Der Oslo-Attentäter Breivik zitiert in seinem wirren Manifest Henryk M. Broder. Sind der Publizist und andere Anti-Islamisten deshalb "geistige Mittäter"? Darüber ist eine traurige Debatte entbrannt. Von Carsten Heidböhmer

Wird von Teilen der Medien heftig attackiert: Islamkritiker Henryk M. Broder© DPA
Henryk M. Broder ist dafür bekannt, dass er gerne provoziert, zuspitzt und kaum eine Auseinandersetzung scheut. Er teilt munter aus - und steckt viel ein. Doch seit ein paar Tagen hat die Auseinandersetzung eine andere Dimension erreicht: In seinem 1500 Seiten dicken wirren Manifest hat Anders Behring Breivik, der Attentäter von Oslo, ein fünf Jahre altes Interview zitiert, das Broder einer holländischen Zeitung gegeben hatte. Darin hatte der Publizist von der schleichenden Islamisierung Europas gesprochen. Über den islamkritischen norwegischen Blogger "Fjordman", der dieses Interview in seinem Text "Islamisation and Cowardice in Scandinavia" erwähnte, fand es Eingang in Breiviks Manifest.
Seit dies bekannt geworden ist, sieht sich Broder heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Besonders aggressiv sind die Attacken auf seiner Homepage: "Sie sind schuld am Amoklauf!" heißt es da, als habe Broder den Abzug gedrückt. Die Beschimpfungen gehen weit über den Rahmen des Erträglichen hinaus. "Zionnazi" ist noch das harmloseste Wort. Broder lässt diese Kommentare so stehen. Das ist seine Vorstellung von Meinungsfreiheit - Zensur ist ihm verhasst.
Auch in Teilen der Medien wird Broder gescholten. In der linksalternativen "tageszeitung" etwa bezeichnete Robert Misik Broder und andere Islamkritiker als "geistige Mittäter". Man müsse verhindern, dass Breivik zum irren Einzeltäter verklärt werde. Das Problem sei vielmehr, dass Hass gegen Muslime, Ausländer und Multikulti gesellschaftsfähig geworden sei. Der Journalist und Rechtsextremismus-Experte Patrick Gensing, der auf
Es geht hier also um weit mehr als Henryk M. Broder. Es geht um alle, die islamkritische Positionen vertreten. Autoren des von Broder mitbetriebenen Blogs "Achse des Guten", aber auch Thilo Sarrazin oder die Frauenrechtlerinnen Seyran Ateş und Necla Kelek stehen plötzlich unter dem Verdacht, Stichwortgeber eines Terroristen zu sein.
Haben all diese Menschen ein Klima des Hasses verbreitet? Den Vorwurf weisen die Autoren vehement zurück. Broder selbst hat dies bereits Anfang der Woche in der "Welt" getan. Im stern.de-lnterview hat er seine Position noch einmal bekräftigt: "Keiner der Leute, die jetzt über mich herfallen, macht sich die Mühe, auch nur einen einzigen Beleg dafür anzuführen, dass ich irgendwas gesagt habe, das inhaltlich mit dem Blogger übereinstimmt." Von der Kritik lässt er sich nicht unterkriegen: Solange es Meinungsfreiheit gebe, "mache ich, was ich will".
Dass die permanenten Vorwürfe aber an den Nerven zehren, wird in einer Äußerung von Necla Kelek deutlich: "Was zur Zeit an Verbindungen konstruiert, an persönlichen Beleidigungen, üblen Nachreden, Drohungen gegen islamkritische Stimmen durch die Medien geistert, erfüllt zum Teil strafrechtliche Tatbestände", sagt sie im "Welt"-Interview.