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Schwarzfahrer in Uniform

Fahren in der ersten Klasse? Für viele Polizisten offenbar eine Selbstverständlichkeit - auch ohne gültiges Ticket und entgegen der Vorschriften. Fahrgäste der Bahn sind empört, das Image der Polizei könnte erheblich leiden.

Von Kerstin Schneider

Fast jeden Morgen steigt Hauptkommissar S. in den Vorortzug Richtung Hamburg. In der Hansestadt arbeitet der Streifenpolizist als "bürgernaher Beamter". Auf seiner Fahrt zum Dienst sucht der "Bünabe" allerdings nicht gerade die Nähe zu seiner Klientel. Hauptkommissar S. setzt sich in die erste Klasse. Die teure Fahrkarte spart er sich. "Ich mache das schon seit Jahren", sagt er.

Polizeibeamte, die sich ohne Fahrschein in die erste Klasse setzen, haben jetzt für Ärger gesorgt. Die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) in Kiel hat dem Innenministerium des Landes Schleswig Holstein einen Beschwerdebrief geschickt. "Wir möchten höflichst darauf hinweisen, dass sich die Freifahrt für Beamte im Dienst auf die 2. Klasse beschränkt", heißt es darin. Und weiter: "Es gab schon Unstimmigkeiten, wenn die Polizeibeamten von unserem Personal der 1. Klasse verwiesen wurden."

Weder das Innenministerium noch die NOB wollen den Vorgang offiziell kommentieren. Doch ein Schaffner nimmt gegenüber stern.de kein Blatt vor den Mund. "Die Polizisten setzen sich einfach in die erste Klasse und vertrauen darauf, dass wir beide Augen zu drücken, weil sie ja eine Uniform tragen. Das tun die meisten Kollegen natürlich auch, denn im Notfall sind wir ja auf die Polizisten angewiesen. Doch wehe, man wagt es, die Beamten darauf hinzuweisen, dass sie in der ersten Klasse nichts zu suchen haben, dann werden sie pampig." Und ein anderer Schaffner erzählt: "Ich habe schon Fahrgäste erlebt, die keine Uniform trugen und meinten, sie dürften umsonst in der ersten Klasse fahren, weil sie in der Hamburger Innenbehörde arbeiten."

Optische Präsenz sehr wichtig

In 14 Bundesländern dürfen Polizeibeamte in Uniform nach einer Vereinbarung zwischen den Innenministerien und der Bahn umsonst mit den Zügen des Nah- und Fernverkehrs fahren. In Baden-Württemberg gilt die Vereinbarung nur für den Nahverkehr. In Sachsen-Anhalt müssen Beamte ihre Bahnfahrten bezahlen. In den übrigen Ländern sollen die Fahrgäste in Uniform das "subjektive Sicherheitsgefühl der Reisenden" steigern, Randalierer und Schwarzfahrer dingfest machen. Uniformierte Polizisten dürfen allerdings nur umsonst in der zweiten Klasse fahren. "Die zweite Klasse wird durch Reisende, Berufs- und Schülerverkehr wesentlich mehr genutzt", erklärt Bahn-Sprecher Hartmut Sommer. "Hier ist die optische Präsenz der Polizeibeamten am Wirksamsten." Uniformierte Polizisten, die dennoch erster Klasse fahren wollen, müssen sich also eine Fahrkarte kaufen. So wie jeder andere Fahrgast auch.

Doch Hauptkommissar S. ist nicht der einizige Schwarzfahrer in Uniform. Auch Kommissar A. schätzt den Komfort von Tischen und Ledersitzen. "Ich weiß gar nicht, wo das Problem ist, in der ersten Klasse ist doch genug Platz", meint er. Polizeihauptmeister D. blafft: "Ich darf in Uniform fahren, wo ich will." Und Wasserschutzpolizist Sch. verteidigt sich mit den Worten: "Ich bin vom Zugbegleiter eingeladen worden, in der ersten Klasse zu fahren."

Doch nicht nur Zugbegleiter ärgern sich über die Schwarzfahrer in Uniform. Auch bei den Fahrgästen regt sich Protest. "Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass sich Beamte einen Vorteil herausnehmen, für den andere Fahrgäste teuer bezahlen müssen", sagt Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes. Immerhin sind Bahnkarten der ersten Klasse bis zu 60 Prozent teurer.

Die braven Bayern

Nicht nur deshalb findet der Krimiautor Walter K. Ludwig ("Die Wandlitz-Papiere") das Verhalten schwarzfahrender Polizisten "unverschämt". Der Schriftsteller hält das "selbstherrliche Verhalten" der Beamten fast für ein Politikum. "In einer Demokratie dürfen auch Uniformträger nicht einfach machen, was sie wollen", sagt der Historiker und Politologe. Ludwig, der in Hamburg lebt, hat den Eindruck, dass es bei den schwarzfahrenden Polizisten ein "Nord-Südgefälle" gibt. "In Bayern sitzen Polizisten immer brav in der zweiten Klasse", hat der Vielfahrer beobachtet. "Aber je näher ich gen Norden komme, desto mehr Schwarzfahrer in Uniform sitzen in der ersten Klasse."

Hauptkommissar S. ist sich allerdings keiner Schuld bewusst. Er sieht sich nicht als "Schwarzfahrer", sondern als Beschützer. Gerade "die Frauen" unter den Zugbegleitern würden ihn regelrecht dazu auffordern, in der ersten Klasse Platz zu nehmen, behauptet er. "Die wissen dann, wo sie mich finden können, wenn sie Hilfe brauchen."

Die Zugbegleiter können die Beamten allerdings über Lautsprecher ausrufen lassen, wenn es brenzlig wird. Das geht im Zweifelsfall sogar schneller als in die erste Klasse zu laufen, von denen es in den meisten Zügen mehrere Waggons gibt. Darüber hinaus dürfen Zugbegleiter Polizisten gar keinen Platz in der ersten Klasse anbieten. Sie würden sich damit nicht nur eigenmächtig über die Vereinbarung zwischen Bahn und den Innenministerien hinwegsetzen, sondern den Beamten sogar einen Vorteil gewähren, den diese gar nicht annehmen dürften.

Lesen Sie im zweiten Teil. was Fahrgäste dazu sagen und was die Bundespolizei von den Schwarzfahrern hält.

Das Image der Polizei leidet

"Wir haben diese Diskussion vor zwei Jahren breit geführt", erzählt Sandra Pfeifer, Pressesprecherin der Bundespolizei in Potsdam. "Schon damals haben wir den Kollegen ganz deutlich gesagt, dass sie nicht in der ersten Klasse sitzen dürfen, selbst wenn der Zugbegleiter sie ausdrücklich dazu auffordert. Die Kollegen dürfen die erste Klasse nur betreten, wenn sie dort einen Einsatz haben. Oder sie kaufen sich eine reguläre Fahrkarte." Pfeifer selbst ist schon vom Zugbegleiter eingeladen worden, in der ersten Klasse Platz zu nehmen. "Ich habe verzichtet, obwohl ich nur einen Stehplatz hatte. Aber wir dürfen es einfach nicht und daran halte ich mich."

Auch Oberkommissar F., der jeden Tag mit dem Zug zum Dienst fährt, setzt sich "selbstverständlich" in die zweite Klasse. "Wir müssen schon den Anschein der Vorteilsnahme vermeiden", sagt er. "Man stelle sich nur mal vor, ein Polizist erwischt den Zugbegleiter, der ihn in die erste Klasse eingeladen hat, ein paar Tage später bei einer Verkehrskontrolle." Für das "versnobte" Verhalten seiner Kollegen hat F. "nicht das geringste Verständnis". "Da verderben einige, wenige schwarze Schafe das Image der Polizei."

Dass Schwarzfahrer in Uniform das Image der Polizei nicht gerade aufpolieren, sieht auch Ralfmartin Meyer, Sprecher Hamburger Polizei: "Die Polizei Hamburg hat ein hohes Interesse daran, dass die Regelung eingehalten wird", sagt der Kriminaldirektor. "Wir haben alle Mitarbeiter über die betreffende Regelung umfassend informiert, auch darüber, dass ein Verstoß, also zum Beispiel das Fahren in der 1. Klasse, den Tatbestand des Erschleichens von Leistungen gemäß § 265a Strafgesetzbuch erfüllen könnte." Darüber hinaus sei die Regelung, nur in der zweiten Klasse zu fahren, "Teil der Polizeidienstvorschrift". Polizeibeamte, die dagegen verstießen, riskierten nicht nur disziplinarrechtliche, sondern auch strafrechtliche Konsequenzen.

Die Staatsanwaltschaften tun sich allerdings schwer, Schwarzfahrer in Uniform zu belangen. Einige Juristen verneinen das "Erschleichen von Leistungen", weil sich die Polizisten nicht der Kontrolle durch die Bahn entziehen würden. "Es kämen aber unter Umständen Betrugs- oder Korruptionsdelikte in Betracht", sagt Wilhelm Möllers, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hamburg.

In Hamburg sind zwei Polizisten wegen vermeintlichen Schwarzfahrens in Uniform angezeigt worden. Beide Ermittlungsverfahren wurden eingestellt. Bei einem der Beamten war die Beweislage unklar. Der andere Beamte war in Uniform in der zweiten Klasse gefahren, allerdings nicht zum Dienst, sondern nach Süddeutschland in den Urlaub. Hamburger Polizisten ist dies - im Gegensatz zu den Beamten einiger anderer Bundesländer - verboten. Dennoch erkannte der ermittelnde Staatsanwalt keine Straftat, schloss allerdings ein "Dienstvergehen" nicht aus. Mit anderen Worten: Die Polizei muss selbst in den eigenen Reihen durchgreifen.

Beamte besetzen die wenigen Plätze

Ob sich die Freifahrt in Uniform im Vergleich zu den Polizeieinsätzen in den Zügen rechnet, vermag die Bahn nicht zu beantworten. "Es gibt diesbezüglich keine Statistik bei der DB, die eine belastbare Hochrechnung erlauben würde", sagt Bahn-Sprecher Sommer. "Die Kundenbefragungen zeigen aber, dass die Anwesenheit von uniformierten Beamten das subjektive Sicherheitsgefühl der Reisenden steigert."

Doch auch in der zweiten Klasse gibt es Fahrgäste, die sich über uniformierte Polizisten ärgern. Die Beamten dürfen hier zwar umsonst fahren - allerdings ohne Anspruch auf einen Sitzplatz. Sie haben ihren Platz sogar "ohne Aufforderung für zahlende Kunden der DB freizumachen". Doch einige Beamte setzen offenbar auch hier auf die autoritäre Wirkung ihrer Uniform. "Die Verkümmerung sozialer Instinkte in den Personenwagen der Deutschen Bahn zeigt sich auch in dem Verhalten der uniformierten Passagiere", klagte "Fernpendler" Herbert J. aus Bad Hersfeld kürzlich in einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Kaum einer gibt seinen einmal eroberten Sitzplatz ohne Aufforderung her, obwohl nicht er selbst, sondern der Steuerzahler seine Fahrkarte bezahlt hat", schrieb der Fernpendler, der seit sechs Jahren zweiter Klasse fährt. "Die Hemmschwelle, einen Polizisten oder Bundesgrenzschutz-Beamten zum Aufstehen aufzufordern, ist eben für viele Menschen zu hoch."

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