Hund im Hundefutter

9. April 2013, 16:50 Uhr

In Spanien scheinen Hundekadaver zu Tiernahrung weiterverarbeitet worden zu sein. Die Ermittler schließen nicht aus, dass Bestandteile von Haustieren auch in die menschliche Nahrungskette gelangten. Von Lisa Rokahr

Hundefutter, Futermittel, Lebensmittel, Skandal

Hundekadaver haben in Hundefutter nichts zu suchen©

Nach dem Pferdefleisch-Skandal droht nun ein Hundefleisch-Skandal. Im Zentrum der spanischen Ermittlungen steht eine private Tierkörperverwertungsanlage in der Nähe von Salamanca, die unter anderem Fette und Tiermehl für Trockenfutter herstellt. Die Firma selbst schildert sich als umweltfreundlich und innovativ. Die Anwohner beschreiben sie hingegen als laut und stinkend. Seit Jahren beschweren sie sich über "unerträgliche Gerüche", die vom Firmengelände in die nächstgelegenen Wohnsiedlungen wehen. Dass die Firma nicht so sauber ist, wie sie sich selbst präsentiert, fanden nun Ermittler der Guardia Civil heraus: In einer Produktionsanlage, die gewöhnlich Fleischabfälle in Basisprodukte für Tiernahrung verarbeitet, wurde DNA von Hunden festgestellt.

Die Polizei wies anhand der Laborergebnisse schon im Januar in einem internen Bericht an das zuständige Gericht auf ein "ernstes Risiko für die öffentliche Gesundheit und Tiergesundheit" hin. Abnehmer der Produkte sollen 42 Unternehmen aus Spanien, aber auch den Niederlanden und Portugal sein.

Verarbeitet statt verbrannt

Die Polizei in Spanien vermutet ein kriminelles Netzwerk hinter der Verunreinigung des Futters, in das auch Transporteure und Tierheime verwickelt sein sollen. Die Täter sollen tote Haustiere und Straßenhunde gesammelt haben, die verbrannt werden sollten. Stattdessen sollen sie jedoch zu Tierfutter weiterverarbeitet worden sein.

Haustiere fallen, ebenso wie an Krankheit verstorbene Tiere unter die so genannte Kategorie 1 und müssen nach EU-Vorschrift vernichtet werden. Nur Schlachtabfälle nach Kategorie 3 dürfen zu Tiernahrung verarbeitet werden.

Olga Costa ist Vorsitzende eines kleinen Tierheims in Cambados. Vor einem Jahr bekam sie anonyme Hinweise über eine andere Auffangstation zugeschickt, die herrenlose Hunde aufnimmt. Olga Costa entdeckte "elende" Zustände auf dem Gelände, sie rief sofort die Polizei. "Die Hunde waren abgemagert, krank, die Umgebung völlig verdreckt." Die Tiere dort würden verenden und fragwürdig entsorgt werden, keiner interessiere sich für sie. Olga Costa brachte die Ermittler auf eine Spur, die zu einem schockierenden Fund führte: In einem Lager in Galizien fand die Polizei 15 Tonnen Tierleichen, in einem weiteren Transporter dutzende Kadaver von Hunden, Katzen und Wildtieren.

Einschlägig bekannte Firma im Verdacht

Die Ermittler gehen davon aus, dass diese Tiere nur zwischengelagert wurden, um sie später zu Futtermitteln zu verarbeiten. Die beschuldigte Firma bei Salamanca ist der Polizei einschlägig bekannt: Vor vier Jahren wurde ihr schon einmal vorgeworfen, Tiere zu Futter verarbeitet zu haben, die eigentlich hätten vernichtet werden müssen. Damals musste das Unternehmen 1500 Euro Strafe bezahlen, der Betrieb wurde vorübergehend geschlossen. Auch dieses Mal bewerten die spanischen Behörden die Brisanz des Themas höchst unterschiedlich: Während die Polizei lückenlose Aufklärung fordert, um zu verhindern, dass die Produkte in den Lebensmittelkreislauf gelangen, spricht das Landwirtschaftsministerium von "Spekulationen". Dabei ist der alarmierende Ermittlungsbericht der Polizei bereits drei Monate alt. Inzwischen interessiert sich auch die Europäische Kommission für den Fall, eine Anfrage an die spanischen Behörden blieb bisher allerdings unbeantwortet.

Ob Futter mit Hunde-DNA aus Salamanca auch nach Deutschland gelangt ist, steht noch nicht fest. "Wenn jemand gezielt Hundefleisch für die Herstellung von Tierfutter benutzt hat, dann ist das nicht nur abartig, sondern kriminell", sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, stern.de.

Futtermittelmarkt ist schwierig zu überwachen

Der größte Tiernahrungslieferant für Deutschland ist die Firma Mars Petcare. Sie produziert Marken wie Whiskas, Pedigree, Chappi oder Frolic. Unternehmenssprecherin Caroline Taiber betont, dass das Unternehmen achte strikt auf ihre Zulieferer: "Dadurch ist gewährleistet, dass nur die entsprechende Kategorie der Rohmaterialien in die Verarbeitung gelangt."

Doch der Tierfuttermarkt ist international verzweigt, sagt der Europaabgeordnete Alyn Smith, Mitglied des Ausschusses für Landwirtschaft. Er bemängelt, dass die Rückverfolgung der Bestandteile kaum möglich sei, wenn aus Fleisch getrocknete Proteine werden: "Ich befürchte, dass angesichts des EU-weiten Tierfuttermarkts diese Kontamination wesentlich weiter verbreitet sein könnte." Die spanischen Ermittler warnen in ihrem Bericht davor, dass die Produkte in die menschliche Nahrungskette gelangt sein könnten. Ob es deutsche Abnehmer der Produkte gibt, ist noch nicht bekannt. Niederländische Medien meldeten am Wochenende, dass in Amsterdam Hackbällchen gefunden wurden, die Hundefleisch enthielten. Das Fleisch soll ebenfalls aus Spanien kommen.

Mit Recherchen von Malte Arnsperger, Ingrid Eißele, Barbara Platsch

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