23. April 2012, 08:27 Uhr

Breivik mordete, bis die Polizei kam

Mehrfach wollte sich Anders Behring Breivik auf Utøya ergeben, rief einige Male bei der Polizei an. Bis die kam, exekutierte er weiter, aus kurzer Distanz. Zwei Jungen verschonte er bewusst.

Während seines Massakers auf der norwegischen Ferieninsel Utøya sind dem Attentäter Anders Behring Breivik nach eigener Aussage auch Zweifel gekommen. "Viele Menschen in Norwegen hätten es mehr verdient, hingerichtet zu werden, als diese Jugendlichen", sagte der 33-Jährige am Montag vor Gericht in Oslo. Dabei beziehe er sich beispielsweise auf Journalisten.

Als er auf der Insel ein Handy gefunden habe, habe er angefangen zu zweifeln und die Polizei angerufen um sich zu stellen. Insgesamt zehnmal habe er angerufen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Breivik rund 40 seiner später 69 Opfer getötet. "Warum töteten Sie weiter?", fragte Staatsanwältin Inga Bejer Engh. Breivik sagte, er könne sich nicht daran erinnern, was er in diesem Moment gedacht habe. "Ich sagte mir, ich würde weitermachen, wenn die Polizei nicht zurückruft", berichtete er.

Zuvor hatte sich Breivik bei einem Teil seiner Opfer entschuldigt. Seine Entschuldigung gelte den Verletzten und Toten des Bombenanschlags in Oslo, die keine politischen Aufgaben wahrnahmen, sagte der Massenmörder.

Entschuldigung nicht glaubhaft

Als die Staatsanwaltschaft nachfragte, ob er die Entschuldigung auch auf die Toten in den Regierungsgebäuden in Oslo und auf der Insel Utøya beziehe, verneinte der Angeklagte. Die jugendlichen Opfer seien alles andere als unschuldig, sondern politische Aktivisten, hatte er zuvor bereits gesagt. Diese Taten seien "grausam, aber notwendig" gewesen, wiederholte er eine frühere Formulierung. Er rechtfertigte die Morde damit, dass das Feriencamp der sozialdemokratischen Jugend ein "Indoktrinierungslager" gewesen sei.

Die Entschuldigung komme überraschend, sei aber nicht sehr glaubhaft, äußerten Angehörige von Breiviks Opfern im Gericht. Er glaube nicht, dass der Massenmörder hinter seinen Worten stehe, sagte Jon Hestnes von der Opferhilfe dem Fernsehsender NRK. "Das hilft niemandem. Da war nichts in seiner Körpersprache, das zeigt, dass er es ernst meint."

Einige Jugendliche bewusst verschont

Breivik beantwortete weitere Fragen zu seinem Massaker auf der Insel. Für Schüsse über kurze Distanzen habe er eine Pistole genutzt, für längere Strecken ein halbautomatisches Gewehr, sagte er vor Gericht. An viele Details erinnere er sich aber nicht mehr.

Einige der Jugendlichen auf Utøya habe er bewusst verschont. Ein Junge habe nicht linksorientiert, sondern konservativ ausgesehen. "Als ich ihn sah, sah ich eigentlich mich selbst", sagte Breivik. Auch einen Zehnjährigen habe er verschont - weil er sich fragte, was ein so kleiner Junge in einem Jugendlager mache.

Während seiner Aussage zeigte Breivik wenig Emotionen, bewies allerdings Selbstmitleid. "Auch ich habe am 22. Juli meine ganze Familie und alle Freunde verloren", sagte der 33-Jährige. "Der einzige Unterschied ist, dass ich das gewählt habe. Ich habe mich geopfert.

Die Staatsanwaltschaft versuchte wie in der ersten Prozesswoche, Breivik bloßzustellen. Wäre er nicht gefasst worden, wäre er eventuell mit einem kleinen Wasserflugzeug aus Norwegen geflohen, berichtete der Attentäter - und gab zu, nie zuvor eine solche Maschine bedient zu haben. Er habe aber viele Flug-Videos im Internet angeschaut. Staatsanwalt Svein Holden konfrontierte ihn mit einem Anruf bei einem Autoservice. Da hatte Breivik vor seinen Anschlägen angerufen, weil er den Rückwärtsgang seines Bombenautos nicht fand.

Geschlechtsorgane abschneiden oder ein Kind töten

Als Holden eine Passage aus Breiviks rund 1500 Seiten starken Manifest vorlas, reagierte dieser irritiert. Der Attentäter hatte geschrieben, ein Tempelritter müsse seine Geschlechtsorgane abschneiden oder ein Kind töten, um seine Loyalität zu beweisen. Die Staatsanwaltschaft wolle ihn mit ihren Fragen "ja nur lächerlich machen", kommentierte Breivik.

Am Mittwoch soll sich der Attentäter noch einmal außerplanmäßig zu zwei psychiatrischen Gutachten äußern. Vor dem Prozess waren zwei Gutachterteams zu unterschiedlichen Bewertungen gekommen. Das eine Team bezeichnete Breivik als geistig gesund und zurechnungsfähig, das andere als paranoid-schizophren.

Bei den Anschlägen am 22. Juli 2011 hatte Breivik im Regierungsviertel von Oslo und auf der Insel Utøya insgesamt 77 Menschen getötet. Auf Utøya erschoss der Rechtsextremist 69 meist jugendliche Teilnehmer eines Jugendlagers der regierenden Arbeiterpartei.

In der vergangenen Woche hatte Breivik ausgesagt, er habe eigentlich alle 569 Teilnehmer des Jugendlagers töten wollen. Der Prozess in Oslo ist auf zehn Wochen angesetzt.

fro/DPA/AFP
 
 
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