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M: Ein Kindermörder wird gesucht

Hamburg im Sommer 1981. Zwei Kinder werden ermordet. Der Fall bleibt bis heute ungeklärt, aber der damalige Ermittler ist überzeugt, dass er den Täter kennt. Begegnungen mit einem Verdächtigen.

Ich stehe in seiner Wohnung. Vor mir der Mann, den die Polizei für einen Doppelmörder hält. Zwei soll er getötet haben, in Hamburg vor mehr als drei Jahrzehnten. Er ist klein, drahtig, hat kräftige Unterarme, auf dem rechten ein Seemannsanker aus Zeiten, als Tattoos noch Tätowierungen hießen und von Leuten getragen wurden, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnet. Er ist alt geworden. Brille und graue Haare. Aber im Gesicht des 73-Jährigen erkennt man zwischen den Falten noch immer die große Narbe, die auf dem Foto von 1984 hervorsticht. Er wohnt nicht mehr in Hamburg. Sein Name tut nichts zur Sache. Nennen wir ihn "M." wie Mutmaßlich. Als M. hinter mir die Wohnungstür schließt, bemerke ich, dass sie innen weder Klinke noch Knauf hat. Ohne Schlüssel kommt man hier nicht wieder raus, aber den hat M. gerade in die Hosentasche gesteckt.

"Herr, verschaffe mir Recht! Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen." (Psalm 26, von M. in seiner Bibel unterstrichen)

"Herr, verschaffe mir Recht! Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen." (Psalm 26, von M. in seiner Bibel unterstrichen)

Es begann mit einem Anruf bei der Mordkommission in . Ich hatte nach ungelösten Fällen gefragt, und der Ermittler am anderen Ende der Leitung musste nicht lange nachdenken: "Der Mord an den zwei Kindern vor 35 Jahren. Wir sind uns ziemlich sicher, wer der Täter ist, aber wir sind vor Gericht nicht damit durchgekommen. Der läuft immer noch frei herum." Ein Kindermörder, der jahrzehntelang ungestraft davonkommt? Ein unerträglicher Gedanke. Aber in einem Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung – egal, was Polizei und Staatsanwaltschaft zu wissen glauben. "Wie können Sie trotzdem so sicher sein, dass er der Täter ist?", fragte ich. "Sprechen Sie mit dem Kollegen Bauer", sagte der Ermittler, "den lässt der Fall bis heute nicht los."

Eine Woche später kämpft sich Kriminalhauptkommissar a. D. Rolf Bauer an einem heißen Sommertag im Südosten Hamburgs durch das dichte Unterholz. Vor vier Jahren war er das letzte Mal hier, im Naturschutzgebiet Die Reit. Inzwischen ist alles überwuchert, die Natur hat sich den Tatort zurückgeholt. Bauer lässt sich nicht beirren und streift mit grimmigem Blick weiter durch das Gestrüpp, bis er den alten Mirabellenbaum wiederfindet. "Hier ging ein Trampelpfad vom Parkplatz her, und da lagen die beiden Kinder."

"Tiere enttäuschen nie, Menschen fast immer."

Der neunjährige Haluk war ein kräftiger Junge, der Karate lernte und gute Noten nach Hause brachte. Die Familie wohnte noch nicht lange in der Siedlung in Mümmelmannsberg. Der achtjährige Michael wirkte schmächtig. Er war der jüngste von vier Söhnen, die seine Mutter mit verschiedenen Männern hatte – und der einzige, der den Vater wenigstens vom Namen her kannte. Michaels ältester Bruder Roland, 57, lebt noch immer in der Gegend, seine Kinder sind dort aufgewachsen. "Ich habe ihnen verboten, je zu den Boberger Dünen zu gehen, wo mein Bruder verschwunden ist." Der Zweitälteste, Rolf, heute 52, wohnte nach einem Heimaufenthalt erst seit Kurzem wieder bei der Mutter: "Ich kannte den Michi erst sechs Wochen. Er war schüchtern und schreckhaft. Ich habe ihn abends ins Bett gebracht und gesehen, dass er reinmacht. Einmal hat er zu mir gesagt: Ich fühl mich nicht wohl hier, ich will zu Papa." Aber Michael liebte und hütete sein silberblaues Fahrrad, das die Mutter ihm ein Jahr zuvor geschenkt hatte und mit dem er täglich durch die Siedlung streifte.

Rolf Bauer, Kriminalhauptkommissar a. D., am Leichenfundort, mehr als drei Jahrzehnte nach der Tat

Rolf Bauer, Kriminalhauptkommissar a. D., am Leichenfundort, mehr als drei Jahrzehnte nach der Tat

"Ach, die Tür", sagt M. "Bei mir wurde eingebrochen. Da hab ich ein Schloss ohne Griff einbauen lassen, weil es billiger war." Die Einzimmerwohnung von M. befindet sich in einem Wohnsilo in einer dieser halb sanierten Großstadtgegenden, wo junge Pärchen Kinderwagen an der neu gestalteten Uferpromenade entlangschieben, während nebenan im Park Fixer und Kleindealer ungestört ihren Geschäften nachgehen. "Es ist schlimm", regt sich M. auf, "die dealen da ihre Drogen, aber die tut nichts." Sein Wohnzimmer ist sehr ordentlich. Links Fernseher und Stereoanlage, rechts ein Schreibpult mit Unterlagen, daneben ein Schlafsofa, auf dem Medikamente nebeneinander aufgereiht stehen. An den Wänden Bilder von Katzen und Hunden. Neben der Wohnungstür hängt ein Spruch: "Tiere enttäuschen nie, Menschen fast immer." In der Diele kleben vertrocknete Eierreste an der Wand. Irgendetwas kommt mir an der Erklärung für die fehlende Türklinke seltsam vor.

"Der Michi war ein ängstliches Kind, der wäre nie mit einem Fremden mitgegangen"

Am frühen Abend des 15. Juni 1981 fuhren Michael und Haluk mit ihren Fahrrädern in der Siedlung los. Als sie um 19 Uhr immer noch nicht zurück waren, begannen die Familien, sich zu wundern. "Der Michi war ein ängstliches Kind, der wäre nie mit einem Fremden mitgegangen", sagt Roland. Auch Haluks große Schwester Ilknur glaubt nicht, dass ihr Bruder sich einfach mitnehmen ließ. "Der konnte sich mit Händen und Füßen wehren", sagt die 49-Jährige. Er sei schüchtern und widerspenstig zugleich gewesen. "Zum Beispiel ging er zu Hause nur mit Unterhose in die Badewanne. Wenn meine Mutter ihm das verbat, gab es regelmäßig Geschrei."

Im Laufe des Abends machte sich halb Mümmelmannsberg auf die Suche nach den verschwundenen Jungen. Rolf zog mit Kindern aus der Nachbarschaft los und fand schließlich die zwei Fahrräder wenige Hundert Meter entfernt von der Siedlung an einem Parkplatz am Rand der Boberger Dünen. Da die Räder nicht abgeschlossen waren, glaubte er, dass sein Bruder nicht weit sein könne. "Der Michi hat sein Fahrrad geliebt und dafür extra ein dickes Schloss gehabt." Doch die Jungen blieben spurlos verschwunden.

Die Leichen lagen beide im Naturschutzgebiet Die Reit in den Marschlanden

Die Leichen lagen beide im Naturschutzgebiet Die Reit in den Marschlanden

Es war nicht leicht, M. zu finden. Er trägt einen Allerweltsnamen und steht nicht im Telefonbuch. Wochenlang fahndete ich nach ihm, dann plötzlich eine Spur: Jemand mit seinem Namen suchte per Kleinanzeige im Internet eine Hündin, am liebsten schwarz-weiß gescheckt, nicht zu groß. Name, Handynummer. Ich verabredete mich mit ihm. Außerdem lieh ich mir für den Tag einen Hund von einer Bekannten. Jetzt, in M.s Wohnung, schlage ich vor, den Hund zur Probe auszuführen. M. schließt die Wohnungstür wieder auf, und wir gehen in den benachbarten Park. Nachdem wir eine Viertelstunde mit dem Hund gegangen sind, setzen wir uns auf eine kleine Mauer. "Haben Sie die Papiere für den Hund mit?", fragt M. "Nein", sage ich und ziehe die Bilder der zwei ermordeten Kinder aus der Tasche.

Sechs Wochen wurden Haluk und Michael vermisst. Am 29. Juli 1981 fanden zwei Spaziergänger ihre Leichen rund zehn Kilometer entfernt im Naturschutzgebiet. Der heiße Sommer hatte die Verwesung stark beschleunigt. "Die zerfielen uns fast unter den Händen", sagt Bauer, "wir haben sie mit Schaufeln zu dritt vorsichtig in den Sarg gehoben."

Die Schlaufe hatte einen Durchmesser von rund sieben Zentimetern und war einfach verknotet

Noch am selben Abend wurden die Kinderleichen in der Gerichtsmedizin obduziert. Michael hatte einen grünen Pullover, eine blaue Jeans und weiße Tennishalbschuhe getragen. Organe wie Leber, Lunge, Herz und Nieren waren nicht mehr vorhanden, auch die Todesursache konnte nicht mehr festgestellt werden. Bei Haluk fand der Gerichtsmediziner zwischen Kopf und Rumpf, wo einmal der Hals gewesen war, einen Stoffgürtel, der im Nackenbereich einen einfachen Knoten aufwies. Die Schlaufe hatte einen Durchmesser von rund sieben Zentimetern und war einfach verknotet. Der Junge war mit seinem eigenen Gürtel erwürgt worden.

Michael und Haluk, die gleiche Generation wie ich, geboren in den frühen 70er Jahren: Nickis, Murmeln, Fahrräder mit schicken Tachos. M. blickt einen Moment regungslos auf die Bilder. "Oh." Dann fragt er: "Wer ist das denn?" Er zeigt auf das Bild von Michael: "Sind Sie das gewesen als kleiner Junge? Das könnten Sie sein." Ich frage ihn, ob er sich an diese Gesichter erinnern kann. "An diese beiden Jungs? Nee, garantiert nicht." Aber als ich ihm die Namen der beiden sage, reagiert er sofort: "Das kann ich Ihnen genau sagen, aber die sahen … nee, ich glaube, ich hab gar kein Foto von denen gesehen. Die waren in der Zeitung drin, das war damals, als ich unschuldig durch die Hölle gegangen bin."

Ilknur, die Schwester des neunjährigen Haluk und sein Cousin Mahir erinnern sich an einen Mann mit einem dunklen Hund

Ilknur, die Schwester des neunjährigen Haluk und sein Cousin Mahir erinnern sich an einen Mann mit einem dunklen Hund

Haluks Cousin Mahir, heute 43, erinnert sich, dass sie oft an den Boberger Dünen waren, um heimlich die Zigaretten des Großvaters zu rauchen. Einmal sei ihnen dort eine Person mit einem schwarzen Hund entgegengekommen. "Haluk sagte, ich müsse vor dem Hund keine Angst haben", sagt sein Cousin, "als ob er ihn kennen würde." Haluks Schwester Ilknur erinnert sich, wie kurz nach dem Verschwinden ihres Bruders ein Mann mit einem dunklen Hund an der Wohnungstür klingelte und sie aufforderte, mitzukommen. "Er wollte, dass ich ihm zeige, wo die Fahrräder gefunden wurden." Statt des kleinen Mädchens ging der Onkel mit dem Mann los, der ihn – so erzählt der Onkel das jedenfalls später – hinterrücks in einen Teich stieß. Einmal noch habe sie diesen Mann mit dem Hund gesehen, sagt Ilknur. "In der Straßenbahn. Er hatte ein Glas mit Bonbons in der Hand und war für den Sommer auffällig warm angezogen." Der Polizei erzählte die Familie nichts von dem Mann.

Bauer ist ein Polizist vom alten Schlag. Wenn er eine Fährte aufgenommen hat, lässt er sich so schnell nicht davon abbringen

Auf dem Schreibtisch in M.s Wohnung liegt eine Bibel. Er hat in den Psalmen viele Passagen angestrichen. Hilferufe eines Verfolgten, Schreie nach Gerechtigkeit: "Herr, verschaffe mir Recht! Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen." Die Zeile stammt aus dem "Gebet eines unschuldig Angeklagten" in Psalm 26. Entweder er braucht die Bibel, um sich nach 35 Jahren selbst davon zu überzeugen, dass er unschuldig ist. Oder ihm wurde tatsächlich Unrecht getan, und er sucht Trost im Glauben.

Bauer ist ein Polizist vom alten Schlag. Wenn er eine Fährte aufgenommen hat, lässt er sich so schnell nicht davon abbringen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere bei der Mordkommission hatte er mehr als 900 Überstunden. Sein Motto: "Ärgern Sie keinen Kriminalbeamten, sonst wird er fleißig." Er muss sich in seiner Karriere oft geärgert haben, denn von 157 Mordfällen hat er lediglich sieben nicht aufgeklärt. Der Doppelmord an den beiden Kindern aus Mümmelmannsberg ist einer davon.

Dass er den Mann, den er für den Täter hält, laufen lassen musste, quält Bauer bis heute. "Mit unserer heutigen Spurensicherung, mit der DNA hätten wir ihn überführt." Aber 1981 waren andere Zeiten. Damals klaubten die Ermittler ohne Schutzanzüge einfach die Kleidungsstücke am Tatort zusammen. "Die Klamotten hingen bei uns im Trockenraum neben Klamotten anderer Opfer" Wie kann er sich dann so sicher sein, dass es M. war, der die Kinder umgebracht hat? "Ich habe auch heute keinen Anhaltspunkt für die Täterschaft eines anderen Menschen."

Doppelmord in Hamburg: Ein Kindermörder wird gesucht

Die Leichen des achtjährigen Michael (links) und des neunjährigen Haluk wurden unter einem Mirabellenbaum in einem Naturschutzgebiet entdeckt

Die Ermittlungen verliefen zunächst schleppend. Die Gemüsebäuerin Regina Körber* und ihr Mann hatten am späten Abend des 15. Juni 1981 Kinderschreie aus dem Naturschutzgebiet gehört, als sie auf dem Hof arbeiteten. Als sie fast drei Jahre nach der Tat noch einmal offiziell vernommen wurde, wollte sich die Frau noch immer genau an die Schreie erinnern können: der eine tief und jämmerlich, der andere hoch und schrill, als wollte das Kind etwas rufen. In den Wochen nach der Tat sei außerdem ein süßlicher Verwesungsgeruch aus der Reit zu ihnen herübergeweht. Ihr Mann habe sogar nachgesehen, ob da nicht ein totes Reh liege.

Die Jungen, ein blonder und ein dunkelhaariger, spielten mit selbst gemachten Angelruten

Es dauerte mehr als ein Jahr, bis die Mordkommission den Hinweis bekam, der den weiteren Verlauf der Ermittlungen entscheidend beeinflussen sollte. Im Sommer 1982 sah Regina Körber in der Zeitung das Foto eines Mannes, der gerade wegen Tierquälerei vor Gericht stand, weil er kranke Hunde verkauft hatte. Es war M., der damals am Öjendorfer Damm eine Tierhandlung betrieb, in der desolate hygienische Zustände herrschten. Körber war sich sofort sicher, sein Gesicht schon einmal gesehen zu haben. Sie meldete sich bei der örtlichen Polizei und erklärte, am 15. Juni 1981 gegen 20 Uhr diesen Mann mit zwei Kindern und einem Hund an der Reitbrooker Schleuse gesehen zu haben – nur wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt. Die Jungen, ein blonder und ein dunkelhaariger, hätten mit selbst gemachten Angelruten gespielt. Auch den Mann beschrieb sie genau: kurze dunkle Haare, Jeansanzug, Sonnenbrille. Unter dem rechten Auge eine auffällige Narbe.

Als ich M. das nächste Mal besuche, will er mir im Park um die Ecke die Drogendealer zeigen, die es angeblich auf ihn abgesehen haben, vor allem Thomas*. Er geht auf drei junge Männer um die 20 zu, die scheinbar friedlich auf einer Mauer sitzen und Cola trinken, und grüßt einen: "Hey, Thomas." – "Geh bitte weiter, M." – "Ich muss nicht weitergehen, ich kann hier auch stehen bleiben." – "Komm, Alter, geh weiter bitte." – "Was willst du? Komm her, wenn du was willst. Ihr habt mich doch beleidigt." – "Halt die Fresse und verpiss dich!" M. zeigt auf einen der anderen Männer: "Du hast mich doch beschimpft als Kinderficker." – "Ja, weil du ihm Geld gegeben hast für Sex." – "Der ist kein Kind mehr, der ist 25 Jahre alt. Der geht ständig auf den Strich." Einer der Männer zeigt auf M.: "Der bietet kleinen Jungs Geld zum Ficken, Alter." Ich frage: "Hier im Park?" – "Ja klar, den ganzen Araberjungs gibt er Geld. Ohne Scheiß, Alter. Der steht auf kleine Jungs." "Du kriegst 'ne Strafanzeige wegen Beleidigung", ruft M. Der Streit wird immer lautstärker, die Männer stehen auf. Da zieht M. sein Pfefferspray und sprüht los.

Die Gruppe wirbelt auseinander. Eine halb volle Plastikflasche fliegt in M.s Richtung. Für einen 73-Jährigen setzt er überraschend flink nach und sprüht die Männer mit Pfefferspray ein, bis sie sich unter wütenden Rufen zurückziehen. Ich rufe 110 an. 20 Minuten später kommt ein Einsatzwagen der Polizei und nimmt Personalien auf. "Die haben mich als Kinderficker beschimpft", sagt M. "Können Sie sich vorstellen, woher diese offensichtlich haltlosen Behauptungen kommen?", fragt der Beamte. "Das hat mit alten Zeitungsberichten zu tun. Ich bin 1984 kaputtgemacht worden wegen etwas, das ich nie getan habe." Er sei immer noch krank und werde deswegen behandelt. Panikattacken, Albträume. Und jetzt auch hier keine Ruhe mehr. "Haben Sie mal überlegt, Ihrer Gesundheit wegen in einen anderen Stadtteil umzuziehen?", fragt der Polizist. Aber M. ist erst vor anderthalb Jahren von Hamburg hierhergezogen. "Ich kann nicht immer umziehen, wo soll ich noch hin?"

Der damals gültige Paragraf 175 liest sich heute wie ein finsteres Gebot aus dem Alten Testament

Die Dienststelle gab 1982 den Hinweis der Zeugin Körber an die Mordkommission weiter. Bauer war elektrisiert: endlich eine Spur. Als er Regina Körber eine Auswahl von Fotos vorlegte, tippte sie sofort auf das Gesicht von M. Dessen Vorstrafenregister war lang. Es enthielt unter anderem: Betrug, gefährliche Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung. M. sei "in erheblichem Umfang kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten", wird es später im Antrag auf Haftbefehl heißen, "darunter mehrfach wegen Unzucht zwischen Männern". Homosexuelle Handlungen galten in der Bundesrepublik noch bis zum Ende der 60er Jahre als Straftat. Der damals gültige Paragraf 175 liest sich heute, da der Bundestag gerade die Ehe für alle beschlossen hat, wie ein finsteres Gebot aus dem Alten Testament. Er führte dazu, dass schwule Männer in die Illegalität getrieben wurden. Als Bauer den Haftbefehl gegen M. beantragte, waren homosexuelle Handlungen allerdings längst nicht mehr strafbar. Nach der Strafrechtsreform mussten alte Akten über Straftaten nach Paragraf 175 gelöscht werden.

M. war auch einmal in der "Sonderanstalt Bergedorf" gewesen, in der ab 1969 Sexualstraftäter therapiert und auf die Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet wurden. Warum, das liegt heute im Dunkeln. Wer dort "freiwillig" einer Kastration zustimmte, durfte auf frühere Entlassung hoffen. Auch M. entschied sich für den drastischen Eingriff und ließ sich in der Universitätsklinik die Keimdrüsen ausschälen.

Er sei froh, sagt mir M. später, dass ich bei dem Zwischenfall im Park dabei war. "Sie sind doch mein Zeuge: Kindermörder, Kinderficker, Schweinehund, das haben die alles gesagt." Dass die Provokation zumindest an dem Tag von ihm ausging, davon will er nichts wissen. Auch hatte ihn keiner "Kindermörder" genannt. Aber M. ist mit sich im Reinen. "Die haben mich bösartig beschimpft. Da habe ich wieder Angst gekriegt um mich selber, dass ich da Kurzschlusshandlungen bekomme, nicht? Ich bin dann sehr rasend manchmal, nicht? Aber ich hab doch dazugelernt, muss ich sagen. Ich hab mich dann doch ganz gut gehalten. Ich war doch ganz ruhig, oder nicht? Habe doch nichts gemacht." Ich frage M., ob er öfter rasend werde. "Ja, aber das muss in die richtige Richtung gehen, wenn das also böse Leute sind, die wirklich das faustdick hinter den Ohren haben, dann kann ich rasend werden. Weil ich dann wütend auf mich selber bin, weil ich an die Leute nicht rankomme, die nicht überführen kann."

Bauer brauchte nicht lange, um M. ausfindig zu machen. Aber er ließ sich Zeit. Er warf das Netz aus und zog die Schlinge erst zwei Jahre später zu. Bauer brauchte Zeugen, er brauchte Spuren. Die Ermittlungsakte musste wachsen. "In der Akte werden die Weichen für den Prozess gestellt." Zu diesem Zeitpunkt ahnten weder Bauer noch seine Kollegen in der Mordkommission, dass ihnen der Fall M. katastrophal entgleisen würde.

"Ich schwöre Ihnen bei Gott, ich habe nie ein Kind angefasst" (M. im Jahr 2017)

"Ich schwöre Ihnen bei Gott, ich habe nie ein Kind angefasst", sagt M. Das Bild, das er nach außen abgibt, ist ihm sehr wichtig. Er holt einen Schnellhefter hervor und zeigt Briefe, die er in den vergangenen Wochen an die Polizeiwache geschickt hat. Es sind Selbstanzeigen und Anzeigen gegen junge Männer, die er in seiner Wohnung hatte. "Ich schäme mich nicht, homosexuell zu sein", schreibt M. Aber er sehe sich "übelsten Denunziationen" ausgesetzt, man habe sein Leben kaputtgemacht. Thomas sei dreimal in seiner Wohnung gewesen und habe ihm Sex angeboten. Lediglich einmal habe er akzeptiert. Zwei Tage später versichert M. der Polizei in einem weiteren Fax, den Thomas niemals sexuell berührt zu haben. Am Ende die Beschwörung seines vorbildlichen Lebenswandels: "Ich betone, drogenfrei zu leben, rauche nicht und lebe seit 30 Jahren vegetarisch."

Warum diese ganzen Schreiben, frage ich M. "Ich habe gedacht, du musst einfach auf den Tisch legen, was da war. Sonst werden die versuchen, es umzudrehen und dir was anzuhängen." Aber der Dienststellenleiter habe ihm gesagt, er habe sich nicht schuldig gemacht. "Machen Sie sich keine Sorgen, Herr M., das hat er wortwörtlich gesagt. Die Altersgrenze ist nicht verletzt worden." Immer wieder schickt M. solche Eingaben an die Polizei. Er stellt Strafanzeige gegen Thomas wegen Diebstahls. Gegen eine Tierärztin, die er für den Tod seiner letzten Hündin verantwortlich macht. Gegen junge Männer aus der Drogen- und Stricherszene wegen Sachbeschädigung. "Die haben meine Wohnung verwüstet", sagt M. "Eier an die Wand geworfen und Wasserflaschen auf dem Boden ausgeschüttet." Wenn einer keine Klinke an seiner Innentür hat, könnten die Gäste schon mal ungeduldig werden.

1983 nahm der Fall eine zweite entscheidende Wendung. Mehr als zwei Jahre nach der Tat verhörte Bauer den Mann, der zur Tatzeit eine Beziehung mit M. hatte und bei ihm wohnte. Arne Fischer* erklärte in seiner Vernehmung, dass er seit 1977 mit dem 15 Jahre älteren M. zusammengelebt habe. Ihm sei nicht aufgefallen, dass M. in der Zeit Kontakte zu kleinen Kindern gehabt hätte. Nur einmal habe M. etwas mit einem Jugendlichen angefangen, aber das sei ja polizeibekannt.

Sein verkrachtes Vorleben hatte M. für Ermittler Bauer schnell zum Hauptverdächtigen für den Doppelmord gemacht

Als Bauer den Zeugen Fischer fragt, ob er und M. je in Mümmelmannsberg gewesen seien, erwähnt der fast beiläufig, dass M. sich dort öfter mit einem gewissen Andreas* in dessen Wohnung getroffen habe. Der Mann war in Hamburg kein Unbekannter. 1973 berichtete der stern über einen Triebtäter gleichen Namens, der sich "in der Haft entmannen ließ, um wieder in Freiheit leben zu können". Auch er war wie M. eine Zeit lang in der "Sonderanstalt Bergedorf" gewesen.

Fischer hat noch eine Überraschung für die Ermittler. M. sei zwar kastriert gewesen, "aber er hat nie sexuell versagt". Dank regelmäßiger Hormonspritzen und Aufbaupräparate habe M. den Geschlechtsverkehr vollziehen können. Allerdings sei er mitunter sehr brutal gewesen, nachdem er Tabletten und Alkohol eingenommen habe. Immer wieder sei es zu Prügeleien gekommen. Manchmal sei M. richtig durchgedreht und habe sich sofort sexuell befriedigen müssen. Fischer sei deshalb immer wieder aus dem gemeinsamen Zuhause geflohen und habe sich versteckt.

Dann habe M. gedroht, ihn umzubringen.

Sein verkrachtes Vorleben hatte M. für Ermittler Bauer schnell zum Hauptverdächtigen gemacht. Aber er brauchte Details und befragte Fischer weiter. Wie kleidete sich M. damals? Trug er die Haare glatt, oder hatte er Locken? Waren die beiden je zusammen im Naturschutzgebiet? Sah er M. jemals mit einer Angel? Welchen Wagen fuhr M.? Winzige Teile in dem riesigen Mordmosaik, dessen Konturen für Bauer immer klarer hervorzutreten schienen.

1981 kaufte M. einen schwarzen Opel Diplomat. Dabei hat er eine fast panische Abneigung, selbst Auto zu fahren, und ließ sich stets von anderen chauffieren. Meist von Fischer. Er könne mit Bestimmtheit sagen, erklärte Fischer, dass er M. nie selbst am Steuer gesehen habe. Weitere Zeugen bestätigten das. Das Auto sei im September 1981 verkauft worden.

Für die Boulevardpresse stand M. als Täter fest

Schon am nächsten Tag machte Bauer den Wagen ausfindig und fuhr mit zwei Mitarbeiterinnen der Kriminaltechnischen Untersuchungsstelle (KTU) nach Lübeck-Travemünde. Unter der roten Rückbank fanden die Ermittler zahlreiche Haare. Zurück in Hamburg legte eine wissenschaftliche Gutachterin die Spuren im Labor unters Mikroskop. Sie untersuchte Haarschäfte, Hohlräume, Faserbündel. Dabei entdeckte sie unter zahlreichen Tierhaaren auch Menschenhaare, die "in allen untersuchten Merkmalen" mit Michaels hellen Kinderhaaren und den schwarzen Haaren von Haluk übereinstimmten. Nachdem eine zweite Durchsuchung im Januar 1984 weitere Kinderhaare zutage gefördert hatte, beantragte Bauer Haftbefehl gegen M.

Als sein Foto in den Zeitungen erschien, stellte sich M. der Polizei. Er bestritt vehement, irgendetwas mit dem Mord an den beiden Kindern zu tun zu haben. Bauer ließ nicht locker: die Vorstrafen, die Haarspuren in M.s ehemaligem Auto, die Zeugin Regina Körber, die ihn an der Schleuse gesehen haben wollte. "Das sind ja nun sehr viele Zufälle."

Für die Boulevardpresse stand M. als Täter fest: "Homosexueller Tierquäler brachte spielende Kinder um: nur so, um seinen sadistischen Trieb zu befriedigen" ("Neue Revue"). "Polizei und Staatsanwaltschaft sind überzeugt: Deutschlands gemeinster Tierquäler als Kindesmörder entlarvt" ("Das Neue Blatt"). Auch der vollständige Name und das Bild der "Bestie in Menschengestalt" wurden veröffentlicht.

"Ich wurde immer wieder in Zeitungen mit Foto und Name publiziert und als Tierquäler vermarktet", sagt M. Man könnte ihn als Paranoiker sehen, der ständig unter dem Eindruck leidet, dass ihm alle Böses wollen und er ständig zurückschlagen muss. Erklärungen gäbe es dafür genug in seiner Lebensgeschichte: Kriegsflüchtling aus dem Osten, schon in Kinderheim und Schule als Schwuler ausgegrenzt. Später denunziert und drangsaliert in einem Staat, der Homosexualität lange als illegal verteufelte. Aber 1982 war er zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt worden, weil er kranke Tiere weiterverkauft, einen Tierarzt bedroht und einen enttäuschten Kunden verletzt hatte. Im Januar 1984 wurde er wegen räuberischen Diebstahls festgenommen, nachdem er mehrere Flaschen Schnaps aus einem Supermarkt gestohlen hatte. Und dann der Vorwurf: Kindermord.

"Er hatte zwei Seelen: liebenswürdig und charmant die eine, die andere hart, aggressiv und brutal."

Doch M. wehrte sich. Er stellte Strafanzeigen gegen die Zeitungen – ohne Erfolg. Aus der Untersuchungshaft schrieb er seitenlange Briefe an Richter und Staatsanwälte: "Ich beschwöre Sie, ich bin nicht der Mörder!" Er stellte Strafanzeige gegen Bauer: "So wahr mir Gott helfe, so wahr will Herr Bauer keinen anderen Täter als mich." Er glaubte, dass man es nicht zufällig auf ihn abgesehen hatte, sondern weil er ein Außenseiter war. "Ich bin gebrandmarkt als Homosexueller, als Tierquäler, Betrüger, Gewalttäter, aber ich würde niemals ein Kind ermorden." In zahlreichen Briefen aus der Haft bat M. Freunde, ihm zu helfen. Er schrieb an die Mutter seines Lebensgefährten Arne Fischer. Doch als Bauer sie vernahm, sagte die Frau aus, M. habe ihren Sohn mehrfach verprügelt und so stark gewürgt, dass am Hals Würgemale zu sehen gewesen seien. "Er hatte zwei Seelen: liebenswürdig und charmant die eine, die andere hart, aggressiv und brutal." Einmal habe er den Sohn einer Freundin gewürgt, bis das Kind Blut gespuckt habe. Ihrem Sohn Arne gab sie ein Alibi.

"Der Arne hatte Gletscheraugen", sagt M. über seinen ehemaligen Lebensgefährten. "Er war immer unheimlich schweigsam, hat wenig über sich selbst geredet." Aber er kenne sich seit seiner Kindheit gut in dem Naturschutzgebiet aus, in dem die Leichen gefunden wurden. Sein Vater habe wenige Hundert Meter entfernt eine Gartenparzelle gehabt. Und Arnes Onkel habe in Mümmelmannsberg gewohnt. Am Tattag hatte Fischer um 18.15 Uhr einen Termin mit einem Rechtsanwalt, es ging um einen Schaden am Opel Diplomat. Die Fahrtzeit von der Kanzlei am Grönländer Damm zum Wohnort der ermordeten Kinder beträgt 30 Minuten. Von dort aus dauert es noch einmal eine Viertelstunde bis zur Reitbrooker Schleuse. Als ich Fischer auf Facebook kontaktiere, um über M. zu reden, ist er wenig erfreut und reagiert aggressiv: "Der hodenlose Kinderficker wird in die Enge getrieben – das LKA ist an ihm dran, und ich soll’s gewesen sein?!? Ey, Arschloch, du fickst ihn oder bist ihm hörig."

Die Unnachgiebigkeit des Untersuchungshäftlings M. zahlte sich schließlich aus. Sein Anwalt zerpflückte Bauers Beweise, warf dem Ermittler "Übereifer" und Fehleinschätzungen vor. Der Haftrichter beantragte ein weiteres Haargutachten beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Es war vernichtend: Das Hamburger Gutachten enthalte zahlreiche gröbste Fehler, die meisten Spurenhaare seien nicht einmal verwertbar. Der Haftrichter in Hamburg hob den Haftbefehl auf. Ein dritter Gutachter wollte sich nicht festlegen und sprach lediglich von einer möglichen Übereinstimmung der Haare. Obwohl die Hamburger Kriminaltechniker in einer ausführlichen Stellungnahme dagegenhielten und ihr Erstgutachten stützten, konnten sie das Gericht nicht überzeugen. Es kam nicht einmal mehr zur Anklage. M. saß seine Strafe wegen räuberischen Diebstahls ab, dann wurde er entlassen und blieb frei – bis heute.

"Ein anderer Täter muss nicht gesucht werden" (Ermittler Bauer 2003)

Doch Bauer ließ der Gedanke keine Ruhe, dass er den Mörder der beiden Kinder nie zur Rechenschaft ziehen konnte. "In einem Fall mit zwei getöteten Kindern", schrieb er 2003 in die Akte, "muss alles Notwendige getan werden, um die Tat aufzuklären." Für den Kommissar bedeutete das: M. doch noch überführen. "Ein anderer Täter muss nicht gesucht werden!" Bauer beantragte eine neue DNA-Untersuchung der alten Haarspuren. Die beiden Männer trafen noch einmal im Gerichtssaal aufeinander. M. weigerte sich, neben Bauer Platz zu nehmen. Die DNA-Analyse blieb ergebnislos. 2008 ging der Kommissar in Rente.

Ein Jahr nach Beginn dieser Recherche kommt wieder Bewegung in den Fall. Die Mordkommission hat ihn an die Cold Case Unit am Landeskriminalamt Hamburg über geben. Dort beschäftigt sich eine Handvoll Beamte mit ungeklärten Altfällen. Steven Baack, ihr Chef, war gerade erst ein Jahr alt, als der Mord geschah. "Wir wollen noch einmal mit frischem Blick an den Fall herangehen", sagt der Kriminalhauptkommissar. Dazu gehört auch, dass M. nur einer von mehreren Verdächtigen ist, die jetzt von den Mordermittlern ins Visier genommen werden. Es gibt neue Spuren, die Polizei sucht Zeugen.

Ob ich glaube, dass M. der Mörder der beiden Kinder ist? Das tut nichts zur Sache. Reporter sind keine Richter. Wir haben uns oft getroffen, M. und ich. Wir sind höflich, aber wir trauen einander nicht. Manchmal ruft er an, um mich zu beschimpfen. Ich sei wieder in der Siedlung gewesen, um die Nachbarn gegen ihn aufzuhetzen. Aber ich habe nie mit den Nachbarn gesprochen. Ich habe sein Geheimnis für mich behalten. Niemand muss in einem Rechtsstaat seine Unschuld beweisen, und das ist gut so. "Ich lasse lieber einen Schuldigen laufen, als einen Unschuldigen in den Knast zu schicken", hatte Bauer gesagt.

Heute ist M. der einsamste Mensch. Manchmal frage ich mich, ob ich der Einzige bin, der ihm noch zuhört. Vor wem flieht er, wer verfolgt ihn? Er hat sich mit allen überworfen. Seine Brüder haben sich von ihm abgewandt. Selbst seine beste Freundin, die Einzige, die damals zu ihm hielt, will nichts mehr mit ihm zu tun haben. "Ich bin froh, wenn er uns in Ruhe lässt", sagt sie am Telefon. Sie sagt nicht, warum.

"Alleingelassen haben sie mich eigentlich alle", sagt M.

*Namen von der Redaktion geändert

Der Artikel über "M." ist dem aktuellen stern entnommen:



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