Die Klamotte der Neonazis

21. Dezember 2008, 14:00 Uhr

Hetze in Passau, Randale in Leipzig: Neonazis sorgen seit Wochen für Schlagzeilen. Zu ihren Erkennungszeichen gehören Klamotten der Marke Thor Steinar. Wer steckt hinter dem ostdeutschen Label, das mit germanischen Symbolen spielt? Der stern hat nachgeforscht. Von Martin Knobbe und Claudia Pientka

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Die Kleidermarke Thor Steinar verdient prächtig an ihren Glatzen-Kunden©

Ließe sich der Erfolg eines Unternehmens an der Schönheit seines Eingangs ablesen, so stünde die Mediatex GmbH kurz vor dem Ruin. Ein verrostetes Eisentor, ein zerbeulter Briefkasten, der graue Hinterhof eines Autohauses. Ein zerkratztes Schild, das Unbefugten den Zutritt untersagt. Ein trister Ort in Zeesen, Brandenburg, eine halbe Stunde von Berlin entfernt. Hier ist das Erfolgslabel des rechten Lifestyles zu Hause: Thor Steinar. Ginge man davon aus, dass der Chef eines florierenden Unternehmens gern vom Erfolg erzählt, dann müsste Uwe Meusel, 33, plaudern ohne Ende. Stattdessen gibt sich der Mann, gebräuntes Gesicht, weißes Langarmshirt, wortkarg. "Dazu sage ich Ihnen nichts", quittiert er Fragen zu seiner Firma.

Im Jahr 2003 gegründet, macht die Mediatex GmbH mittlerweile geschätzte zwei Millionen Euro Umsatz und beschäftigt 40 Mitarbeiter. Der Vertrieb über das Internet läuft gut, es gibt eigene Filialen sowie 160 Partner, die Thor Steinar verkaufen. Gefertigt werden die Hemden, Hosen, Jacken und Pullover, die bei rechtsradikalen Aufmärschen allgegenwärtig sind, hauptsächlich in der Türkei und in China.

Nicht auf den ersten Blick zu erkennen

Plumpe Nazisymbole sucht man allerdings vergebens. Stattdessen bedient die Marke den Wunsch nach altgermanischer Tradition und mythischem Kitsch. Thor ist in der nordischen Mythologie der Gott des Donners. Er beschützt die Menschen vor Riesen und bösen Mächten. Woher der Zusatz Steinar kommt, ist nicht klar. Einen Bezug zum einstigen General der Waffen-SS, Felix Steiner, will Uwe Meusel weder bestätigen noch bestreiten.

Früher suchten die Anhänger der rechten Szene, Skinheads wie Scheitelträger, ihre Erkennungscodes oft bei großen Unternehmen: Die britische Boxermarke Lonsdale musste als Lieblingsklamotte herhalten, weil aus ihrem Schriftzug die Buchstabenfolge NSDA herauszulesen ist. Beim Hemdenproduzenten Fred Perry war es der Lorbeerkranz, eine Art Siegeszeichen der rechten Ideologie. Beim Turnschuhhersteller New Balance sagte ihnen das große N im Logo zu - N wie Nationalist oder Nationalsozialist.

Die meisten Firmen wehren sich: New Balance und Lonsdale beliefern keine Geschäfte mehr, deren Kunden hauptsächlich aus den einschlägigen Kreisen stammen. Die Szene musste sich ein neues Lieblingslabel suchen und fand es in Thor Steinar. Die ostdeutsche Marke hatte zuerst ein Logo, das aus zwei Runen bestand. Ein "Fantasiezeichen", sagte damals der Anwalt der Firma in einem Interview mit der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit".

Die Nationalsozialisten hatten offenbar eine ähnliche Fantasie, zumindest nutzten auch sie diese Runen in ihren Symbolen. Das Landgericht Neuruppin analysierte das Logo und erkannte in Bestandteilen die "Doppelsig-Rune der Schutzstaffel der ehemaligen NSDAP". Mit diesem Urteil vom November 2004 war das Logo vorerst verboten: Wer Kleidung von Thor Steinar trug, konnte bestraft werden. Die Mediatex GmbH änderte daraufhin das Logo, es besteht nun aus zwei gekreuzten Strichen und zwei Punkten, strafrechtlich unbedenklich, die alten Zeichen wurden übernäht. Doch auf rechten Aufmärschen, wie etwa dem zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens, wurden Thor-Steinar-Klamotten mit dem alten Logo weiter verkauft.

Rechtliche Grauzone

Das Brandenburgische Oberlandesgericht entschied im September 2005, dass das alte Logo nicht "eindeutig" den Abzeichen nationalsozialistischer Organisationen zugeordnet werden könne. In Berlin, wo die Rechtslage jahrelang verworren war, ist das ursprüngliche Logo erst seit 2008 nicht mehr strafbar. Im Internet wird Thor Steinar als "patriotische Kleidung mit nordischer Attitüde" beworben, in Webshops wird die neue Kollektion mit "Heil Euch Kameraden!" angekündigt.

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Die Textilien sind bedruckt mit Mottos und Motiven, die die Rechten schnell verstehen©

Wer die Marke aber allzu sehr ins rechte Licht rückt, spürt Gegenwehr. So hat die Mediatex GmbH beim Verwaltungsgericht Potsdam Klage gegen das Brandenburger Innenministerium eingereicht. Die Behörde hatte die Marke Thor Steinar in ihren Verfassungsschutzberichten als "identitätsstiftendes Erkennungszeichen unter Rechtsextremisten" bezeichnet. Davon fühlt sich die Mediatex GmbH "verunglimpft". Belegt aber ist: Uwe Meusel tauchte in einer Adressen- und Kundenkartei der "Nationalistischen Front" auf. Zwar wurde die militante, rechtsextreme Neonazigruppe 1992 verboten, und Meusels Kontakt ist lange her, dennoch zeigt er die Wurzeln seines politischen Denkens. Eine Anfrage des stern dazu ließ er unbeantwortet.

Die aktuellen Motive auf Thor-Steinar-Kleidung sind juristisch nicht belangbar: Im Sortiment befinden sich Muskelshirts wie "Mucki", auf dem Blutspritzer prangen und darunter die Aufschrift "Kontaktfreudig & erlebnisorientiert". Andere Schrift- und Namenszüge sind mehrdeutiger. "Nordmark" war im Dritten Reich nicht nur der Name einer SA-Gruppe, sondern auch der eines Arbeitserziehungslagers bei Kiel. "Narvik", Name des Magdeburger Thor-Steinar-Ladens, erinnert an eine Stadt in Norwegen, die den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs als Basis diente.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 51/2008

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