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Liebe, was ist das?

Zweisamkeit von Mann und Frau, Heirat aus Zuneigung, zärtliche Stunden - all das ist verpönt, oft verboten oder gar lebensgefährlich.

Von Christoph Reuter

Er würde in eine große Stadt gehen müssen, so viel war ihm klar. Fort aus dem Dorf, vom Gerede und den Blicken, fort von den Schergen des örtlichen Taliban- Kommandeurs. In der Großstadt gäbe es Freiheit. Also verkaufte Mohammedullah die beiden Esel und machte sich mit Frau, Kindern und seinem jüngeren Bruder auf gen Westen. Nach Kandahar. Ausgerechnet.

Nirgendwo sonst auf der Welt käme jemand auf die Idee, die Gründungsstadt der Taliban-Bewegung als weltoffen zu bezeichnen. Aber von Sabul aus betrachtet, von Mohammedullahs karger, bitterarmer Heimatprovinz ganz im Südosten, bedeutete selbst Kandahar einen Schritt in die Freiheit. Wo Mohammedullah endlich zu sehen hoffte, was er in den fünf Jahren seiner Ehe noch nie im Hellen geschaut hatte: das Gesicht seiner Frau.

Niemals unverschleiert

Kein Mann außer ihrem Vater und ihren Brüdern hatte sie je unverschleiert gesehen. Auch die anderen Frauen im Dorf zeigten sich selbst ihren Männern nicht mit offenem Gesicht.

Mohammedullah war im Iran gewesen, hatte dort illegal als Tagelöhner gearbeitet. Zu Hause beschloss sein Vater: Nun sei es an der Zeit, ihn zu verheiraten. Mit einer Cousine, wie üblich. Mohammedullah wurde nicht gefragt, die Braut erst recht nicht.

Auch danach nahm sie niemals ihren schwarzen Schleier ab. Nicht im Hof, nicht im Haus. Nach draußen ging sie ohnehin niemals, treu der paschtunischen Tradition, dass die Frau nach der Hochzeit ihr Heim, ein hoch ummauertes Anwesen von der Größe eines halben Fußballplatzes, erst als Tote wieder verlassen sollte.

Kondome aus dem Iran

Nie rufe er sie bei ihrem Namen, erzählt Mohammedullah: "Ich sage immer nur: Komm her! Tu das! Mach jenes!" Auch der Sex, erwähnt er beiläufig, sei nicht so viel anders als mit einem Schaf: kurz, bündig, von hinten. Dass sie nach fünf Jahren nur zwei Kinder haben, liegt daran, dass er aus dem Iran etwas mitgebracht hatte, was in seinem Dorf sonst keiner kannte: Kondome. Die wieder und wieder benutzt wurden, denn Nachschub war in Sabul nicht zu bekommen.

Dass seine Frau den Schleier nie lüftete, sei nicht der einzige Grund für seinen Umzug gewesen, gibt Mohammedullah zu verstehen. Es war da noch etwas anderes, er murmelt irgendetwas von seinem Bruder, aber das ist ihm so peinlich, dass er erst sehr viel später davon erzählen wird.

Ein Missverständnis ist durch die Welt gegangen: dass der Sturz der Taliban die Lage der Frauen in Afghanistan grundlegend gebessert hätte. Gewiss, heute treten Frauenrechtlerinnen im Fernsehen auf. Es gibt Parlamentarierinnen, eine Handvoll Polizistinnen und Mädchenschulen in vielen Städten. Aber selbst in Kabul tragen fast alle Frauen immer noch die Burka, jenes plissierte Sackgewand mit winzigem Guckfenster, dessen gängiger Farbton sinnigerweise "Kandahar-Blau" heißt. Und auf dem Lande hat sich im Miteinander von Frau und Mann bis heute so gut wie nichts verändert.

Frauen werden weggesperrt und dürfen nicht arbeiten

Einerseits bedeuten Frauen für den Namus, die Ehre des Mannes, alles. Ihr Gesicht andere sehen, ihren Vornamen andere kennen zu lassen - unmöglich. Schon ein gemeinsames Foto mit dem Ehemann sei sehr heikel, könnte schlechte Rede nach sich ziehen. Frauen müssen weggesperrt, verborgen werden, und es sei eine Schande, gingen sie aus dem Haus, um zu arbeiten.

Andererseits gelten sie kaum mehr als ein Schaf. Sie werden als Mädchen verkauft, als Teenager verheiratet, als Ehefrauen geprügelt. In den Kombi-Taxis reisen sie meist im Kofferraum, und unvergessen ist die lakonische Antwort eines im Oktober 2001 vor den US-Bombardements fliehenden Afghanen auf die Frage, wen er alles dabei habe: "Fünf Männer", seine Söhne, "und elf Stück Vieh." Ziegen, Frauen, Töchter. Er wollte über den Khyberpass, und der pakistanische Beamte trug seine Aufzählung ungerührt in die Papiere ein.

Acht Jahre später sitzt eine Frau auf den Stufen des Gerichts in Masar-e Scharif und weint. Leise, aber zitternd und so voller Verzweiflung, dass selbst ihre Burka es nicht verbirgt. Soeben ist sie von dem Mann geschieden worden, der sie zwölf Jahre lang geschlagen, ausgenutzt und beschimpft hat. Nichts Schlimmeres aber, sagt sie unter Tränen, hätte ihr geschehen können, als dass er sie verlässt. Er hat sie einfach verstoßen. Sie gefalle ihm nicht mehr, sagte er dem Richter. Und behielt ihr kleines bisschen Goldschmuck, wider alle Gesetze - aber sein Vater ist der Gärtner des Richters.

So verzweifelt und wütend ist sie, dass sie etwas tut, was sie sonst nie, nie getan hätte: einem Fremden ihre Geschichte erzählen. Es dauert eine Weile und mehrere Telefonate, bis ein sicherer Ort gefunden ist.

Kinder verkuppelt

Sie kommt mit ihren drei Kindern. Nur zwei große dunkle Augen sind hinter dem Stoffgitter ihrer Burka zu sehen. Sie heiße Nadschla. "Ich war 15, als mein Onkel zu uns kam und mich für seinen Sohn verlangte. Er und mein Vater vereinbarten Badal: dass ich seinen Sohn heiraten würde und mein Bruder dessen Schwester."

Ob sie den Bräutigam mochte? "Neeei, bachoda", nein, bei Gott. "Ich war für die Hochzeit im Schönheitssalon gewesen. Da hat er gebrüllt: Warum bist du da hingegangen? In der Hochzeitsnacht hat er mich das erste Mal geschlagen. Er hat mich nie gemocht. Dabei habe ich wirklich versucht, ihn zu verstehen. Ich brauche nicht viel, ein Stück Brot am Tag reicht. Aber ich hätte so gern ein friedliches Leben gehabt." Sie, die lesen und schreiben kann, musste als Wäscherin für die Nachbarn arbeiten, ihr Mann war Analphabet, verbrachte den Tag zu Hause und verschwand am Abend. Wohin? "Ich weiß es nicht. Seit ich ihn einmal gefragt habe, hat er nicht mehr mit mir geschlafen."

Nie habe das Geld gereicht. Als ihre Tochter krank wurde und dreimal in Kabul operiert werden musste, habe sie das Kind verkauft: "Ich habe tagelang die Wartenden im Hospital gefragt, ob jemand sie nehmen und dafür die Operationen bezahlen würde. Ein altes Ehepaar hat sie gekauft und wird sie nach ihrer Genesung bald zu sich nehmen." Nur ein Glitzern hinter dem Stoffgitter verrät die Tränen der Mutter. Die Tochter lehnt still an ihrem Knie. "Sonst wäre sie jetzt tot."

Geschieden sind Frauen ein Nichts

Nur eines ist schlimmer für sie als alles Elend: dessen Ende. "Ich wollte nicht geschieden werden! Wo soll ich nun hin?" Alle Ansprüche habe ihr der Richter verweigert, er habe sie gezwungen zu verzichten. Die Kinder durfte sie behalten, die interessierten den Mann nicht. Eine Weile könnten sie im Zimmer ihrer Mutter unterkommen, "aber dann?" Geschieden sei sie ein Nichts. Rasch verabschiedet sie sich, verschwindet im Getümmel der Straße, ein hellblaues Nichts.

Das ist Afghanistan im Sommer 2009. Als das Parlament Ende März auf Betreiben von Präsident Karzai ein neues Familienrecht für die schiitische Minderheit beschloss, blieb vom Verfassungsanspruch auf Gleichberechtigung wenig übrig: Frauen dürfen das Haus fortan nur noch mit Genehmigung des Mannes oder Vaters verlassen, sei es zur Arbeit oder auch nur zum Arztbesuch. Und die Frau habe ihrem Mann alle vier Tage zu Willen zu sein. "Sonst muss er ihr nichts zu essen geben", präzisierte Ayatollah Mohseni die Bestimmungen, die maßgeblich auf sein Betreiben entstanden. Auch jener Passus, der Frauen zum Auflegen von Makeup verpflichte, sei nur zu ihrem Schutz gedacht, fügte er mit milder Stimme hinzu. Und gelte nur, wenn der Mann dies wünsche. Damit er nicht das Interesse an der Frau verliere. Auf die Frage, wo das denn im Koran stehe, hat er nie geantwortet.

Am 15. April dann geschah das Unerhörte: Knapp 300 Frauen und einige Männer versammelten sich zur Demonstration gegen das Gesetz. Geplant war ein ruhiger Marsch von Mohsenis Koranschule zum Parlament. Doch am Tor der Madrasa empfingen sie 1000 Jünger des Ayatollah mit Steinen: "Geht nach Hause, ihr Huren! Hündinnen! Tod den Sklavinnen der Christen!" Ein Kordon von Polizistinnen schützte die unterlegene Schar. "Wir wollen doch nur gleiche Rechte …", setzte eine junge Frau im roten Kopftuch an, bevor sie sich vor weiteren Steinwürfen ducken musste. Sie war mit ihrer Schwester gekommen. Gemeinsam gingen sie zu einigen verschleierten Frauen, die am lautesten wider die "Sklavinnen der Ungläubigen" keiften. "Ihr seid doch selber die Sklaven!", riefen die Demonstrantinnen. "Wir kämpfen für euch, und ihr merkt es noch nicht einmal!"

Gelehrter Frauenversteher

Als der Auflauf vorbei war, kam Mohammed Hussein Dschaafar, einer der Mullahs aus Mohsenis Madrasa, auf den Platz. "Das ist eine Auseinandersetzung zwischen Profis und Amateuren", erklärte er und gab zu verstehen, dass er sich zur Riege der professionellen Frauenversteher zähle. "Wir, die Gelehrten, haben Koran und Scharia studiert und kennen uns aus, was Frauen angeht - die Demonstrantinnen tun es nicht. Wir haben dem Gesetz zugestimmt, das Parlament, der Präsident haben es gebilligt. Ganz demokratisch", schob er lächelnd nach.

Die kämpferischen Schwestern werten es unter diesen Umständen schon als Erfolg, dass der Präsident nach der Demonstration das Gesetz überarbeiten ließ, auch wenn die neue Version noch nicht in Kraft ist.

Jalda und Homa Rojan sind ungewöhnliche Frauen. Ihre Familien waren während des Krieges ins pakistanische Quetta geflohen. "Unsere Brüder durften alles, wir mussten putzen und kochen. Und darum kämpfen, überhaupt das Haus verlassen zu dürfen." Sie sei stets die Klassenbeste gewesen, erinnert sich Jalda, "aber während unsere Brüder zum Englischkurs gingen, mussten wir deren dreckige Socken waschen." Homa, die Ältere, floh nach Teheran. Jalda arbeitete bei einer afghanischen Hilfsorganisation.

Zweitfrau statt Freundin

Sie war 22, als ihr Chef sie fragte, ob sie seine Freundin werden wollte. "Da habe ich gesagt, nein, aber heiraten würde ich ihn." So wurde Jalda, die heute die oberste Frauenbeauftragte des Aufbau- und Landwirtschaftsministeriums ist, zur Zweitfrau eines bereits verheirateten Mannes.

"Aber seine erste Ehe war eine Zwangsheirat, die haben sich nie geliebt", sondern wurden verheiratet, als sie 13, er 18 war. Jetzt sei es Liebe, "er wollte eine gebildete Frau haben". Die beiden zogen nach Kabul, es war die Zeit des Aufbruchs nach dem Sturz der Taliban. Jalda arbeitete in Hamid Karzais Wahlkampfteam. Ihr Mann verdiente gut als Immobilienmakler in Masar, pendelte zwischen seiner ersten Frau dort und Jalda in Kabul. Doch dann begann seine Verwandtschaft zu murren: Wieso seine neue Frau denn arbeite? Unter Männern? Er war hin- und hergerissen, "schlug mich und küsste mir danach die Füße", sagt Jalda. "Er schloss mich zu Hause ein und sagte mir, dass er es aus Liebe tue." Schließlich fügte sie sich. Blieb zu Hause, bekam ihre erste Tochter.

2005 flog auf, dass ihr Mann im Auftrag seines Chefs Grundstücke verhökert hatte, die der Firma gar nicht gehörten. Er kam ins Gefängnis. Sie versetzte all ihr Gold, um den Richter zu bestechen, aber es half nichts. Die anderen zahlten noch mehr.

Karriere trotz Geschlecht

So bekam Jalda von dem Handy, das sie ihm gekauft hatte, nach ein paar Wochen einen Anruf aus dem Gefängnis: "Jetzt musst du arbeiten."

Das tut sie seither, mit wachsendem Erfolg, leitet eine Arbeitsgruppe im Ministerium und berät ausländische Hilfsorganisationen. "Wenn die Brunnen bohren, wollten sie die anfangs immer in der Mitte des Dorfes vor der Moschee anlegen. Aber den Frauen ist es viel lieber, wenn der Brunnen ein paar Hundert Meter entfernt ist, wo sie etwas weniger unter Beobachtung stehen. Denn Wasserholen ist ihre einzige Chance, aus dem Haus zu kommen." Jalda versorgt ihre Familie, die der Erstfrau, sie besticht die Richter und erwirbt die Telefonkarten für ihren Mann. "Ich tue alles, damit er freikommt. Andererseits … solange er sitzt, darf ich arbeiten."

Und er? "Beschimpft mich, dass ich ihm bestimmt untreu geworden sei - und sagt dann, dass er mir nun wahrhaftig vertrauen könne. Ich hätte ihn verlassen können. Aber ich liebe ihn."

Keine Zärtlichkeit für Frauen

Sein Gefängnis ist ihre Freiheit. "Als ich ihm das erste Mal Geld gab, weinte er. Seine Verwandten dürfen bis heute nicht wissen, dass ich arbeite. Er erzählt ihnen, dass meine Brüder uns helfen."

Afghanische Männer mögen zärtlich sein zu ihren Kindern, selbst zu ihren Kampfhähnen, die sie jeden Freitagmorgen zum Duell im Kabuler Babur-Park tragen. Sie tupfen die blutigen Schnäbel ab und küssen in aller Öffentlichkeit die Federstirn ihrer Lieblinge. Undenkbar, so viel Zuneigung zu ihren Frauen zu zeigen. Das wäre ein Zeichen der Schwäche. Fatal in dieser Welt aus Härte, Macht und Ohnmacht, wo alles eine Frage der Ehre ist - und der Ehrgeiz darin besteht, immer noch moralischer und strenger zu sein als die anderen.

Doch macht so viel Macht über ihre Frauen die Männer glücklich? Was bleibt, wenn man vor lauter Kontrollwahn alle Frauen wegsperrt und niemand, nicht einmal der engste Freundeskreis, sie je sehen darf? Eine Lücke. Denn auch afghanische Männer sind aller Frömmelei zum Trotz eben Männer. Und so feiern sie auch hier wilde Feste, auf denen anmutige Gestalten in Glitzerkleidchen, dünnsten Stoffen und mit femininen Gesten tanzen, ihre langen Lockenmähnen wirbeln lassen.

Verkehrte Welt

Allein: Die da tanzen und betören, sind alles Jungen. Eine verkehrte Welt, halb verborgen, aber auch nicht gänzlich geheim. Die Welt des Batscha Basi, des "Knabenspiels". Von Kundus im Norden bis Kandahar im Süden halten sich Reiche, vor allem Milizführer, ihre privaten Knaben, die Milch und Hühnerfleisch bekommen und neben den Frauengemächern wohnen. Die vor Freunden tanzen, für Unsummen gehandelt werden und bei denen niemand fragt, ob sie Jungfrauen sind. Im Gegenteil: Den Lieblingsknaben eines großen Commanders von hinten zu nehmen, ist eine Trophäe. Begehrte, bekannte Buhlknaben werden für Zehntausende Dollar ver- und gekauft, ihretwegen wird gemordet. "Ich bin verheiratet, aber ich bevorzuge Jungen", bekennt der ehemalige Mudschahedin-Kommandeur Allah Daad aus Kundus ungerührt: "Hier kann man ja keine Frauen mit zu Partys nehmen und sie tanzen lassen. Mit Jungs geht das. Damit kann man angeben! Ich hatte mal einen, der tanzte so schön wie eine fliegende Taube! Keiner kam nach ihm, der so war - ach." Seufzen. "Ich habe ihn drei Jahre lang bei mir behalten und gehen lassen, als sein Bart spross." Schwul sei niemand, beteuern die Eingeweihten, es gehe nur um einen Ersatz für die Frauen, die Gespielinnen, um die man beneidet, für die man bewundert wird.

Die Tür zu der anderen Welt ist an diesem heißen Abend aus Holz, unscheinbar, und liegt in einem verwinkelten Wohnviertel unterhalb der Ruine des Kabuler Dar-ul-Aman-Palastes. Sie öffnet sich nach einem kurzen Anruf beim Gastgeber, und die Welt leuchtet bonbonfarben: ein Garten, groß wie ein Fußballfeld, in der Mitte ein riesiges Zelt, an den Seiten offen, Lametta, Lampions und Scheinwerfer, die Band spielt auf. Erst zwei, dann vier Jungen in hautengen Leibchen und Röcken, über deren Saum der Rand des Slips ragt, tänzeln auf die Bühne. Die Zuschauer johlen, die Jungen tanzen, winden lasziv hauchdünne Tücher um Kopf und Hals und wackeln mit dem Po. Sie umtänzeln die vordersten der 40 mit Kalaschnikows bewaffneten Soldaten, die hier sind, um die Gäste in Schach zu halten.

Als der Star der Nacht in einer Tunika auf die Bühne wirbelt und seine dichten, halbmeterlangen Locken aus dem Tuch schüttelt, brüllt die Menge vor Begeisterung: "Sabi!" Sabi, der tanzt und aussieht wie eine Frau, ist der Star der Kabuler Buhlknabenszene. Die Soldaten müssen Aufspringende zurückdrängen, während Sabi und die anderen sie wie flirtende Ballerinas umkreisen. Und um halb drei Uhr morgens plötzlich verschwinden, diskret zu einem Wagen gebracht werden, bevor die Gäste so recht merken, dass sie fort sind.

Zartgliedrig und kokett

Es dauert zwei Monate, bis Sabi bereit ist zu einem Interview. Mittelsmänner verhandeln, es wird zu- und immer wieder abgesagt. Dann heißt es: heute noch! Und nach drei Stunden taucht erst die Entourage auf, dann Sabi: im grünen Satinkleid, die langen Locken zum Pferdeschwanz gebunden, zartgliedrige Hände, fein manikürte Finger, eine hohe Stimme und immer wieder Bewegungen, die sich am ehesten mit einem etwas ältlichen Wort beschreiben lassen: kokett. Dschaved ist bei ihm, sein Freund, Beschützer, Manager, der noch ein paar Jungen am Laufen habe, "aber jüngere, 15, 16", wie der ältere Herr, der das Treffen vermittelt hat, geradezu anerkennend sagt. Dschaved ist Boxer und Ringer, neben ihm sieht Sabi noch zerbrechlicher aus.

"Ich liebe Frauenkleider! So schön dünn! Die Körperteile müssen sich doch abzeichnen beim Tanzen!", beteuert er, grinst breit und setzt sich so, dass sich die Ausmaße eines beachtlichen, so gar nicht weiblichen Körperteils abzeichnen. "Außerdem wollte ich immer schon tanzen! Und fürs Anfassen nehme ich dann nichts extra", sagt er mit kokettem Augenaufschlag.

Und … wenn die mehr wollen als nur anfassen? "Hach, ich bin doch schon alt, 28, mich will doch keiner mehr!" Dschaved, mit strenger Stimme: "Sabi, du bist 22!" "Gar nicht!" "Doch!" "Nein, bin ich gar nicht! Und keiner will mich mehr!" Noch mal Augenaufschlag.

Angst vor den Taliban

Man könnte sich die beiden auf einer Varietébühne in Berlin vorstellen, eher als Burleske denn als Erotikum - aber hier ist Kabul, und Menschen sind schon wegen weit geringerer Verstöße gegen islamische Moralvorstellungen gesteinigt worden. "Oh ja, wenn die Taliban die Vororte von Kabul erreichen, sollte ich gehen", sagt Sabi mit Gruseln in der Stimme, nicht ohne Augenaufschlag: "Die hängen mich nicht am Kopf auf, sondern an den Füßen!"

"Sabi, die stürzen eine Mauer auf dich!", korrigiert Dschaved. "Richtig, ja, die Mauer", das sei die traditionelle islamische Strafe für derlei unmoralisches Gebaren: erschlagen zu werden von einer Lehmmauer, die auf einen gestürzt wird, "und für mich gäbe es bestimmt eine hohe Mauer!"

Eine öffentliche Hochzeit eines Warlords mit seinem Lieblingsknaben wie 1992 in Kandahar würde es heute nicht mehr geben. Damals zog Commander Khan Mohammed Mudschahid im Triumph mit einem verwirrten, geschmückten Jungen an seiner Seite durch die halb zerstörte Stadt. "Muchtar" habe der Junge geheißen, sein Vater war Mullah. "Aber was sollte man machen", zuckt Dschaved mit den Schultern, "es war Bürgerkrieg." Khan Mohammed Mudschahid jedoch sei bis heute ein angesehener Mann im Range eines Polizeigenerals und Berater des Innenministeriums.

Schwul nennen sie sich nicht

Zum Abschluss zu fragen, ob er schwul sei, sollten wir lassen, bedeutet der Übersetzer. Das wäre eine Beleidigung.

"Aber Sabi, wärst du lieber als Frau auf die Welt gekommen?" Ein verwunderter Blick, diesmal ohne Augenaufschlag: "Die Frage hat sich mir nie gestellt. Es ist gut so, wie es ist. Ich bin seit drei Jahren verheiratet, habe zwei Kinder."

Afghanistan ist eine verkehrte Welt, in der alles Normale verboten ist und das erst recht Verbotene völlig normal zu sein scheint. Überall gibt es die CDs von Fairous Kundusi zu kaufen. Zu quietschender Streicherbegleitung singt der berühmteste Barde des Buhlknabentums aus dem nordafghanischen Kundus vom Hintern eines Knaben, der so weiß und knackig sei wie ein junger Käse, dass er hineinbeißen und ihn verschlingen möchte.

Heiraten ist fast unbezahlbar

Das geht. Aber ein Flirt zwischen Mann und Frau, gar eine Liebesheirat gegen den Willen des Vaters - lebensgefährlich. So etwas wie Zweisamkeit von Mann und Frau - undenkbar. Afghanistan ist fast doppelt so groß wie Deutschland, aber der kleine Qarghar-See eine halbe Autostunde westlich von Kabul gilt als geradezu frivoler Ort: der einzige nämlich weit und breit, wo Paare ungestört gemeinsam Tee trinken, spazieren gehen und gar ein Tretboot mieten können. Selbst so etwas Unverdächtiges wie die von allen gebilligte Hochzeit machen sich die Menschen hier schwer bis zur Unmöglichkeit: Seit Jahren eskaliert der Wettstreit, wessen Hochzeit größer und teurer ist. Kabuls größte Neubauten sind Hochzeitssäle für 1000 und mehr Gäste. Viele heiraten nicht mehr, weil sie es sich nicht leisten können.

Kleine, mutige Organisationen wie die "Women and Children Legal Research Foundation" versuchen, das zu ändern. Deren "Agents of Change" haben im Dorf Deh as-Sohrah, zwei Autostunden nördlich von Kabul, einen ungewöhnlichen Verbündeten in ihrem Kampf für den Wandel gefunden: den örtlichen Dorffürsten, den Malik. Im Schatten alter Maulbeerbäume sitzt Malik Agha Gul und erzählt: "Jeder musste die anderen bei der Hochzeitsfeier überbieten. Unser ganzes Dorf hat darunter gelitten: Junge Männer gingen fort zum Arbeiten, um das nötige Geld zu beschaffen, manche kamen nie wieder. Andere mussten ihr Vieh verkaufen, haben ihr Land verloren. Also", er rekelt sich und lächelt genüsslich zwischen seinen letzten Zähnen, "bin ich vorangegangen. Ich bin der Chef. Ich bin reich. Ich bin über 90. Mir kann keiner was vorwerfen."

Als er seine Enkel aufforderte, untereinander zu heiraten, brach er noch nicht mit der Tradition, aber als er die volljährigen Nichten und Neffen seiner Söhne zu einem großen Treffen lud, machte er einen revolutionären Schritt und rief ihnen zu: "Nun sucht euch aus, wen ihr mögt!" Fünf Hochzeiten kamen zustande, die diesmal nicht von Eltern oder Onkeln arrangiert waren, vier davon unter Verwandten. "Zum Fest habe ich alle Maliks der Umgebung eingeladen", sagt Agha Gul. Die überlegten nun, ebenfalls Gruppenhochzeiten einzuführen, kollektiv und kostengünstig. Auch für Einzelhochzeiten werde es demnächst Limits geben, bei den Verlobungsfeiern hat er schon angefangen: "Statt 85 Kilo Reis und mehreren Schafen gibt es jetzt Kekse! Sieben Kilo! Und demnächst nur noch fünf!"

Neuanfang in Kandahar

Der Fortschritt nimmt eigentümliche Wege in Afghanistan. Aber immerhin gibt es ihn. Selbst wenn er sich nur in Keksen manifestiert.

Auch Mohammedullah, der Mann aus Sabul, dem Herz der Finsternis, hat es mit seiner Frau, den beiden Kindern und seinem kleinen Bruder immerhin bis nach Kandahar geschafft. Dort sind sie geblieben. Es gehe ihnen gut, sagt er und fügt beiläufig an, dass sein kleiner Bruder nun in Sicherheit sei. Auf den nämlich - das war ihm so peinlich zu erzählen - hatte der Taliban-Kommandeur in Sabul ein Auge geworfen. Jetzt gehe der Bruder zur Schule. Er selbst habe einen Job als Wachmann. Ja, das Gesicht seiner Frau habe er nun auch gesehen. Doch, gut, ja. Ihren Vornamen mag er noch immer nicht nennen.

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