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13. Juli 2010, 09:33 Uhr

Die Höllenfahrt der 10f

50 Grad, kollabierende Schüler, kaum Hilfe von der Bahn: Die ICE-Tortur der 10f vom Willicher St. Bernhard Gynasium empört Deutschland. Die Lehrerin erzählte stern.de, wie der Tag der Qualen ablief. Von Theresa Breuer

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Gymnasiallehrerin Dagmar Reichenberg-Arnoldy bei einer Pressekonferenz im St. Bernhard Gymnasium: Für ihre Schüler war die Rückfahrt von Berlin der Horror© Horst Ossinger/DPA

"Es war eigentlich wunderschön", beschreibt Klassenlehrerin Dagmar Reichenberg-Arnoldy die sechstägige Klassenfahrt der 10f des Willicher St. Bernhard Gymnasiums. Den Reichstag hatten sie besichtigt und eine Sitzung im Bundestag miterlebt. Einen Abend waren sie in der Berliner Schaubühne gewesen und hatten sich Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" angesehen, am Mittwoch hatten sie auf der Fanmeile die deutsche Nationalelf im Spiel gegen Spanien angefeuert, ganz vorne. Und auch die Tanzfläche einer Jugenddiskothek hatten sie unsicher gemacht. Wunderschön war das alles. Eigentlich. Denn nach der ereignisreichen Woche folgt nicht etwa eine entspannte Rückfahrt, sondern ein zwölfstündiger Horror-Trip nach Hause.

Es ist Samstag, als es für die Klasse heißt: Abfahrt aus Berlin, zurück nach Nordrhein-Westfalen. Die Sonne brennt am Himmel, als die Schüler um 13.48 Uhr am Berliner Hauptbahnhof in den Intercity Express steigen. Es dauert nicht lange, bis die Klimaanlage ausfällt und die Temperaturen im Zug zu klettern beginnen. "In Hannover mussten wir aussteigen, weil uns vom Bahnpersonal gesagt wurde, dass es nicht zu verantworten sei, dass wir mit diesem Zug weiterfahren", erzählt Reichenberg-Arnoldy.

"Der Zug war noch viel heißer"

Was nun folgt, ist, glaubt man der Beschreibung der Lehrerin, kaum vorstellbar. Die Passagiere des Zugs, in dem auch die 26 Schüler der 10f sitzen, werden aufgefordert, in einen anderen ICE zu steigen, den ICE 846 von Berlin nach Köln. Sie sind nicht die einzigen. Ein weiterer Zug hält in Hannover, auch hier stimmt etwas nicht, auch diese Fahrgäste sollen in den ICE 846 steigen, heißt es. Nur: In dem Zug nach Köln ist die Situation keinen Deut besser als in dem vorherigen Fahrzeug. Im Gegenteil. "Der Zug war nicht nur viel heißer, sondern auch komplett überfüllt", beschreibt die Klassenlehrerin der 10f die Lage.

Um 18.15 Uhr erst geht es weiter für die Gymnasiasten aus Willich. Eingepfercht stehen die Schüler nun im Zug. An Sitzplätze ist nicht zu denken, überall sind Menschen, Gepäck blockiert den Gang. Die Klimaanlage ist schon vor der Abfahrt ausgefallen, die Bahn bekommt das Problem nicht in den Griff. Die Temperaturen steigen weiter. Der Sauerstoff wird knapp.

Langsam, so erinnert sich die Lehrerin, wird die Situation unerträglich. Obwohl die Fahrt von Hannover bis zum nächsten Halt in Bielefeld nur eine knappe Stunde dauert, halten manche Menschen die Hitze kaum aus. Einen Zwischenstopp gibt es nicht und somit auch keine Möglichkeit auszusteigen. Ein kleiner Junge, so die Schilderung, bricht zusammen, eine alte Frau auch, jemand vom Zugpersonal begleitet einen Arzt zu den kranken Fahrgästen. "Das war das einzige, was ich an diesem Tag vom Bahnpersonal gesehen habe", erzählt Reichenberg-Arnoldy.

"Wir steigen aus"

Die Temperaturen sind inzwischen unerträglich. Gemessen 50 Grad, gefühlt sind es mehr. Die Schilderung von Reichenbach-Arnoldy klingt weiter abenteuerlich: Fahrgäste diskutieren, ob sie die Notbremse ziehen sollen, doch alle sind sich einig, dass dadurch wahrscheinlich eine noch gefährlichere Situation entstehen würde, wenn alle hinaus auf die Gleise rennen. Also sitzen sie da. Die Schüler der 10f sind wie gelähmt. Ihre Klassenlehrerin erzählt, wie sie um das letzte Bisschen Luft ringen, sich ganz ruhig verhalten, um nicht umzufallen. Noch immer scheint die Bahn nicht zu erkennen, dass ihren Fahrgästen nicht nur langsam die Luft ausgeht, sondern viele von ihnen inzwischen auch ärztliche Behandlung brauchen. Kurz vor Bielefeld wird durch den Lautsprecher bloß verkündet, dass man gedenke, in Bielefeld einen etwas längeren Halt zu machen, damit Durchzug entsteht. Dass viele Fahrgäste nach Beobachtung der Klassenlehrerin schon längst dehydriert sind und überhaupt nicht mehr weiterfahren können, darauf kommt bei der Bahn niemand.

Dagmar Reichenberg-Arnoldy nimmt nun das Schicksal der 10f selbst in die Hand: "Wir steigen in Bielefeld aus, eine Weiterfahrt kommt nicht in die Tüte", verkündet sie ihren Schützlingen. In Bielefeld angekommen, vertragen die Schüler den Temperatursturz nicht, einige brechen zusammen. Reichenberg-Arnoldy ruft den Notarzt. Die Bahn hatte keine ärztliche Versorgung arrangiert. Das Chaos nimmt immer mehr zu. Schließlich kommen Ärzte. Sie versuchen, die Situation in den Griff zu bekommen, auch die Feuerwehr kommt, schließlich die Bundespolizei, die jetzt gegen die Bahn wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt.

Die erschreckende Bilanz: Zehn von 26 Schülern müssen ärztlich behandelt werden, ihnen werden noch am Bahnsteig Infusionen gelegt, vier von ihnen sind so stark dehydriert, dass sie sogar ins Krankenhaus müssen. Gegen Mitternacht dürfen sie von ihren Eltern abgeholt werden. Für den Rest der Klasse geht es um halb elf mit dem Bus weiter. Von wem dieser Bus kommt, weiß Dagmar Reichenberg-Arnoldy bis heute nicht. Geredet hat sie die entscheidenden Stunden zwar mit Notärzten, der Feuerwehr und der Bundespolizei. Aber mit niemandem von der Bahn.

Sieben Stunden später als geplant kommt die 10f von ihrer Klassenfahrt in ihrer Heimatstadt Willich an. Was zu dem Chaos bei der Deutschen Bahn geführt hat, ist bislang noch unklar. Eine Bahn-Sprecherin sagte stern.de, dass man noch dabei sei, den Vorfall aufzuklären.

Von Theresa Breuer
 
 
KOMMENTARE (10 von 53)
 
igora (15.07.2010, 16:05 Uhr)
und auch das:
"Die Sparmaßnahmen der Bahn in den vergangenen Jahren vor dem Hintergrund des geplanten Börsengangs schlagen eben bis heute bitter zu Buche."
http://www.tagesschau.de/inland/bahn1190.html
igora (15.07.2010, 15:17 Uhr)
@SpringbokCT (12.07.2010, 21:24 Uhr)
"Siemens wies die Verantwortung für das Hitzechaos zurück. Man habe keine mangelhafte Technik geliefert, sondern die Bahn habe die Wartung vernachlässigt, Wartungsverträge mit dem Hersteller abgelehnt. "Wer ein Auto kauft und zehn Jahre nicht zur Werkstatt bringt, darf sich auch nicht wundern, wenn er irgendwann mit dem Fahrzeug liegen bleibt", sagte ein Siemens-Sprecher."
http://www.stern.de/panorama/hitze-drama-bei-der-bahn-ab-32-grad-streiken-die-klimaanlagen-1583572.html
nony (14.07.2010, 16:19 Uhr)
@ mats 123 - Erwartungen
Nun ja. Wahrscheinlich erwarten Sie auch, dass ein Bankier dafür besorgt ist, Ihren Reichtum zu mehren, ein Versicherungsvertreter Ihnen keine unsinnigen Versicherungen andreht, dass jeder, der einen Führerschein bestanden hat auch wirklich Auto fahren kann, dass Meteoriten die Erde weiträumig umfliegen wenn sie eine gewisse Grösse haben, dass ein Vulkan nicht ausbrechen wird, wenn Sie sich ihm nähern und natürlich nicht zu vergessen, erwarten Sie sicher auch, dass ein Zitronenfalter fleissig damit beschäftigt ist, Zitronen zu falten, nicht wahr?

Wie die Berufsbezeichnung schon sagt, handelt es sich um "Lehrer". Nicht Kinderhütedienst, nicht Prellbock für frustrierte Eltern (mats123 inkl), nicht Reiseveranstalter, nicht Reiseleiter .... Nein. Einfach nur Lehrer. Nicht mehr, nicht weniger. Komisch, dass man Mitmenschen, die angeblich der deutschen Sprache mächtig sind, dieses vom deutschen Begriff "lehren" abgeleitete Wort immer wieder erklären muss.
mats123 (14.07.2010, 11:55 Uhr)
@sternschnuppen und AxelR
Ich erwarte von einer Lehrerin bzw. einem Lehrer, die/der zig fremde Kinder anderer Leute über mehr oder weniger Zwang (Schulpflicht) mit auf Reisen nimmt, dass sie/er auch die entsprechende Weitsicht und Reaktionsfähigkeit hat, bei kritischen Situationen "Nein" zu sagen und eventuelle Gefahren frühzeitig zu erkennen. Man kann sich nicht einfach die Kinder anderer Leute übergeben lassen, um damit Geld zu verdienen, und dann die Verantwortung auf Dritte (Die Bahn) abwälzen.

Ich erwarte auch von einer Lehrerin, die eine Busreise macht, dass sie sich den Bus und Busfahrer vorher mal genauer anschaut und nicht den billigsten nimmt.

Ich erwarte auch von einem Sportlehrer, dass es im Sportunterricht nicht zu schweren Verletzungen kommt, was leider aber doch oft passiert.

Ich erwarte auch von Kindergärtnerinnen, dass sie die kleinen Kinder bei Sonne eincremen und in den Schatten bringen und aufpassen, dass keine frei laufenden Hunde in der Nähe sind.

Ich erwarte von einem Schwimmlehrer, dass er permanent am Beckenrand überwacht, ob auch alle noch über Wasser sind.

Ich erwarte von fernreisenden Lehrern, dass sie ausgepowerte Schülerinnen mit Kreislaufschwäche nicht in völlig überfüllte und überhitzte Züge drängen, nur um pünktlich zu Hause anzukommen.

Ich meine: Wenn man sich das Wertvollste, was andere Menschen haben, nämlich deren Kinder, anvertrauen lässt (und zwar per Zwang über die Schulpflicht, weil man damit Geld verdienen will), dann darf man nicht nach Schema 08/15 vorgehen und hoffen, es werde schon nichts passieren.

Abgesehen davon habe ich großen Respekt vorm Lehrerberuf.
sternschnuppen (13.07.2010, 20:55 Uhr)
ja, es sind immer die achso gu bezahlten beamten
immer mehr lehrer sind btw nicht verbeamtet.
und was hat das mit dem einkommen zu tun, welche entscheidungen getroffen werden?
Lieber herr mats123, was sollen wir denn über die politiker sagen, bzw welche ansprüche dürfen an sie gerichtet werden, gemessen am ominösen gehalt?

die lehrerin hat der bahn vertraut, wer konnte auch ahnen, dass es im 2. zug noch schlimmer wird als im ersten..
vielleicht war an einen spontanen ausstieg auch gar nicht mehr zu denken? weil schon 10 der insgesamt 26 kinder irgendwo stehen/sitzen oder was auch immer? so eine gruppe teilt sich schneller auf, als man gucken kann, da kann man sich nicht mal eben im eingangsbereich sammeln, durchzählen und entscheiden, wie es weitergeht.
d.h. vielleicht hätte sie sofort wieder aussteigen mögen, aber dann hätte sie ihre aufsichtspflicht gänzlich verletzt, da sie evtl. schüler zurückgelassen hätte..

letzendlich können wir alle nur spekulieren, aber ich finde es reichlich unfair, dass immer die zu-gut-bezahlten-kaum-arbeit-habenden-ständig-ferien-habenden etcpp lehrer schuld haben.
nony (13.07.2010, 17:55 Uhr)
@ AlwinThiloMozart und andere
Interessante Vorstellung, wie Sie bei Tempo 200 und mehr am geöffneten Fenster eines ICE stehen wollen, den Kopf herausstrecken und dann ihren Augen hinterherschauen, die vom Luftdruck des entgegenkommenden Zuges aus dem Kopf gedrückt worden sind ....

Ob und was die Schüler in Berlin gemacht haben tut nichts zur Sache. Die Bahn hat mit der Ausstellung der Tickets einen Dienstleistungsvertrag zugestimmt bei dem es nicht heisst, die Fahrgäste hätten a mit leerer Blase und leerem Darm, b ausreichend Schlaf, c genügend zu trinken .... die Reise anzutreten. Entsprechend dürfen die Reisenden auch davon ausgehen, dass die körperlichen Belastungen der Reise nicht das Mass des Normalen übersteigen. Ist dies nicht so, hat die Bahn die Verantwortung dafür zu übernehmen und nicht dieselbe auf die Kunden abzuschieben.

Lehrer, die 5 Tage mit ihren Schülern unterwegs sind, haben in dieser Zeit Tag und Nacht die volle Verantwortung für die Klasse. Diese Verantwortung reicht übrigens wesentlich weiter, als jene der Eltern. Nach 5 Tagen Hektik, Anspannung und Schlafentzug ist es mehr als verständlich, dass auch die Lehrerin menschliche Reaktionen zeigt und sich auf die Anweisung eines Bahnangestellten verlässt anstatt - wie viele der Besserwisser hier im Forum, vom Schreibtisch aus - erst einmal 5 Stunden zu überlegen, ob dies nun ein guter Rat gewesen ist oder nicht. Auch die Lehrerin durfte davon ausgehen, dass die Bahn die Dienstleistung wie bestellt anbietet und nicht um den Spassaspekt "Sauna wider Willen" erweitert.
GlobalKlaus (13.07.2010, 15:55 Uhr)
So kann man es auch sehen!
http://www.community.augsburger-allgemeine.de/forum/thema-des-tages/39659-dramatische-hitzeschlacht-im-ice-ohne-klimaanlage-9.html#post552587

http://www.community.augsburger-allgemeine.de/forum/thema-des-tages/39659-dramatische-hitzeschlacht-im-ice-ohne-klimaanlage-13.html#post553179
NewWorld (13.07.2010, 15:28 Uhr)
@AxelR
Die Notausstiegsfenster können nur an einer markierten Stelle eingeschlagen werden, sie zerspringen dabei allerdings nicht wie früher. Man muß die ganze Scheibe herausdrücken. Ich vermute mal, dass der guten Frau dafür bereits die Kraft fehlte bzw. sie einfach nicht auf die richtige Stelle geschlagen hat.

Während der Fahrt sollte sowas sowieso nicht gemacht werden, die Scheiben würde wahrscheinlich weggerissen werden und im ungünstigsten Fall könnte dadurch jemand verletzt werden, z.B. an einem Bahnübergang.
AxelR. (13.07.2010, 14:16 Uhr)
@mats123
Niemand erwartet, dass ein einem Flugzeug in 10.000 Meter Höhe die Klimaanlage ausfällt. Denn dann hat es dort -50 Grad. Oder muß man das künftig auch erwarten, und entsprechende Winterkleidung mitnehmen?
Bedenklich auch, dass sich offenbar mit dem Nothammer die Scheiben nicht einschlagen lassen. Hoffentlich wird das ebenfalls untersucht!
hukitaki (13.07.2010, 14:08 Uhr)
Schuld der Lehrerin
Wie kann es die Schuld der Lehrerin sein,wenn Sie sich auf die Anweisungen des Bahnpersonals verlässt.
Wenn man in ein Flugzeug besteigt,wird auch niemand die Anweisungen der Stewardess in Frage stellen.
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