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"Anne Will" zu Corona Wann ist das alles endlich vorbei? Die ehrliche Antwort: noch lange nicht!

Anne Will und Gäste
Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über Corona
© NDR/Wolfgang Borrs
Bei "Anne Will" wurde über die zweite Corona-Welle diskutiert: Welche Maßnahmen können noch helfen, die Infektionszahlen zu verringern? Klare Antworten blieben dabei aber aus.
Von Andrea Zschocher

Angesichts der massiv gestiegenen Infektionszahlen schob auch Anne Will eine eher spontane Talkrunde ein, die im Vorfeld gar nicht groß angekündigt wurde."Corona-Infektionen erreichen Höchstwerte – hat Deutschland noch die richtige Strategie?", wollte Will von ihren Gästen wissen.

Die Antwort war eher ein Hoffen und Bangen um die nächsten Wochen als klare Ansagen und Strategien. 

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

Helga Rübsamen-Schaeff (Virologin)

Kaschlin Butt (Leiterin des Gesundheitsamtes Wiesbaden

Armin Laschet (CDU, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen) 

Michael Müller (SPD, Regierender Bürgermeister von Berlin) 

Gerhart Baum (FDP, Bundesinnenminister a.D.) 

Julian Nida-Rümelin (Professor für Philosophie und politische Theorie, Mitglied im Deutschen Ethikrat)

Im Prinzip ist es ja fast ein alter Hut, wäre es nicht so bedrohlich. Woche für Woche wird in diversen Talkshows darüber gesprochen, welche Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Sars-Cov2 noch helfen könnten, welche denn nun wirkungsvoll genug seien. Aber die eigentliche Frage dahinter lautet doch: Wann ist das alles endlich vorbei?

Die ehrliche Antwort: Noch lange nicht! Global betrachtet stehen wir, auch wenn sich bereits rund 43 Millionen Menschen mit Corona infiziert haben, noch ganz am Anfang. Denn es leben mehrere Milliarden auf der Erde und auch es uns nicht gefällt: Wie werden noch sehr, sehr lange mit Corona und diversen Einschränkungen leben müssen. Die Menschen müssen sich "darauf einstellen, dass es eine Durststrecke gibt. Wir werden nicht im Januar da durch sein und auch nicht im Juni. Die Medizin wird das lösen. Aber nicht über Nacht", erklärte Helga Rübsamen-Schaeff. 

Corona: Schnelltests nicht für alle

Über Nacht wird es auch keine Corona-Schnelltests geben, auch wenn die in vorangegangenen Sendungen bei Anne Will immer wieder Grund zur Hoffnung boten. Wenn sie nur erst endlich da wären, dann könnten man sie flächendeckend nutzen und das Infektionsgeschehen würde sich anders gestalten. Nun sind sie zwar da, aber doch nicht flächendeckend: Zehn Millionen wurden bestellt, so Laschet und Müller, und die werden nun auch ausgeliefert. Aber nicht an die Normalbevölkerung, sondern zunächst an Pflege- und medizinische Kräfte und die Polizei. Langfristig seien die Tests eine gute Idee, weil sich jeder, der ein positives Ergebnis bekommt, in Quarantäne begeben kann. Aber es wird noch bis 2021 dauern, bis mehr Menschen diese Testform nutzen können.

Kommen wieder Schul- und Kita-Schließungen?

Es ist für uns alle die erste Pandemie, deswegen ist auch klar, dass es immer wieder zu Korrekturen früherer Annahmen und Aussagen kommen wird. So verwies Julia Nida-Rümelin darauf, dass die Einschränkungen, die wir Anfang des Jahres alle erlebten, weniger zur Eindämmung des Infektionsgeschehen beigetragen hätten, als vielleicht vermutet wird. Auch die schnellen Schul- und Kita-Schließungen waren, rückblickend betrachtet, nicht ganz so dringend nötig, gab Berlins Regierender Bürgermeister zu.  Es könne bei den Zahlen aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass es nicht doch wieder soweit kommt. Schulen und Kitas seien nicht die Infektionstreiber, aber natürlich wird von hier das Virus in die Familien getragen.

Was niemand bei "Anne Will" thematisierte, waren die Bedingungen, unter denen Kinder nun in die Schule gehen sollen: Denn während es für Angestellte oft mannigfaltige Lösungen gibt, wo weiterhin über Abstand halten, Luftfilteranlagen, Trennwände und Hygienemaßnahmen gesprochen wird, da haben SchülerInnen oft gar keine Chance. Abstand halten können sie nicht. Und eine FFP2- Maske, wie Virologin Rübsamen-Schaeff sie allen BürgerInnen empfahl, gibt es auch eher selten in Kindergröße. Der Schutz der Kinder und Familien steht also auch bei dieser zweiten Welle nicht wirklich im Vordergrund.

Private Kontakte einschränken

Abgesehen von AHA-Regeln gibt es ohnehin wenig, was so richtig beschlossen ist – das gaben auch die Anwesenden in der Talkshow zu bedenken und appellierten immer wieder an die Eigenverantwortung der Menschen. Wir alle müssen unseren Teil dazu beitragen, dass die Kurve abflacht, dass sich nicht immer mehr Menschen mit Corona infizieren, nicht immer mehr Menschen auf die Intensivstation müssen und im schlimmsten Fall an Corona sterben. Wir sollen unsere privaten Kontakte einschränken, wir sollen am besten, so fasst Laschet die Aussagen der Bundeskanzlerin in eigenen Worten zusammen, "alles lassen" für zwei bis drei Wochen.

Nur, was nützt das, wenn jene, die sich seit Monaten privat einschränken, dies auch weiterhin tun, während andere durch Berlin ziehen und ohne Maske mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und "Maske ab, Maske ab" skandieren? "Jeder muss den andere schützen", appellierte die Leiterin des Gesundheitsamtes Wiesbaden, Kaschlin Butt. Nur so, mit gegenseitiger Rücksichtnahme, sei es möglich, die Ausbreitung zu verlangsamen. Einige Gesundheitsämter seien inzwischen an ihren Kapazitätsgrenzen angelangt und könnten die Kontaktverfolgung nicht mehr zu jeder Zeit gewährleisten. Da sei es eine aus der Not geborene Idee, dass die Corona-Infizierten aufgefordert werden, ihre Kontaktpersonen selbst über die Infizierung zu informieren. So weit, so logisch. 

Mehr Zugriff bei der Corona-App?

Aber was ist mit denen, die man getroffen hat, aber gar nicht kennt – etwa denen, denen man in öffentlichen Verkehrsmitteln notgedrungen zu nah gekommen ist? Hier wünscht sich Kaschlin Butt Unterstützung in Form der Corona-App. Es solle möglich sein, dass die Gesundheitsämter an die App angeschlossen werden. Die Mensch-zu-Mensch-Befragung sei oft nicht ausreichend, die "Technik könnte viel, viel mehr". Beinahe reflexartig verwies Gerhart Baum auf den Datenschutz. Niemand kommentierte dagegen, dass die jetzige Corona-App dazu wohl überhaupt nicht in der Lage ist, solche Daten zu sammeln.  

Weitere Themenpunkte:

–    CDU-Parteitag: Armin Laschet erörterte mehrfach seine Gründe dafür, dass er der Meinung ist, dass der CDU-Parteitag nicht als Präsenzveranstaltung stattfinden soll. Eine Entscheidung aber wird Annegret Kramp-Karrenbauer fällen.  

–    Parlamente bei all den Maßnahmen nicht vergessen: Gerhart Baum wies darauf hin, dass die Verfassung nicht immer über allem steht. Er warb dafür, dass die Zustimmung der Parlamente bei Maßnahmen eingeholt werde. Denn die permanente Drohkulisse sorge nicht für Akzeptanz.

–    Unterstützende Maßnahmen: Die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff fordert eine konsequente Maskenpflicht und rät auch zu FFP2- Masken

–    Lockdown ist kein Allheilmittel: Das sagte Julian Nida-Rümelin und verwies darauf, dass gerade die Länder, die einen harten Lockdown für mehrere Monate hatten, nun trotzdem wieder steigende Zahlen verzeichnen. 

Bei all den Vorgaben und Appellen zur Kontaktbeschränkung und zum Abstandhalten war es dann doch irritierend zu sehen, dass Armin Laschet und Gerhart Baum während des Abspanns recht nah beieinander standen. Genau dieses Verhalten führt schließlich dazu, dass BürgerInnen die Maßnahmen anzweifeln. Dabei werden die AHA- Regeln unser aller Leben noch eine sehr lange Zeit bestimmen. 


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