3. Februar 2010, 11:50 Uhr

"Der Papst wollte mir Schuldgefühle einreden"

Norbert Denef wurde als Kind jahrelang von einem Pfarrer missbraucht. Im stern.de-Interview erzählt er, wie die Kirche versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen.

Norbert Denef Norbert Denef wurde in den 50er und 60er Jahren von einem katholischen Pfarrer und einem weiteren Kirchenangestellten missbraucht. Jahrelang musste er für die Anerkennung seines Leids durch die Kirche kämpfen. Man bot ihm schließlich 25.000 Euro an - unter der Bedingung, dass er seinen Fall niemals publik mache. Über sein Schicksal hat Denef ein Buch geschrieben. Weitere Infos auf seiner Homepage: http://norbert.denef.com/.

Herr Denef, hat das Vertuschen von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche Methode?

Zumindest herrscht in der Kirche ein System des Schweigens. Über sexualisierte Gewalt spricht man nicht, und die Opfer werden nicht anerkannt. Die Kirche handelt erst, wenn sie gar nicht mehr anders kann.

In Berlin hat allerdings als erster der Rektor des Canisius-Kollegs von den Missbrauchsfällen gesprochen.

Aber auch nur, weil die Kirche mit dem Rücken zur Wand stand. Was für ein Hohn, dass jetzt der Rektor gefeiert wird - jahrelang hat er geschwiegen. Vielleicht ist er ja jetzt ein guter Krisenmanager, aber er hat zu lange gewartet.

Der Rektor hatte schon früher von Missbrauchsfällen gehört, sagt aber, die Opfer hätten ihn um Diskretion gebeten.

Das ist verlogen. Was hat denn der Rektor in der Zwischenzeit gemacht, außer Däumchen drehen? Ich denke, er war heilfroh, dass es beim Schweigen blieb. Und damit macht man die Opfer ein zweites Mal zu Opfern, mit dem Tenor: "Sie sind selbst Schuld, dass nichts geschehen ist. Hätten ja sagen können, bitte macht etwas."

Warum brechen die Opfer oft erst nach vielen Jahren ihr Schweigen, wenn überhaupt?

Man idealisiert die Täter. Nur so kann man als Opfer überleben, nur so kann man den Seelenmord verdrängen. Es war für mich das Schwierigste, zu verstehen, warum ich da mitgemacht habe. Es plagen einen auch immer Schuldgefühle. Als ich plante, mein Schweigen zu brechen, habe ich mich wie ein Selbstmordattentäter gefühlt, der sich unter die Menschen wirft und die Bombe zündet.

Sie mussten jahrelang darum kämpfen, dass die Kirche Ihr Leid anerkennt. Was war in dieser Zeit für Sie das Schlimmste?

Ein Brief von Papst Johannes Paul II. Ich hatte ihn um Hilfe angefleht, ich hatte ihm gesagt, dass die Kirche mich zwingen wollte, weiter zu schweigen. Als Antwort kam, er würde dafür beten, dass ich wieder Kraft für Vergebung fände.

Mit anderen Worten: Für Ihre Seelenqualen seien Sie selbst mitverantwortlich?

Der Papst redete mir weitere Schuldgefühle ein. Das zieht bei Katholiken ja normalerweise immer. Hätte es auch bei mir bis zum Schluss perfekt funktioniert, würden wir heute nicht mehr reden. Dann hätte ich mich umgebracht.

Hatten Sie den Eindruck, dass man in Ihrer Gemeinde damals ahnte, dass der Pfarrer sich an Kindern vergeht?

Alle haben es gewusst. Erst als zuviel getuschelt wurde, versetzte man den Pfarrer. Aber es wurde weiter geschwiegen. Als ich meinen Fall 2005 aufdeckte, wurde ich in der Gemeinde massiv angefeindet. Die verdrängen das weiter, wollen es bis heute nicht wahrhaben. Selbst andere Opfer giften mich an.

Hat sich in den Kirchen irgendetwas zum Positiven verändert, was den Umgang mit Kindermissbrauch angeht?

Nein, gar nichts, heute ist es immer noch so schlimm wie vor 40 Jahren. Was sich geändert hat, ist, dass immer mehr Opfer an die Öffentlichkeit gehen und kleine Erdbeben auslösen. Aber nach einer Weile wird es wieder ruhig, und genau darauf setzt die Kirche.

Was muss unternommen werden, damit es künftig weniger Missbrauchsfälle in der Kirche gibt?

Für sexuellen Missbrauch sollte es zivilrechtlich keine Verjährung mehr geben. Die Opfer leiden durch die Taten lebenslang. Diese Schäden müssen anerkannt werden, und dafür muss es Wiedergutmachungszahlungen geben, ohne Wenn und Aber. Das muss richtig Geld kosten. Die Bistümer müssen wie in den USA pleite gehen, damit sie mal endlich dem Thema Aufmerksamkeit schenken.

Missbrauch im Jesuiten-Orden Am von Jesuiten geführten Canisius-Kolleg in Berlin sind zwischen 1975 und 1983 mindestens 22 Kinder missbraucht worden. Täter waren zwei Patres, die als Lehrer arbeiteten. Es gibt Hinweise auf weitere Vergehen dieser Männer in Hamburg, St. Blasien, Hildesheim und in Mexiko, Chile und Spanien. Ein dritter Täter gestand Übergriffe auf Jungen in Hannover ein.

1981 suchten Berliner Schüler in einem offenen Brief an die Schule und die Kirche indirekt Hilfe und kritisierten besonders eine verfehlte Sexualpädagogik. 1991 gestand einer der Pater der Kirchenleitung seine Taten gegen "Zusicherung der Diskretion", weil er aus dem Orden ausscheiden wollte.

Interview: Sönke Wiese
 
 
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KOMMENTARE (10 von 26)
 
Administrator (03.02.2010, 17:35 Uhr)
Liebe User,
die Diskussion wird an dieser Stelle geschlossen.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
Anonymiker (03.02.2010, 16:54 Uhr)
Zölibat
Im Lichte dieser organisierten und reglementierten Triebunterdrückung, genannt "Zölibat", muß man sich nicht wundern, daß diesen "Seelenhirten" immer mal wieder die Kontrolle über sich selbst entgleitet und sie ihrer Natur Raum geben. Und wenn dann keine Frau (Haushälterin) vorhanden ist, dann muß halt das nächstbeste Kind herhalten. Und warum? Weil sie sich genau NICHT an die Vorschrift halten, die eigentlich "von Rechts" wegen für sie gelten. In jeder Bibel steht doch laut und deutlich in erster Timotheus 3:2: "Ein Bischof soll MANN EINER FRAU sein" !!! Aber klar doch: Die TRADITION steht ja bei denen bekanntlich über der Bibel. Muß ja auch so sein, denn: Daß Theologen die Bibel, oder auch nur Teile davon, nicht als von Gott, oder einem höheren Wesen inspiriert ansehen, bedarf keiner weiteren Erörterung. "Wort Gottes" ist ein Generalbegriff, mit dem die frommen Katholen in Bezug auf die Bibel (oder "Heilige Schrift") nur so um sich werfen. Sie benutzen diese Worthülse, täuschen den Massen vor, "biblisch" zu sein, gleichzeitig aber ersetzten sie diese komplett durch ihre eigene lex ecclesia, die nun mit der Bibel so gar nichts zu tun hat. Auf diese Doppelbödigkeit, diese Heuchelei kann gar nicht oft genug hingewiesen werden. Das eine behaupten, aber genau das Gegenteil hiervon tun ist bei den Katholen Programm (und bei vielen anderen natürlich auch).
MMSterling (03.02.2010, 16:23 Uhr)
Welche rechtlichen Schritte...
...werden jetzt gegen die Leute unternommen, die davon wußten und es nicht zur Anzeige gebracht haben? Oder fällt Mitwisserschaft hier unter das Beichtgeheimnis?
bR4iNST0RM (03.02.2010, 15:51 Uhr)
Kann gar nicht so viel essen...
Ich empfinde es als bodenlose und menschenverachtende Frechheit, bei solchen Gräueltaten von Verjährung zu sprechen. Geldschulden verjähren niemals, aber Taten die ein Menschenleben in den Grundfesten erschüttern soll verjähren dürfen?! Abartig!
Generell zum Thema "Kirche":
Wer heute noch nicht begriffen hat, dass man zum "Glauben" keine organisierte Gemeinschaft namens "Kirche" oder "Sekte" bedarf, dem ist auch nicht mehr zu helfen!
Es sind viel zu viele Ungereimtheiten, die in der Geschichte der Kirche (egal welche Konfession) unter dem Deckmäntelchen "Glauben" verbrochen wurden und nie im Einklang mit der gelehrten und gern vertretenen Theologie (in manchen fällen Ideologie) stehen und standen, und somit das Vertrauen, das die Gläubigen gerne allzu Naiv der Kirche geben, mehr als nur gebrochen wurde.
Der jetzige Fall zeigt, wieder mal deutlich, wie dunkel und widerwärtig es zugehen kann, wenn keiner genau hinschaut. Problem: es kann auch keiner genau hinsehen, da sich die Kirche und allen voran der Vatikan garantiert nicht in die Karten schauen lässt. Das liegt nicht zuletzt auch an den Unterstützern und Financiers dieser Einrichtung. Ein Verbrechen kann nur solange nicht aufgedeckt werden, wie es verheimlicht oder verschwiegen wird.
Fazit: Glauben ist nicht zwangsweise Kirche! Man kann auch wunderbar zuhause Glauben. Und Glauben, das erklärt das Wort schon selbst, ist nicht Wissen!
pat26 (03.02.2010, 15:40 Uhr)
@suleiman
Ihre Aussage ist schlichtweg falsch. Natrülich kommen in solchen Institutionen Fälle von Missbrauch vor. Es gibt jedoch einen entscheideneden Unterschied.
Viele Menschen halten Religion für heilig. Gerade der Papst wird von vielen als Halbgott verehrt. Und dieser Vorfall zeigt wiederum nur eins. Religion ist einfach nur menschlich. Von Menschen für Menschen gemacht. Aus diesem Grund glaube ich an Gott, nicht jedoch an die Kirche, an das Christentum im allgemeinen oder an sonstige Religion.
Ca.LO. (03.02.2010, 15:17 Uhr)
Wölfe in Schafskleidern
An den Früchten sollt ihr sie erkennen.
Mt.7 :15-20
Corazito3333 (03.02.2010, 14:55 Uhr)
Es darf nicht sein, also kann es nicht sein...
nennt man Doppelmoral und das sind sie auch diese notorischen Betbrüder- und schwestern. Die Kirche ist verlogen, also die selbsternannte Gottes-Vertrettung auf Erden und deren Mitglieder sind nicht besser. Ich war auch in einer Klosterschule - 3 Jahre - für Mädchen da wurde nicht vergewaltigt aber Dennunziantentum groß geschrieben und Verlogenheit, Nächstenliebe und ähnliches wurde nicht vermittelt
Takeshi@gmx.com (03.02.2010, 14:39 Uhr)
das Buch der Schande
Ich kann jedem nur empfehlen, "das Buch der Schande" zu lesen. Da wird aufgezeichnet, wie die kath. Kirche in den USA mit Opfern ihrer Priester umgeht.
Aber aus irgendeinem Grund wird das Buch seit Jahren in Deutschland nicht mehr aufgelegt. Warum wohl?
Und wie sagt Volker Pispers so trefflich über die kath. Kirche:
"von den Kreuzzügen über die Hexenverbrennung bis zum Kinder ficken.
Und das alles ohne Namensänderung"
Wer immer noch an diese Kirche und den von ihr vertretenden Gott glaubt, hat mein ganzes Mitgefühl.

undueberhaupt (03.02.2010, 14:34 Uhr)
Austreten!
Dann werde ich 20 Euro nehmen, zum Standesbeamten gehen, und aus dieser Dreckskirche austreten. Der da oben hat da nichts mit zu tun!!!
axlxexxx (03.02.2010, 14:29 Uhr)
Das Problem
Das Problem sind nicht nur die "Hirten" sondern auch die "Schafen" die es vorziehen darüber hinweg zu sehen oder sogar agressiv reagieren. Bestes beispiel war Sinead O' Connor. Die Wahrheit ist trotz dem ans Licht gekommen, in America wie in Irland und sonst überall wo
die Kirche am "Werk" ist. Die Menchen suchen sich immer die Religion aus die mit ihrer Hypokrisie am kompatiblesten ist.
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