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24. Juli 2010, 23:10 Uhr

"Nur noch raus aus diesem Irrsinn!"

Sie waren gekommen, um zu feiern. Doch die Loveparade in Duisburg endete für 19 Raver mit dem Tod - und wurde für viele andere zum schrecklichsten Ereignis ihres Lebens. Von Frank Gerstenberg, Duisburg

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Gegenseitiger Trost: Nach der Massenpanik stehen viele Besucher unter Schock© DPA

Susa, Helge und ihre Clique aus Recklinghausen und Marl wollen nur noch weg. Raus aus Duisburg. "Das war der totale Schwachsinn hier", sagt Sandra (Name geändert), lange schwarze Haare, tellergroßes Tattoo auf dem Rücken. Die jungen Leute zwischen 22 und 27 Jahren wollten feiern, tanzen, "Spaß haben". Statt fetziger Techno-Musik hören sie jedoch seit drei Stunden nur Krankenwagen-Sirenen und Martinshörner. Solange latschen sie wie viele andere verhinderte Raver quer durch Duisburg. Weg vom Zentrum, weg vom Chaos, weg von Toten und Verletzten. Hin zu irgendeiner Autobahnauffahrt, die noch nicht gesperrt ist an diesem Samstagabend. Ihr Vater will sie abholen. Vor zwei Stunden hatte er seiner Tochter eine SMS geschickt: "Wie geht es euch? Ist alles in Ordnung?"

Kurz zuvor hatte er die schreckliche Nachricht im Radio gehört: Mindestens 15 Tote - nachdem weitere Menschen im Krankenhaus ihren Verletzungen erliegen, sind es am frühen Sonntagmorgen sogar 19 - und 80 Verletzte bei der Loveparade in Duisburg. Zu Tode getreten in einem Tunnel, der die 1,4 Millionen Raver vom Hauptbahnhof zum Partygelände auf dem alten Duisburger Güterbahnhof führen sollte. Dieser Plan sei der "totale Irrsinn" gewesen, sagt Helge Stöcker (26), Student aus Marl. Er war 2007 in Essen bei der Loveparade dabei. "Dort waren zwei Millionen Menschen. Alles war perfekt organisiert. Der gesamte Innenstadtbereich war offen, man konnte von allen Seiten an die Floats." Hier gab es stattdessen nur einen Eingang, durch den sich weit mehr als eine Million Musik- und Partyfans auf ein Gelände zwängen sollten, das zudem nur für 400.000 Menschen ausgelegt gewesen sein soll. "Das konnte nicht gut gehen", sagt Susa aus Marl.

"Menschen liefen über die am Boden Liegenden"

Augenzeuge Thomas Rose hat die Katastrophe miterlebt: "Die Leute stolperten in dem Tunnel, der nach hinten immer enge wurde. Von hinten kam immer mehr Druck. Ich habe Tote gesehen, furchtbar. Die Security-Leute waren total überfordert. Sie trugen Verletzte und Tote und wussten nicht wohin." Ein anderer Augenzeuge schilderte im WDR-Radio, wie es zu den schrecklichen Ereignissen kam: "Die Menge staute sich in dem Tunnel, einige stürzten, Menschen liefen über die am Boden Liegenden, andere versuchten, die Tunnel-Wände hochzuklettern." Malin (17) und Denise (17) aus Holzwickede sitzen zwei Stunden nach dem Unglück weinend und zitternd am Rande des Hauptbahnhofs. Sie haben gesehen, wie Frauen und Männer zu Tode getrampelt wurden: "20-25 Menschen lagen auf dem Boden, teilweise übereinander. Wir konnten nicht mehr weitergehen, es war schrecklich." Die traurige Bilanz der Katastrophe: 19 tote junge Menschen.

Helge und seine Clique aus Marl hatten Glück. Sie kamen gar nicht bis zum Tunnel. Als sie nach einer zweistündigen Irrfahrt mit Bus und Bahn um 17.30 Uhr am Duisburger Hauptbahnhof ankamen, ging schon nichts mehr. "Alles war gesperrt. Wir durften gar nicht mehr aufs Gelände. Die Polizei hatte alles abgeriegelt." Die zehnköpfige Clique biegt in Seitenstraßen ab, wo Kneipenbesitzer Boxen auf die Straße gestellt haben. "Wir wollten wenigstens ein bisschen feiern und tanzen und Spaß haben. Deswegen sind wir ja hierhin gekommen", sagt Helge. Denn die Loveparade müsse man "mitgemacht" haben. "Das ist ein außergewöhnliches Ereignis. Eine Kultur, die man miterleben muss oder kann, je nach Alter", sagt der 26-Jährige.

"Ich bin total fertig"

Diesmal war es jedoch ein außergewöhnlich schreckliches Ereignis. Als die ersten Nachrichten über die Katastrophe durchsickern, hat die Clique die Schnauze voll. Seit drei Stunden marschieren sie quer durch Duisburg vom Zentrum bis zur Autobahnauffahrt Wedau. Vorbei an zig Kranken-, Rettungs- und Polizeiwagen. Sirenen statt Techno. Sandra hat ihre schwarzen kniehohen Stiefel längst gegen die bequemen weiß-blauen Slipper getauscht. "Ich bin total fertig. Und wenn ich heute Abend in Bottrop in der Kneipe sitze, Hauptsache, ich komme noch unter Menschen.

Von Frank Gerstenberg, Duisburg
 
 
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