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18. November 2009, 20:04 Uhr

Der selbstbewusste Exhibitionist

Seit 50 Jahren beschäftigt ein Exhibitionist die Justiz: Zweimal saß er im Gefängnis, nun droht ihm wieder eine Haftstrafe. Helfen, das weiß der selbstkritische Rentner, wird der Knast ihm nicht - im Gegenteil. Von Uta Eisenhardt

 
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Ein Gartenzwerg als Exhibitionist: Die Betroffenen werden mit ihrer sexuellen Störung meist allein gelassen© Picture-Alliance

Vor dem Richter sitzt ein schlanker, grauhaariger Mann mit Bürstenschnitt. Er trägt eine braune Wildlederjacke und Turnschuhe, ein kleiner Ring ziert sein linkes Ohrläppchen. "Er ist eine sehr gepflegte Erscheinung", schrieb die psychiatrische Gutachterin über Bernd Handke*, der sich im September 2008 in Sichtweite junger Umschülerinnen postierte und sie anschaute, während er mit der Hand in der Hosentasche onanierte.

Die Frauen reagierten zunächst belustigt und dann angeekelt. Zuletzt sorgten sie sich bei dem Gedanken an die im Umkreis befindlichen Kindertagesstätten und Schulen. Sie beschlossen, den Mann anzuzeigen - falls sie ihn noch einmal erwischen sollten. Tatsächlich sahen sie ihn eine Woche später wieder. Sie verfolgten den Rentner zu seinem Auto und notierten sein Kennzeichen.

Doch warum belästigt der Mann seine Mitmenschen? Bernd Handke kennt den Grund für sein krankhaftes Verhalten - wie nur wenige seiner bundesweit rund 10.000 Leidensgenossen. Begonnen habe es in der Schulzeit, in der Pubertät: Eine Mitschülerin bemerkte die Erektion des 13-, 14-Jährigen und kicherte darüber. Oma und Mutter gestatteten dem kleinen, schmalen Jungen nicht, modische Klamotten zu tragen. Er fühlte sich ausgegrenzt und so hatte er sich bei seinen Mitschülern nur als Klassenclown bemerkbar gemacht. Doch die Erektion und das kichernde Mädchen eröffneten seinem Wunsch nach Aufmerksamkeit ein ganz neues Feld.

"Nasebohren würde toleriert werden"

Auch die Psychiaterin, die den heute 64-Jährigen vor dem Prozess begutachtete, begründet dessen Verhalten mit der Kindheit. Handke sei bei einer strenggläubigen, dominanten Großmutter aufgewachsen. Seine Mutter war kaum zu Hause, sie musste Geld verdienen. Vater und Großvater existierten nur am Rande. "Männliche Personen und deren Sexualität sind von der Großmutter abgewertet worden", schreibt die Gutachterin. Der Angeklagte kompensiere diese Erfahrung durch exhibitionistische Handlungen. "Durch das Zeigen seiner männlichen Potenz steigert er sein Selbstwertgefühl", so die Psychiaterin. "In Stresssituationen mache ich so etwas, wenn ich mich ganz unten fühle", sagt der Angeklagte. "Würde ich mir stattdessen in der Nase bohren, wäre das auch nicht schön, aber es würde eher toleriert werden."

50 Jahre sind seit Handkes Schlüsselerlebnis in der Schule vergangen. Seitdem kassierte er 46 Anzeigen, sein Strafregister weist 32 einschlägige Verurteilungen auf. Zwei Mal saß er sogar im Gefängnis: 1966 für sechs Monate und fünf Jahre später für 27 Monate. Gut kann sich der Rentner daran erinnern, wie er als Jugendlicher vor grauhaarigen, respekteinflößenden Richtern zitterte und daran, wie ihm die damaligen Experten rieten, öfter mal kalt zu duschen. Das letzte Mal wurde er vor zwei Jahren zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt, eigentlich darf er bis 2011 keine Straftaten begehen. Dennoch begab er sich zu den Umschülerinnen.

Es geht um Anerkennung, die keine ist

"Wir alle haben den Trieb, uns sexuell auszuleben", sagt der Richter. "Wir können aber nicht einfach übereinander herfallen. Da gilt für Sie das Gleiche. Oder haben Sie eine andere Perspektive?" "Aus meiner Perspektive ist das genauso", erklärt der Angeklagte. "Es wird mir immer unterstellt, ich mache das zur Befriedigung, aber ich erlange dadurch keine Befriedigung. Im Gegenteil, hinterher fühle ich mich noch beschissener. Mir geht es um Anerkennung, die keine ist."

Auch bei der angeklagten Tat war dies so. Er sei mit seiner Lebensgefährtin umgezogen und musste seine alte Wohnung renovieren. "Der Hauseigentümer stand da, braungebrannt, zuppelte an der Tapete und sagte zu mir: 'Das können Sie so nicht machen!' Das ist mir so schwer gefallen, da noch mal zu renovieren." Auf dem Rückweg vom Baumarkt bemerkte er die Gruppe junger Frauen: "Ich bin da hingegangen und hab dis da gemacht."

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