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Analyse

Jüdischer Publizist: Warum die Geschichte mit Broder und der AfD nicht so einfach ist, wie es scheint

Der jüdische Publizist Henryk M. Broder hat zum Holocaust-Gedenktag eine Rede vor der AfD-Bundestagsfraktion gehalten - das sorgt für viel Aufruhr. Noch mehr wird über ein Foto diskutiert, das ihn und Alice Weidel in inniger Umarmung zeigt.

Hendryk M. Broder

Hendryk M. Broder im September 2018 auf der 70-Jahr-Feier der "Welt"

Picture Alliance

Die Debatte ist in vollem Gange: Der bekannte Autor und "Welt"-Kolumnist Henryk M. Broder hat eine Einladung der AfD-Bundestagsfraktion angenommen und vor den Abgeordneten am Dienstagabend eine Rede zum Thema "Wie die Political Correctness die Demokratie gefährdet" gehalten. In den sozialen Medien wird seitdem kontrovers über den Auftritt diskutiert. Broder gilt vielen Linken als Feindbild, weil er den rechtskonservativen Blog "Achse des Guten" betreibt und politische Positionen mit der AfD teilt wie etwa die Ablehnung der Flüchtlingspolitik oder seine Kritik am Islam. Besonders heftig wird ein Foto kritisiert, das die AfD-Fraktion nach der Rede veröffentlichte: Es zeigt, wie Fraktionschefin Alice Weidel Broder lächelnd umarmt.

Die "Welt" veröffentlichte daraufhin den Redetext, dem eine Entschuldigung Broders vorangestellt ist: "Als Journalist sollte man auf Distanz zu Politikern und Politikerinnen achten. Es gibt freilich keinen Grund, aus dieser Umarmung weiter gehende Schlüsse zu ziehen. Ich bitte um Entschuldigung und gelobe, bei der nächsten Gelegenheit vorsichtiger zu sein", schreibt Broder, dessen Eltern Auschwitz und Buchenwald überlebt haben.

Die Rede ist ein typischer Broder. Sie ist gespickt mit Ironie und Polemik gegen politische Gegner und angebliche gesellschaftliche Missstände. Der Klimawandel ist ein "Fetisch der Aufgeklärten" und übertriebene Political Correctness "bedroht die Meinungsfreiheit". Ein deftiger Seitenhieb auf die Grünen und deren Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter darf zu Beginn nicht fehlen. Die eingeübten Reiz-Reaktion-Schemata funktionieren immer - links wie rechts. Wie im Video zu sehen ist, hatte der Kolumnist damit die Lacher auf seiner Seite. Im Zusammenhang mit der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg spricht Broder von "Kindesmissbrauch". Dass solche Vergleiche genauso dümmlich sind wie die vom ihm viel kritisierten Vergleiche des Holocausts mit dem Klimawandel  - geschenkt.

Henryk M. Broder: Ein Jude spricht vor Nazis

Interessanter ist die Rede da, wo Broder klar Position bezieht: So sagt er eingangs: "Ein Besuch bei Ihnen stand nicht auf meiner Liste, ich habe die Einladung trotzdem gerne angenommen, wann bekommt ein Jude schon die Gelegenheit, in einem Raum voller Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Para-Nazis aufzutreten?" Aus Text und Video geht nicht ganz klar hervor, ob hier nicht auch Ironie mit im Spiel ist, wenn Broder von "Nazis" spricht, aber einige AfD-Abgeordnete dürften doch geschluckt haben an dieser Stelle.

Und wer in der AfD geglaubt hat, dass der Gastredner die Political Correctness in Bausch und Bogen verteufelt, sah sich getäuscht. Broder ist hier differenzierter, als es so manchen Kritiker der Political Correctness recht ist: "Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich dazu sagen, dass ich kein prinzipieller Gegner der Political Correctness bin, wenn damit gemeint ist, dass es Dinge gibt, die man nicht tun darf und nicht propagieren sollte." Die Relativierung der Nazi-Herrschaft, die die AfD gern betreibt, kritisiert er mit Bezug auf eine Aussage von Partei-Chef Alexander Gauland scharf: "Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die zwölf schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte nicht einen 'Vogelschiss'."

Andere Aussagen stehen ebenfalls im krassen Gegensatz zu Positionen der AfD: "Ich trete für eine bunte, offene und tolerante Gesellschaft ein, in der niemand ausgegrenzt wird" oder "Ich beurteile die Menschen in meiner Umgebung nicht nach Herkunft, Hautfarbe oder Religion, sondern danach, ob sie (…) auch andere Meinungen als die eigenen gelten lassen."

Ratschläge, um Broder als AfD-Wähler zu gewinnen

Am Ende seiner Rede spricht der Kolumnist darüber, was passieren müsste, damit er, ein bekennender Wechselwähler, die AfD wählen könnte: "Sie müssten Ihre Begeisterung für Russland und Putin dämpfen, Ihre USA-Allergie kurieren, Zweideutigkeiten in Bezug auf die deutsche Geschichte unterlassen und sowohl Ihren Mitgliedern wie Wählern klaren Wein darüber einschenken, dass Sie kein Depot für kontaminierte deutsche Devotionalien sind."

Die Reaktionen in den sozialen Medien sind gespalten - so wie fast immer bei Broder, dessen Geschäftsmodell auch die laute und stammtischtaugliche Provokation ist. Bevor er seine Rede begann, sagte er: "Es gibt auch nette Linke, vernünftige Linke, normale Linke, ich bin zum Beispiel einer." Ob das nun wiederum ironisch gemeint war, soll jeder selbst entscheiden.

Pro und Contras zu Broders Rede vor der AfD-Fraktion:

Pro

Contra