Auf der dunklen Seite der Stadt

4. November 2012, 20:06 Uhr

Tagelang war die Gegend um die Wall Street ohne Strom und Wasser. "Sandy" hat eine der teuersten Wohngegenden der Welt in eine Zone der Dritten Welt verwandelt. Erfahrungsbericht aus Manhattan.

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Auch Tage nach dem Wirbelsturm "Sandy" lagen Teile Manhattans im Dunkeln, weil die Stromversorgung noch nicht wieder hergestellt war.©

Tim Schäfer ärgert sich noch immer über seine leere Badewanne. "Warum habe ich sie nur nicht gefüllt!", sagt er wütend. Es ist Tag fünf nach dem Wirbelsturm "Sandy", und Schäfer hat kein Wasser und kein Licht. Backofen und Mikrowelle funktionieren ebenso wenig wie Toilette und Heizung, und auch der Fahrstuhl rührt sich nicht - nicht einfach im 22. Stock eines Hauses, das bis Montag zu den exklusivsten Wohnlagen New Yorks gehörte und in dem die Bewohner jetzt eher unter den Verhältnissen eines Entwicklungslandes leben.

"Sandy" hat vor allem Südmanhattan schwer getroffen. Hier auf der teuren Seite der Brooklyn Bridge kostet selbst eine Ein-Zimmer-Wohnung deutlich mehr als in den meisten Teilen der USA ein ganzes Haus. Dafür nimmt der Portier den Bewohnern auch manche Sorgen ab, und edle Hölzer oder teure Fliesen sorgen für behagliches Wohnen zwischen World Trade Center und Wall Street.

Sturm da, Strom weg

Seit "Sandy" ist alles anders. "Wir sind noch einkaufen gegangen", erzählt Schäfer. "Wasser, Lebensmittel, Taschenlampen, Batterien - nur das Füllen der Badewanne haben wir vergessen." Bürgermeister Michael Bloomberg hatte das empfohlen, als der gewaltige Sturm auf New York zuwirbelte. Kaum war "Sandy" da, war in Südmanhattan der Strom weg. Denn in den USA hängen die meisten Kabel überirdisch und sind so extrem anfällig. "So dunkel war es noch nie", sagt Schäfer.

Anfangs war es fast noch romantisch: "Wir haben Kerzen angemacht und mit dem Batterieradio gehört, was so los ist", erzählt der 40-Jährige. "Aber in den 22. Stock kommt das Wasser nur mit einer Pumpe - und die braucht Strom." Duschen war nicht mehr, Kochen auch nicht, und selbst für das Händewaschen musste das kostbare Flaschenwasser streng eingeteilt werden. "Hätte ich doch nur noch die Wanne gefüllt", sagt Schäfer wieder und wieder.

Laptop warf Licht ins Treppenhaus

Wie andere auch tastete er sich langsam durch das stockdunkle Treppenhaus nach unten - 22. Stockwerke. "Wir hatten noch eine Taschenlampe, aber andere nur Streichhölzer. Und einer hat seinen Laptop vor sich hergetragen, um mit dem Display ein wenig Licht zu haben." Das brauchte man nicht nur für die schmalen Stufen, die in New York wirklich nur im Notfall benutzt werden. "Es lag auch überall Unrat, weil ja nichts funktionierte. Schön war das nicht."

Wie teilt man sich zu zweit in einer Wohnung eigentlich die Toilette, wenn man tagelang kein Wasser hat? "Naja", sagt Schäfer zögerlich, "man muss sich... arrangieren." Dann wird die Toilette eben mehrfach benutzt und wenigstens war ja der Wasserkasten voll, als der Sturm kam: "Einen Spülgang hat man frei. Da sollte man vorher gut nachdenken, wann man den nutzt."

Trotz Vorbereitungen verdarben Lebensmittel

Schäfer hatte extra noch Wasser eingefroren, damit die Nahrung im Kühlschrank nach einem Stromausfall noch etwas länger durchhält. "Nach zwei Tagen fing es aber an, erbärmlich zu stinken." Es half nichts. "Wir mussten fast alles wegschmeißen. Das Obst, das Gemüse. Selbst die Biomilch zu sechs Dollar die Flasche. Das tat am meisten weh." Kurze Pause. "Nein halt, die ganze Eiscreme. Die tat noch mehr weh." Immerhin: Das ganze Tauwasser ergab noch einmal eine Spülung.

Am späten Samstagabend war der Strom wieder da. "Jeder hat von der Hausverwaltung einen schwarzen Sack bekommen: Einfach alles aus dem Kühlschrank da unbesehen reinschmeißen!" Das Wasser war den ersten Tag noch kalt. Aber es war Wasser! Und Licht ist auch wieder da. Schäfer hat zwei Dinge aus den Tagen gelernt. "Zum einen bin ich beeindruckt, wo man überall Strom hat, ohne es richtig zu merken." Und zweitens? "Werde ich das nächste Mal mit Sicherheit meine Badewanne füllen!"

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