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1. April 2010, 16:06 Uhr

Jugendamt gibt Fehler zu

Nach dem Hungertod der zweijährigen Lea hat das zuständige Jugendamt Fehler eingeräumt. "Es hätte ein Hausbesuch stattfinden müssen", sagte Leiter Albert Müller, man habe den Fall wohl "aus den Augen verloren."

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Jugendamtsleiter Albert Müller ist sichtlich mitgenommen - seine Behörde musste Versäumnisse einräumen© Armin Weigel dpa

Im Fall der verhungerten Lea aus dem oberpfälzischen Tirschenreuth hat das Jugendamt Versäumnisse eingeräumt. Auf Hinweise besorgter Nachbarn habe kein Mitarbeiter die Familie besucht, sagte Jugendamtsleiter Albert Müller am Donnerstag in Tirschenreuth. "Das war ein Versäumnis. Es hätte ein Hausbesuch stattfinden müssen." Der Hinweis sei aber im Jugendamt nicht als akute Gefährdung eingestuft worden. Personelle Konsequenzen aus dem Fall hat die Behörde bisher nicht gezogen.

Die zweijährige Lea war am Samstag tot in ihrem Kinderbett gefunden worden, sie war verhungert und verdurstet. Nachbarn hatten das Amt schon vor einem halben Jahr auf mögliche Probleme in der Familie hingewiesen. Sie waren aufmerksam geworden, weil Lea und ihr vierjähriger Bruder nicht mehr im Garten spielten, sondern am Fenster gesehen wurden, wie sie herunterwinkten.

Zu dem Hinweis der Nachbarn gibt es im Jugendamt sogar eine kurze Notiz. Die Entscheidung, auf einen Hausbesuch zu verzichten, hätten mehrere Mitarbeiter gemeinsam getroffen, sagte Müller. "Möglicherweise hat man den Fall dann aus den Augen verloren", räumte der Chef des Jugendamtes ein.

"Fraglich, ob Kontrollbesuche den Tod verhindert hätten"

Hätte Leas Tod verhindert werden können? "Das ist rückblickend nicht zu beantworten", sagte der Jugendamtschef. "Man kann nur spekulieren, wie die Verhältnisse vor einem halben Jahr waren." Veränderungen in einer Familie träten oft sehr schnell ein. "Es ist fraglich, ob regelmäßige Kontrollbesuche den Tod verhindert hätten."

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"Grausam - Wo war das Jugendamt", steht auf einem Schild an der Einfahrt zum Haus von Leas Mutter© Armin Weigel/DPA

Die 21-jährige Mutter sitzt in Untersuchungshaft. Ihr wird Totschlag durch Unterlassung vorgeworfen. Vom Vater der Kinder hatte sie sich schon vor einiger Zeit getrennt, der Mann habe aber regelmäßig Kontakt zu seinen Kindern gehabt, zuletzt 14 Tage vor Leas tragischem Tod. Der vierjährige Bruder sei gesund und gut untergebracht. Gemeinsam mit dem Vater wolle man für ihn "Perspektiven entwickeln", hieß es.

Die Volksseele kocht

In der 9000-Einwohner-Stadt nahe der tschechischen Grenze kocht derweil die Volksseele. Zwei Schilder sind an der Einfahrt zum Haus der Mutter angebracht: "Grausam - Wo war das Jugendamt" - heißt es auf dem einem Plakat neben einem Foto des kleinen Mädchens. "Ich wollte doch erwachsen werden und nicht schon mit zwei Jahren sterben", steht auf dem anderen, auf dem sogar die Todesstrafe für die Mutter gefordert wird.

Müller sagte, die Familie habe vor dem tragischen Fall keinen Kontakt zum Jugendamt gehabt. Lediglich vor der Geburt des Bruders habe es eine Beratung gegeben. Dagegen habe die Mutter wegen finanzieller Fragen in Kontakt mit dem Kreisjugendamt gestanden. Niemand habe Anhaltspunkte für erzieherische Defizite oder eine Überlastung der Mutter gesehen.

Bisher keine Ermittlungen gegen das Jugendamt

Strafrechtliche Ermittlungen gegen das Jugendamt wurden bisher nicht eingeleitet, sagte Regierungsdirektor Albert Meyer vom Landratsamt. Was interne Konsequenzen betrifft, so müsse man prüfen, ob gegen Dienstpflichten verstoßen wurde. "Wir wollen nichts beschönigen und rückhaltlos aufklären", versicherte Landrat Wolfgang Lippert, der seinen Skiurlaub abgebrochen hatte, um nach Tirschenreuth zu kommen. "Das Jugendamt und der Landkreis haben durch den Fall immensen Schaden erlitten", beklagte er. Das sei schlimm, denn die Behörde kümmere sich normalerweise sehr intensiv um solche Fälle. In den vergangenen Jahren ging das Jugendamt nach Müllers Worten rund 150 Hinweisen nach und machte Hausbesuche. "Es ist tragisch und unverständlich, dass das hier nicht passiert ist."

Stephan Maurer/DPA
 
 
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