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"Markus Lanz" FDP für Jamaika, Grüne für Ampel – nur in Sachen Verbote scheinen sich die Parteien einig

Markus Lanz 29.09.
TV-Moderator Markus Lanz (l.) mit seinen Gästen Gerhart Baum von der FDP (m.) und dem Grünen-Politiker Omid Nouripour (r.)
© Screenshot ZDF
Je ein Vertreter von FDP und Grüne machen bei Markus Lanz deutlich: Wir lassen uns nicht spalten. Im Nacken stecken die unguten "Erfahrungen von 2017". Aber mit dem Kuscheln wolle man es auch nicht übertreiben.
Sylvie-Sophie Schindler

Achtung, Herr Lanz, Sie wissen ja, wie das war, auch die Corona-Talks hatten irgendwann ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten. Bei den Koalition-Talks dürfte das ungleich schneller gehen. Bereits vor der Wahl haben Sie mit Ihren Gästen zig parteipolitische Manöver durchdacht; wer wird mit wem koalieren und warum? Bald aber wird sich das totgelaufen haben. Vor allem, weil die meisten Fragen ins Leere gehen werden. Denn welcher Politiker wird jenseits laufender Koalitionsverhandlungen unbedingt bei Markus Lanz ausplaudern wollen, was noch vertrauliche Verhandlungssache ist?

Sich da in Bullterrier-Manier reinzuhängen, um etwas zu entlocken, ist irgendwann müßig – und bringt dem Zuschauer nichts. Auch im Talk von Mittwoch auf Donnerstag kam nichts dabei rum, als der Moderator ein klares Statement zum Tempolimit von seinen beiden Talkgästen, dem FDP-Urgestein Gerhart Baum und dem Grünen-Politiker Omid Nouripour, haben wollte. Beide verwiesen auf die Kompromissbereitschaft als Grundlage bei Koalitionsverhandlungen. Man dürfe, so Nouripour, dem Kompromiss nicht das Etikett "Verrat" ankleben. Das mache die Demokratie kaputt.

Vor dem Tempolimit kommen die Sondierungsgespräche

Sie könnten doch sagen, mischte sich Lanz ein, ab morgen gibt's Tempolimit 130. Nein, könnten Sie nicht, jetzt laufen erstmal Vorsondierungsgespräche. Statt wie sonst hat nicht die aussichtsreichste Partei für das Kanzleramt die Gespräche gestartet, sondern erstmal die Grünen und FDP, also die Dritt- und Viertplatzierten. Um "Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes" auszuloten, wie Christian Lindner zu dem viel diskutierten Instagram-Selfie mit Annalena Baerbock, Robert Habeck und Volker Wissing schrieb.

Apropos Habeck, der will doch Vizekanzler werden, stimmt's Herr Nouripour? Lanz drängelte. Nein, Herr Lanz, das weiß ich nicht. Doch, er will das werden, so Lanz. Vielleicht will er das, so Nouripour. Und, Sie, Herr Baum, was sagen Sie dazu, dass Lindner Finanzminister werden will, hat er die Kompetenz? "Das werden Sie sehen, wenn er dieses Amt hat", so Baum zurückhaltend.

Wenig überraschend: Grüne für Ampel, FDP für Jamaika

Zurück zum Tempolimit. Das können Sie doch nicht bringen, Herr Nouripour, Sie können nicht ohne Tempolimit aus den Verhandlungen rauskommen. Wir wollen das Tempolimit, Herr Lanz, wir wollen das knallhart. Sagen wir: bisschen knallhart, so Lanz. Es ist wichtig, die Klimaziele 2030 zu erreichen, darum geht's, das Tempolimit ist eine Maßnahme von vielen, so Nouripour. Das wollen die jungen Leute nicht hören, so Lanz. Nouripour gebetsmühlenartig: "Wir wollen das Tempolimit, kein Witz." Zugleich machte er deutlich: "Wenn man vor den Verhandlungen erklärt, was per se nicht mehr geht, ist das ein gefundenes Fressen für die andere Seite." Baum verwies auf das liberale "Leitmotiv Freiheit". Tempolimit 130, wäre das was für Sie? Das sei ein Mittel, ja, sagte auch er, um die Klimaziele 2030 zu erreichen. Und? Baum signalisierte an Nouripour ein "nicht unüberbrückbar".

Wen es wohin zieht, war wenig überraschend. Baum machte seine Präferenz für eine Koalition mit der CDU deutlich, also Jamaika, Nouripour hingegen bekräftigte "eine größere Nähe zur SPD", also Ampel. Jamaika scheidet demnach aus für Sie, Herr Nouripour? Der Grünen-Politiker berichtete, dass viele, die vor der Wahl an seinen Stand gekommen wären, gesagt hätten: "Alles, nur nicht Laschet." Diese Stimmung sei weiter da. Lapidar übersetzt: mit Laschet, das ist nicht sexy. Oder mit Habeck gesprochen, der in einer Lanz-Sendung im November 2020 – der Ausschnitt wurde eingespielt – sagte: "Wo soll die Sehnsucht nach der Union herkommen?" Nouripour berichtete, er habe Habeck nach dieser Sendung angerufen und ihn "hart gefeiert". Und was nun tun mit Christian Lindner, der könne doch nicht einfach die CDU aufgeben. Lanz hat einen Verdacht: "Er braucht die CDU als Verhandlungsmasse, um der SPD richtig was aus dem Kreuz zu leiern."

Keine Koalition, "die einfach nur Punkte zusammenklebt"

Übrigens, mit welchen Verboten müssen die Bürger in Zukunft rechnen, müssen Sie doch? "Politik macht Regeln, das heißt auch etwas verbieten", sagte Nouripour. Baum stimmte zu, manchmal muss auch was verboten werden, keine Frage, was habe es wegen der Sicherheitsgurte damals für ein Geschrei gegeben, und jetzt regt sich keiner mehr auf.

Sind Verbote auch, siehe Baerbock-Zitat, Innovationstreiber? "Natürlich", so Baum. "Wir werden nicht alles über den Markt regeln können", so Nouripour. Um was geht es eigentlich, es geht ja nicht nur ums Klima, es geht doch um was anderes – wollen Sie etwa über das Klima den Sozialismus einführen? Lanz preschte vor, blieb aber leider nur an der Oberfläche. Baum schoss rüber zu Nouripour: "Sie sind ein Gleichheitsfanatiker." Mehr kam dann aber auch nicht. Wäre interessant geworden.

Aber wozu streiten? Kein Bedarf. FDP und Grüne, betonte Baum, würden sich nicht spalten lassen: "Wir müssen es gemeinsam machen." Man wolle "Erfahrungen von 2017" unbedingt vermeiden. Und keine Koalition bilden, die einfach "Punkte zusammenklebt", sondern ein Projekt draus machen. Die Welt habe eine große Krise erfasst, also brauche es "eine Linie als Basis für die nächsten vier Jahre". Die deutliche Zustimmung der Erstwähler, sei der Ausdruck eines "Nicht weiter so". Nun bestünden "neue Chancen für eine lebendige Politik". Auch Nouripor gab sich der Aufbruchsstimmung hin: "Das ist ein zartes Pflänzchen, aus dem man einen Baum machen muss." Wandte dann aber ein: "Mit dem Kuscheln müssen wir es aber nicht übertreiben."


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