Das Tagebuch von Sebastian B.

22. November 2006, 16:26 Uhr

Es ist ein erschütterndes Dokument - das Tagebuch des Amokläufers Sebastian B., das sternTV und stern.de vorliegt. Es zeigt einen Jugendlichen, der von seiner Wut, seinem Frust, seinem Weltschmerz, seiner Egozentrik und seinem Selbstmitleid zerrissen wurde.

Präzise Liste seiner Opfer (r., unkenntlich gemacht) in Tagebuch©

Am 13. November hatte sich Sebastian B. entschieden: "Es gibt kein zurück mehr", schreibt er an diesem Tag, einem Montag, in sein Tagebuch. Auf Englisch, wie schon die Tage zuvor. Der 18-jährige Amokläufer hatte offenbar seine alten Vorderladerwaffen erstmals ausprobiert und notierte freudig in Großbuchstaben: "THAT SHIT WORKS!" Am Ende des Eintrags, die fast erleichtert klingenden Worte: Am "20. November hat die Scheiße ein Ende".

Das Tagebuch des 18-jährigen Amokläufers von Emsdetten ist ein erschütterndes Dokument. Es zeichnet das Bild eines frustrierten und gedemütigten, aber auch egozentrischen und selbstmitleidigen Jugendlichen mit Todessehnsucht. Einem Teenager, der "nie eine Freundin, und nur einmal, betrunken, ein Mädchen geküsst hatte". Einem jungen Mann, der glaubte, in einem undemokratischen "Fascholand" zu wohnen. Einem Waffennarr, der sein und das Ende seiner Mitschüler und Lehrer akribisch vorbereitete.

Bei seinem Amoklauf soll Sebastian B. seinem Bruder begegnet sein und ihm gesagt haben: "Hau ab oder ich erschieß Dich." Seine Familie, das wird aus den Tagebucheinträgen deutlich, die stern.de und stern TV vorliegen, tut ihm leid. "Ich hasse die Menschheit, ausgenommen mich und meine Familie!", schreibt er am 25. August 2006. Einen Tag vor der Tat, am Sonntag, den 19. November: "Dies ist der letzte Abend, den ich erleben werde. Ich sollte glücklich sein, aber irgendwie bin ich es nicht. Es ist wegen meiner Familie. Sie sind alle gute Menschen und ich werde ihnen morgen wehtun. Es ist traurig, dass ich sie nach morgenfrüh nicht mehr wieder sehen werde. Zu denen, die ich liebe, sage ich: Dies alles tut mir so leid".

Traktate über ihn, den Missverstandenen

Sentimentale Einträge wie diese finden sich selten in B.'s Tagebuch. Häufiger dagegen: Traktate über "hardcore-konservativen Einstellungen" seines Umfelds, die ihn, den Missverstandenen, nicht ihn selbst sein lassen wollen. Verwirrte Abhandlungen über die Ähnlichkeiten des Dritten Reichs mit dem Deutschland von heute. "Vergleicht man den heutigen Staatsapparat mal mit dem von Hitler wird man ganz schnell feststellen, dass es die alte Suppe in neuen Dosen ist, was man uns hier als Politik verkaufen will!", heißt es an einer Stelle und an einer anderen: "Drecksstaat! Drecksplanet! Drecksleben".

Regelrecht begeistert war der 18-Jährige dagegen von Waffen, Schul-Schießereien und vor allem von Eric Harris, einem der beiden Attentäter des Columbine-Massakers von 1999. "ERIC HARRIS IST GOTT", heißt es Ende September in seinen Aufzeichnungen. Einen Monat vorher: "Stell Dir vor, Du stehst in deiner alten Schule, stell dir vor, der Trenchcoat verdeckt all deine Werkzeuge der Gerechtigkeit, und dann wirfst du den ersten Molotow-Cocktail, die erste Bombe." Harris, hatte in Littleton zur so genannten Trenchcoat-Mafia gehört und bei seinem Amoklauf Bomben dabei gehabt, die aber nicht explodierten. Ein "Fehler", den B. nicht machen wollte. Nach seiner eigenen "Inventurliste" hatte der 18-jährige acht Rohrbomben dabei.

Stolz mit Waffen geprahlt

An fünf Stellen seines Tagebuch kommt B. auf sein Waffenarsenal zu sprechen - offenbar nicht ohne Stolz. Teilweise gibt er ihnen auch Namen: "Jill" heißt der kleine Vorderlader, "BFG" die Flinte und "Mister Pästerich" seine 45-Kaliber-Pistole. Detailliert listet er die Anzahl seiner Messer, Rauch- und Rohrbomben auf. Berichtet darüber, wie viele Patronen er für welche Schusswaffe er wieder besorgt hat. Am 18. Oktober notiert er genervt: "Eventuell noch Ammoniumnitrat, ich könnte an das Scheißzeug kiloweise rankommen, aber die Möglichkeit damit zu experimentieren, habe ich nicht." Ammoniumnitrat kann zum Bombenbau verwendet werden.

Auch über seine Opfer hatte er sich genaue Gedanken und die Liste "Primäre Personenziele" mit zwölf Namen gemacht. Sie wurden alle wieder durchgestrichen - bis auf zwei Namen, die Sebastian B. erneut notierte. Als "Primäres Gebäudeziel" schreibt er immer wieder GSS - die Abkürzung für Geschwister-Scholll-Schule. Am Ende, am 13. November, schreibt Sebastian B. seine Einträge nur noch auf Englisch. Die ganze Welt soll von seiner Tat erfahren, sie verstehen, sie nachvollziehen können. Sein Tagebuch hatte Sebastian B. kurz vor seinem Amoklauf noch per E-Mail an Freunde verschickt. Die letzten Tage seines Lebens zählte er runter, seine Stimmung wechselt von hasserfüllt, wild entschlossen zu selbstmitleidig, depressiv. Am Ende der Eintrag: "Ich hoffe, dass andere Ausgestoßene nach GSS (dem Amoklauf, d. Red.) besser behandelt werden." Einen Tag später, Montag, der 20. November, endet das Tagebuch mit einem schlichten "That's it".

Niels Kruse

Lesen Sie auf folgenden Seiten Auszüge aus dem Tagebuch von Sebastian B. Die Abschrift orientiert sich weitgehend an den Original-Einträgen.

stern TV

stern TV Über den Amoklauf von Emsdetten berichtet heute Abend stern TV, live um 22.15 Uhr bei RTL. Zu Gast bei Günther Jauch ist der 18-jährige Marco Sch., der den Amokläufer gut kannte: Im Unterricht hatte er neben Sebastian B. gesessen.

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