren Kinder hier aufgewachsen sind. Es ist eine Familie, die zu unserer Gesellschaft gehört. Sie sind integriert. Und damit erfüllen sie genau das, was wir immer von den hier lebenden Ausländern verlangen: einen wirklichen Integrationswillen.

Am 12. November wird sich wohl der Petitionsausschuss des hessischen Landtags mit dem Fall befassen. Was raten Sie den politisch Verantwortlichen?

Es muss eine politische Entscheidung erfolgen, die die kleinliche und möglicherweise falsche Auslegung des Asylrechts beiseite wischt. Aus humanitären Gründen müsste der Familie ein dauerhaftes Bleiberecht eingeräumt werden. Das wäre ein Zeichen der Menschlichkeit. Wenn die verantwortlichen Politiker dazu nicht in der Lage sind, dann arbeiten sie am Grundgesetz vorbei.

Der Vater wurde bereits abgeschoben, offensichtlich in einer Nacht- und Nebel-Aktion...

...Das ist unglaublich. Man hat das Gefühl, er wurde wie ein Schwerverbrecher abgeschoben. Gerade konservative Politiker sollten eines beachten: Artikel 6 des Grundgesetzes, der den Schutz der Familie festschreibt, ist kein abstrakter Wert, sondern muss sich in der Wirklichkeit bewähren.

Welches Signal ginge von einer Abschiebung der Familie aus?

Ein Signal der Unmenschlichkeit. Man kann doch nicht einfach die Lebenstatsachen ignorieren. Es ist eine Familie, die lange hier lebt, die hier verwurzelt ist und die keinen Bezug zu ihrer Heimat hat. Eine Abschiebung macht zudem aus ökonomischen Überlegungen keinen Sinn.

Warum?

Die Zahl der Deutschen nimmt ab. Man hört doch ständig, dass unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft auf junge, qualifizierte Ausländer angewiesen sind. Die Kinder der Familie Khateeb werden hier ausgebildet und können zum Sozialprodukt beitragen. Ich stelle mir auch die Frage, ob wir in dieser schwierigen ökonomischen Situation nicht andere Sorgen haben, als dass sich Behörden mit großem Aufwand um eine solche Abschiebung kümmern.

Welches Deutschlandbild entsteht Ihrer Ansicht nach durch Fälle wie diesen?

Kein gutes. Aber andere europäische Länder sind oft nicht viel besser.

Hintergrund Die achtköpfige Familie Khateeb aus Hessen soll nach 17 Jahren in Deutschland abgeschoben werden. (stern.de berichtete) Den Palästinensern wird vorgeworfen, bei ihrer Flucht nach Deutschland im Jahr 1992 falsche Angaben zu ihrer Nationalität gemacht zu haben. Seit 2006 ermittelt die von Polizei und Ausländerbehörde eingesetzte Arbeitsgruppe "AG Wohlfahrt" gegen die Familie.

Im Jahr 2007 wurde der Vater nach Jordanien abgeschoben. Die Khateebs haben nun eine Petition an den hessischen Landtag gestellt, in dem sie aus humanitären Gründen um ein unbestimmtes Aufenthaltsrecht bitten. Am 12. November wird sich der Petitionsausschuss voraussichtlich mit dem Fall beschäftigen.

Gerhart Baum

Gerhart Baum Der FDP-Politiker Gerhart Baum, geboren 1932 in Dresden, war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister. Seit 1994 ist er wieder als Rechtsanwalt tätig und engagiert sich insbesondere für Bürger- und Menschenrechte.

Interview: Malte Arnsperger
 
 
KOMMENTARE (10 von 31)
 
ramteid (13.11.2009, 16:57 Uhr)
17 Jahre!???
Natürlich ein Hammmer, nach 17 Jahren abgeschoben zu werden, aber wenn man mit falschen Angaben eingeschlichen hat, ist es rechtens. Schlimm, aber es ist so. Jede Ausnahme würde so etwas legalisieren. Allerdings müssten auch die bestraft werden, die leichtgläubig und oberflächlich gearbeitet haben und nun dieser Familie viel Leid bringen.
Man müsste eigentlich wissen, wie sehr unsere Leichtgläubigkeit schamlos ausgenutzt wird. Letztendlich leiden dann die drunter, die lt. Gesetz u. Verfassung ein Asylrecht haben. 17 Jahre geschlafen, diese Beamten sollten entlassen werden.
thoelz (12.11.2009, 09:34 Uhr)
@ Kopftuchverteidiger
Es ist eben nicht nur irgendein Kleidungsstück und daß es Griechen oder deutsche in den 70er getragen wurden ist auch kein stichhaltiges Argument.

Es ist ein religiöses Symbol, das eine deutliche Abgrenzung zur (noch?) Mehrheitgesellschaft ausdrücken soll.
Gelunge Integration sieht anders aus.

Statt übergroße Toleranz zu predigen sollten Sie sich offenbar besser mit den Parallelgesellschaften in unserem Land befassen, in denen mitunter eine Verachtung der ungläubigen Schweinefleischfresser den Kindern eingetrichtert wird.

Immer mehr Kopftücher und Moscheen, aber in Bayern die Kruzifixe abbauen.
Wo leben wir denn?
kb26919 (12.11.2009, 02:32 Uhr)
Wer soll den abgeschoben werden?
Es gibt immer wieder Faelle fuer die offenbar die geltenden Gesetzte ausgehebelt werden sollen.Deutschland kann nicht die Armen der Welt aufnehmen ohne selber Schaden zu leisten.
WIr haben schon unsere eignen Armen und die sollten erstmal versorgt werden.
Diese Abschiebung haette vor Jahren schon stattfinden sollen.
larshh (11.11.2009, 20:38 Uhr)
Abscheu
In mir erzeugen Politiker wie Herr Baum, die Verständnis für solche Leute aufbringen, nur Abscheu! Diese Menschen haben sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen illegal ins Bundesgebiet begeben, ohne politisch verfolgt zu sein. In den Jahren ihres Aufenthaltes haben sie für 8 Personen zigtausende an steuerzahlerfinanzierten Sozialleistungen erschlichen. Nun geht es zurück ins Herkunftsland - gut so! Solche Leute brauchen und wollen wir nicht! Und auf Baums Kommentare können wir auch verzichten!
gerndrin (11.11.2009, 19:24 Uhr)
Scho recht
Nach 17 Jahren Integration noch mit Kopftuch? Ich finde sie sollen ihren politischen Islam da austragen, wo er hin gehört. Aber bitte nicht hier und schon gar nicht auf meine Kosten! Verfolgte gerne. Islamanhänger nicht.
ogniossi (11.11.2009, 18:19 Uhr)
abschiebung
selbstverständlich abschiebung, wenn die gesetze nicht mehr zulassen, ihrgendwo ist nunmal schluß!
Huxley_82 (11.11.2009, 15:05 Uhr)
Noch um was klarzustellen!
In diesem speziellen Fall halte ich die Abschiebung auf für falsch, da die Familie offenbar gut integriert und die Kinder offensichtlich auch sehr motiviert sind.
Allerdings, und hier kommt der Knackpunkt, könnten sich nach einer aufgehobenen Abschiebung fragwürdige Menschen (in Bezug auf Ideologie und Absichten) über einen gefälschten Asylantrag Zutritt nach Deutschland verschaffen, hier schnell ein paar Kinder in die Welt setzen und schon wären sie hier unabschiebbar. Das kann nicht unser Ziel sein.
Was ich nur beim besten Willen nicht verstehe ist, dass so eien Familie wohl relativ Problemlos abgeschoben werden kann, ein krimineller, der seine Frau absticht oder einen Rentner fast totprügelt aber nicht bzw. nur wenn die Strafe für seine Tat "groß" genug ist... sowas ist total bescheuert!
Joe67 (11.11.2009, 15:02 Uhr)
überkommenes Blut und Boden Denken
Deutscher ist nicht wer hier seit Generationen lebt und integriert ist, sondern wer deutsche Vorfahren hat. Dieser falsche Grundsatz wird auch hier angewendet und damit ignoriert, dass Jugendliche die hier geboren, aufgewachsen und integriert sind zu unserer Gesellschaft gehören. Ihre weitaus überwiegende Verwurzelung ist in Deutschland. Sie jetzt abzuschieben kommt einer völkerrechtswidrigen Vertreibung gleich.
@ttom: In den USA hätten die hier geborenen Kinder die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten und würden natürlich nicht abgeschoben.

@Marty_D: Ein Bleiberecht für diese Familie ist nicht nur aus menschlicher Sicht geboten. Auch die Gesetze - angefangen von Art 1 und 6 GG bis hin zur EMRK lassen keinen anderen Schluss zu. Wer diese Familie abschiebt, beugt geltendes Recht und handelt kriminell.
In diesem Punkt steht die Bundesrepublik der DDR in nichts nach. Auch dort wurden einzelne Rechtsvorschriften unter Missachtung wesentlicher Menschenrechte wortgetreu angewandt. Dieses Verhalten ist einem Rechtsstaat nicht würdig.
Robbespierre (11.11.2009, 15:02 Uhr)
@Admin
Braves Bürschchen. Hast Recht.
Huxley_82 (11.11.2009, 14:49 Uhr)
@Robbespierre
Keine Angst, das mach ich schon von selber :) Zumindest in nächster Zeit werde ich mein Brot in wärmeren Gegenden verdienen. Da gibt's übrigens auch ein härteres Asylrecht...
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