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13-Jährige chattete mit 52-Jährigem, danach verschwand sie - bis heute

Tausende Kinder werden jährlich in Deutschland als vermisst gemeldet. Viele tauchen schnell wieder auf, wenige bleiben verschwunden. Der stern ruft in einer Serie Fälle in Erinnerung, an denen die Ermittler zum Teil seit Jahren arbeiten. Einer ist der Fall Maria-Brigitte Henselmann.

Maria-Brigitte Henselmann aus Freiburg und Bernhard Haase, der laute Polizei mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte

Im Mai 2013 verschwand die damals 13-jährige Maria-Brigitte Henselmann aus Freiburg. Die Polizei vermutetet, dass sie mit Bernhard Haase (damals 52) unterwegs ist

"Karlchen" - so nennt sich der 14-Jährige, der im Frühjahr 2012 auf einer Chatplattform Stunden mit Maria-Brigitte Henselmann aus Freiburg verbringt. Die beiden sind in etwa im gleichen Alter - Maria-Brigitte ist damals zwölf - sie verstehen sich gut und wollen sich treffen - offenbar ein normaler Flirt unter Jugendlichen.

Bei der Mutter vom Maria-Brigitte klingelt  im Mai 2012 das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist die , erzählt Monika Beisler später dem stern. Der Inhalt des Gesprächs zieht der Frau den Boden unter den Füßen weg.

+++ Lesen Sie hier das stern-Interview Monika Beisler +++

Karlchen heißt eigentlich Bernhard. Und Bernhard ist nicht 14 Jahre alt, sondern in den Fünfzigern. Ein Familienvater aus Nordrhein-Westfalen. Maria, wie ihre Tochter nennt, weiß das bereits, denn sie habe sich schon mit dem rund 40 Jahre älteren Mann getroffen, sagen die Beamten.

Maria-Brigitte Henselmann ist bis heute verschwunden

Monika Beisler spricht mit ihrer Tochter, sie warnt ihr Kind. Doch der Kontakt zwischen und dem Mädchen reißt nicht ab, sie flirten weiter, sie treffen sich heimlich. Offenbar auch am 4. Mai 2013 - der Tag, an dem Monika Beisler ihr Kind zum letzten Mal sieht.

Noch in der Nacht geht die Frau in zur Polizei, erstattet Anzeige. Die Beamten wissen, was sie bei vermissten Kindern zu tun haben: das Umfeld befragen, sich im Kinderzimmer umschauen, Streifenwagenbesatzungen informieren, die Angehörigen beruhigen. Schließlich taucht der größte Teil von verschwundenen Kindern und Jugendlichen schnell wieder auf. Maria nicht - und es gibt diese Vorgeschichte und den konkreten Verdacht, dass Maria mit Bernhard Haase unterwegs ist, abgehauen, möglicherweise freiwillig - vielleicht sogar aus Liebe? Kann eine 13-Jährige einen 52-Jährigen lieben? Nicht nur Marias Mutter zweifelt daran.

Für die Suche nach dem Mädchen ist die Antwort auf diese Frage ohnehin unerheblich - das Gesetz ist eindeutig. Die Beamten erwirken einen internationalen Haftbefehl gegen Bernhard Haase, die Vorwürfe: Kindesentziehung und schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes. Die Ermittler jagen jetzt einen Schwerverbrecher, der womöglich ein fremdes Kind bei sich hat.

Bernhard Haase ist die Schlüsselfigur in einem Vermisstenfall, der nicht nur Marias Familie und die Polizei in Freiburg bis heute beschäftigt. Längst sind auch das Bundeskriminalamt und Interpol eingeschaltet.

Die Polizei setzt schnell auf die Öffentlichkeit

Freunde und Bekannte beschreiben den Elektriker im stern als vorbildlichen Familienvater, manchmal etwas grimmig, als etwas bieder und unauffällig. Und er war politisch aktiv, bei den Republikanern im Bezirk Ostwestfalen-Lippe. Nur seine Familie kennt Haases Hang zu jungen Mädchen. Die eigene Ehefrau zeigt ihn an, damals 2012, als sie entdeckt, dass er sich als "Karlchen" im Chat an Mädchen heranmacht.

+++ Lesen Sie hier den stern-Artikel über Bernhard Haase +++

Auch deswegen holen die Ermittler bei der Suche nach dem ungleichen Duo schnell die Öffentlichkeit mit ins Boot: Zeitungen drucken Fotos der beiden, Radio- und Fernsehsender berichten, die Mutter des Mädchens richtet in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" einen eindringlichen Appell an den mutmaßlichen Entführer ihrer Tochter: "Bitte bringen Sie mein Kind nach Hause!"


Die Polizei hat schnell eine Spur: Haase und Maria sind vermutlich in seinem silberfarbenen Skoda Octavia unterwegs, zudem haben sie seinen weißen Schäferhund "Simba" dabei. Auto und Hund werden rund zwei Monate nach dem Verschwinden in Gorlice im Süden von Polen gefunden: Der Wagen hat in Sachsen gestohlene Kennzeichen, der Hund ist in einem Garten angebunden. 

Polnische Behörden schalten sich in den Fall ein. Es kommt heraus: Das Mädchen und der Entführer wurden von Bewohnern der Region gesehen - über Wochen: beim Einkaufen, beim Schlafen im Auto, mit Wanderrucksäcken, Isomatten und Zelt. Der Fall ist jetzt auch Thema in den Nachrichtensendungen in Osteuropa.

Die Polizei in Freiburg sucht weiter nach dem Mädchen

Doch auch diese Spuren führen nicht weiter. Zwar gehen bis heute Hinweise bei der Polizei ein - rund 1000 sind es bis jetzt - und die Beamten prüfen jeden einzelnen, aber Bernhard Haase und Maria bleiben verschwunden. 

Monika Beisler sucht ebenso weiter nach ihrer Tochter, sie hat eine Homepage und eine Facebook-Seite geschaltet, auf denen sie Informationen sammelt oder ihrem Gefühl der Ungewissheit Ausdruck verleiht. Für ihren rastlosen Einsatz wird sie auch angefeindet. Übereifrig sei die Mutter, sie habe sich verrannt mit ihren Spekulationen, zum Beispiel, dass der Verfassungsschutz Bernhard Haase im Umfeld der NPD als V-Mann eingesetzt habe und vielleicht mehr wisse.

Doch Monika Beisler macht weiter. Kürzlich, zum 17. Geburtstag ihrer Tochter, schreibt sie: "Ich weiß, dass du weißt, dass ich niemals aufgeben werde, dich zu suchen. Ich weiß, dass du dich darauf verlässt. Weil du deine Mum kennst. Und du täuschst dich nicht... Ich werde dich finden und ich werde dazu weiterhin jedes sich mir bietende Mittel nutzen. Alles Liebe zum Geburtstag. Wo immer du auch bist."


Auch die Polizei gibt nicht auf: Noch immer geht der zuständige Beamte im Polizeipräsidium Freiburg jedem Hinweis nach, schaut wieder und wieder in die Akten. Im kommenden Jahr wird Maria 18, volljährig. Sollte sie noch leben, darf sie ab diesem Zeitpunkt tun und lassen, was sie will. Doch die Ermittlungen sollen auch dann weitergehen, schließlich steht immer noch der Vorwurf des Kindesmissbrauchs im Raum. "In Marias Fall werden polizeiliche Fahndungsmaßnahmen nach dem 18. Geburtstag aufrecht erhalten", versichert Dirk Klose von der Freiburger Polizei dem stern.

Maria-Brigitte Henselmann aus Freiburg und Bernhard Haase, der laute Polizei mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte

Im Mai 2013 verschwand die damals 13-jährige Maria-Brigitte Henselmann aus Freiburg. Die Polizei vermutetet, dass sie mit Bernhard Haase (damals 52) unterwegs ist


Maria-Brigitte Henselmann war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 13 Jahre alt, inzwischen ist sie 17. Sie war 1,65 Meter groß, wog etwa 62 Kilogramm, hatte braune Haare und blau-grün-graue Augen.
Bernhard Haase war im Mai 2013 52 Jahre alt. Er ist 1,78 Meter groß und hat braune Augen. Zum Zeitpunkt des Untertauchens trug er einen grauen Haarkranz zu seiner Glatze und hatte eine kräftige Figur. Er wird wegen des Verdachts des Kindesentzugs und des schweren sexuellen Missbrauchs per internationalem Haftbefehl weltweit gesucht.

Wer Hinweise zum Verbleib von Maria-Brigitte Henselmann oder Bernhard Hasse machen kann, wird gebeten sich an die Kriminalpolizei Freiburg unter (0761) 8825777, an das Bundeskriminalamt unter (0611) 5513101 oder an jede andere Polizeistation zu wenden. Weitere Informationen zu dem Fall hat die Polizei in Baden-Württemberg auf einer Internetseite zusammengestellt.


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