Amoklauf in Emsdetten Wer war Sebastian B.?


Innerlich zerrissen, frustriert, ausgegrenzt: Nach dem Amoklauf in Emsdetten geht die Suche nach Sinn und Hintergründen für die Tat weiter. Was war Sebastian B. für ein Mensch? Mitschüler hatten Angst vor ihm, er selber schien sich und sein Leben zu hassen.

Warum wurde Sebastian B. zum Einzelgänger? Was ließ ihn in den Strudel geraten, den Gewaltvideos und zwielichtige Kriegsspielchen im Wald entfacht haben mögen? Was ließ ihn schließlich zum Amokläufer werden? Fragen, die auch Lehrer, Psychologen und Seelsorger bislang nur zum Teil beantworten können. "Es handelt sich im Prinzip um einen Selbstmörder, weil er die Sinnhaftigkeit des Lebens nicht mehr erkennt", sagt der Bielefelder Jugendforscher Professor Klaus Hurrelmann.

Lieber Junge von nebenan

Sebastian B. wuchs in Emsdetten in behüteten Verhältnissen als Sohn eines Postboten und einer Hausfrau mit zwei jüngeren Geschwistern auf. Zuletzt arbeitete er als Minijobber in einem Baumarkt - völlig unauffällig, wie sein Arbeitgeber sagt. Einige Nachbarn beschreiben ihn heute noch als lieben Jungen von nebenan, der oft beim Grillen half.

Andere sehen ihn als aggressiven Sonderling mit Hang zur Gewalt. Auch das Bild, das er bei seinen Mitschülern von sich abliefert, könnte zerrissener nicht sein. "Wir hatten Angst vor ihm", sagen die einen über den stets schwarz gekleideten, oft in einen langen Ledermantel oder in Tarnkleidung gehüllten Waffennarr. "Der war eigentlich ganz nett, vielleicht ein bisschen komisch", erklären andere. "Einzelgänger aus Überzeugung" steht in der Abschlusszeitung der Geschwister-Scholl-Realschule. Und als Berufsziel, von Mitschülern ausgesucht: Verteidigungsminister.

Kaum einer der Außenstehenden jedoch dachte wohl so schlecht über den hageren jungen Mann wie er selbst. Sein Internet-Tagebuch gleicht förmlich einer Hasstirade auf sich und sein Leben. "Ich lerne nicht mehr, ich beteilige mich nicht mehr und ich tue eigentlich gar nichts mehr, außer vor mich hinvegetieren. Es ist die Hölle auf Erden...", heißt es in einem Eintrag vom 7. Juni 2005. Er fühlt sich erniedrigt, gedemütigt von Lehrern und Mitschülern, in die Enge getrieben. "Ich hasse es, immer der Doofmann für alle zu sein", schrieb er am 23. Mai. Zuvor berichtet er über seelische Wunden, die vor allem zwischen der 5. und 8. Klasse gerissen worden seien. Einmal sei ihm ein glühender Fahrradschlüssel auf die Haut gedrückt worden.

Faible für Gewaltspiele

Das habe die Schulleitung zur Anzeige gebracht, schreibt er im Internet. Nicht nur das zeigt, dass zumindest ein Teil der kruden Details aus Sebastians sich teils in Internet-Foren abspielenden Lebens auch in der Welt der Erwachsenen bekannt war. Die Lehrer kennen sein Faible für gewalttätige Computerspiele. "Fehlt nur noch, dass er jetzt auf Bilder von uns Lehrern schießt", hat einer erst kürzlich gesagt, erinnern sich Schüler der Geschwister-Scholl- Realschule.

Polizei und Staatsanwaltschaft wissen von seinem Hang zu Waffen, führen sogar ein Ermittlungsverfahren gegen ihn. Aktive Rettungsversuche bleiben anscheinend aus, auch als Sebastian schon 2004 seine Mordgelüste in einem Internetchat einem Sozialnetzwerk offenbart. "Warum hat keiner etwas getan?", fragt sich heute ganz Deutschland. "Hinterher sind alle schlauer", lautet die genauso unbefriedigende wie wahrhaftige Antwort.

Tatsächlich schien vieles im Leben von Sebastian B. fremdgesteuert zu sein, von Zufällen und seiner eigenen Passivität bestimmt, wie aus seinem Internet-Tagebuch deutlich wird. Offensichtlich hat er sich in ein Mädchen verliebt. Er sieht aber zu, wie ein anderer, einer seiner bis dato besten Freunde, ihm zuvorkommt. Sein Hass richtet sich gegen die Schule, wo sich alles abspielt. Aber auch gegen die HipHop-Musik, die das Mädchen und den Nebenbuhler verbindet. Auch in seinem Abschiedsbrief drückt er seinen Hass allem gegenüber aus, was andere in der Gunst der Auserwählten besser stellte: Von "coolen" Sprüchen bis hin zu Marken-Klamotten.

"Basti", wie Mitschüler ihn nennen, hat aber auch eine andere Seite. Wenn es um gewalttätige Videospiele im Internet geht, wie Counter-Strike oder doom, dann ist er nicht mehr zurückgezogen. Dann ist er in seiner Welt, dann wird er sehr aktiv. Auch bei Kriegsspielen im Wald steht er - teils schwer bewaffnet und in einen Tarnanzug gekleidet - in vorderster Front. Er beschwert sich sogar über Mitspieler, die nicht kraftvoll genug mitzögen. "In der fiktiven Welt des Spiels war er kein Verlierer, er fühlte sich hier stark", sagt Jugendforscher Hurrelmann. Warum das keiner der Erwachsenen im Umfeld des Attentäters rechtzeitig gemerkt hat - das bleibt vorerst im Dunkeln.

Michael Donhauser, dpa DPA

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