Hamburger Jugendamt gerät ins Visier der Ermittler

31. Januar 2012, 16:18 Uhr

Wie kommt eine Behörde dazu, eine Elfjährige an drogenabhängige Pflegeeltern zu vermitteln? Der Fall der toten Chantal sorgt in Hamburg für Entsetzen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen das zuständige Jugendamt und einen Betreuungsverein.

0 Bewertungen
Chantal, Methadon, Hamburg, tot, Drogen, Überdosis, Pflegeeltern, Mädchen, Wilhelmsburg, Jugendamt, Ermittlungen, Staatsanwaltschaft

Das zuständige Jugendamt steht wegen des Todes der kleinen Chantal im Visier der Ermittler©

Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen zum Tod des an einer Methadon-Vergiftung gestorbenen Mädchens Chantal auf das zuständige Jugendamt und den Betreuungsverein ausgeweitet. Es laufe ein Verfahren wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht, sagte ein Sprecher der Anklagebehörde am Dienstag. Dieses richte sich nicht gegen bestimmte Beschuldigte, sondern gegen Unbekannt. Am Dienstag durchsuchten Polizisten und ein Staatsanwalt die Räume des Amts und des Vereins. Im Jugendamt sicherten sie demnach Kopien von 14 Akten zu dem Fall. Die Leiterin des Jugendamtes wurde laut "Hamburger Abendblatt" inzwischen von ihren Aufgaben entbunden. Der Bezirk Mitte werde die Stelle neu besetzen, sagte der Bezirksamtschef Markus Schreiber.

Die elfjährige Chantal lebte als Pflegekind bei Eltern, die drogenabhängig waren und seit Jahren in einem Gesundheitsprogramm mit der Heroin-Ersatzdroge Methandon behandelt worden waren. Sie starb am 16. Januar in der Wohnung ihrer Pflegeeltern, nachdem sie unter bislang ungeklärten Umständen Methadon zu sich genommen hatte. Das Jugendamt hatte von der Drogenabhängigkeit der zwei amtlich anerkannten Bezugspersonen des Mädchens, dessen leibliche Mutter tot und dessen Vater drogensüchtig war, offenbar nichts mitbekommen. Der Fall hatte in Hamburg Entsetzen und eine Debatte über Versäumnisse in der Jugendarbeit ausgelöst.

Nach Angaben des zuständigen Bezirksamts Mitte waren die Pflegeeltern vom Jugendamt offiziell anerkannt. Die Betreuung der Familie lag, wie in anderen Fällen auch, aber in den Händen eines gemeinnützigen sozialen Trägers, der in Hamburg und anderen Bundesländern Beratungs- und Hilfsleistungen erbringt.

Auswahl von Pflegefamilien wurde verschärft

Wegen des Todesfalls ermittelt die Staatsanwaltschaft primär gegen die beiden Pflegeeltern und deren erwachsene Tochter sowie gegen Chantals leiblichen Vater wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Bei einer Durchsuchung der Wohnung der Pflegefamilie und am Arbeitsplatz des 51-jährigen Pflegevaters hatten die Ermittler 32 Methadon-Tabletten gefunden. Wann und wie das Mädchen mit der Ersatzdroge in Kontakt kam, ist bislang aber unklar.

Das Bezirksamt ist nach eigenen Angaben derzeit dabei, die Abläufe des Falls zu rekonstruieren. Auch die übergeordnete Hamburger Sozialbehörde hat sich eingeschaltet. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) verschärfte am Montag bereits die Regeln für die Auswahl von Pflegefamilien für Kinder und kündigte eine vorsorgliche Überprüfung sämtlicher 1300 Pflegefamilien in Hamburg an.

Die Bewerber müssen künftig ein Gesundheitszeugnis samt Drogentest vorlegen, damit die Behörden Suchterkrankungen erkennen können. Auch die Überprüfung des polizeilichen Führungszeugnisses wird verschärft. Bislang wurde es nur auf Einträge über einschlägige, gegen Kinder gerichtete Verbrechen wie Missbrauch durchleuchtet. Ab sofort ist jeder Eintrag ein Ausschlusskriterium. Damit zogen die Behörden die Konsequenzen aus dem Umstand, dass Chantals Pflegevater auch wegen Drogendelikten vorbestraft war.

mlr/AFP
 
 
MEHR ZUM THEMA
stern Investigativ
Anonymer Briefkasten: Haben Sie Informationen für uns? Anonymer Briefkasten Haben Sie Informationen für uns? Hier können Sie uns anonym Mitteilungen und Dateien zukommen lassen. Wir behandeln sie vertraulich.
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von bh_roth: VPN-Server erkennbar?

 

  von Gast 92508: Welche Kühlschranktemperatur ist richtig

 

  von Gast 92503: Warum habe ich nach meiner Privatinsolvenz immer noch einen sehr schlechten Scorwert bei der Schufa...

 

  von Gast 92501: gibt es ökologische Fahrradbekleidung?

 

  von Gast 92499: Rechtsfrage

 

  von rocky1703: mein sohn ist 21 jahre und hat seine ausbildung abgebrochen abgebrochen muss ich weiter unterhalt...

 

  von Amos: Warum heißt es häufig "Freiheitsstrafe" statt "Gefängnisstrafe"? Klingt das...

 

  von Gast: Haben Sie Behindertenrabatte?

 

  von Amos: Was ist dran am möglichen Ende von AC/DC? Alles nur Spekulationen?

 

  von Gast 92465: ich habe bei meinem Nissan Pixo den Lüftungsmotor wegen Geräusche vor 1 Jahr austauschen lassen.

 

  von getachew: Wie kann man die Monatskarte der Bvg steuerlich absetzen?

 

  von Amos: Warum trägt der BVB auch ein VW-Logo auf dem Trikot? Aus Sympathie für Wolfsburg? Bisher hatten sie...

 

  von bh_roth: Zwei Windows Betriebssysteme auf einer Festplatte möglich?

 

  von Gast 92439: Temperatur schwankt im Kühlkombie von -20 bis - 12 Grad. warum?

 

  von Anoukboy: Ich bin Französin, habe mehrere Jahre in Deutschland gewohnt une gearbeitet. Ich ziehe nach...

 

  von Gast 92418: Daten von externer Festplatte auf PC laden?

 

  von Amos: Deutsche Spitzengastronomie wird zu 95% von männlichen Köchen dominiert. Köchinnen kenne ich...

 

  von Amos: Woher stammt die Unsitte, vieles als "vorprogrammiert" zu bezeichen? Statt...

 

  von Gast 92411: wie stelle ich meine e-mail adresse um?

 

  von gerti: suche eine alternative Pfanne zu Aluguss für Induktionsherd welche nicht so schwer ist...

 

 
 
stern - jetzt im Handel
stern (17/2014)
Der Schicksalsflug