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23. Juni 2010, 20:18 Uhr

Auf einen Tee mit der Queen

Kurz vor den Ferien ist es Zeit für die Sommerpartys im Buckingham Palast. An drei Tagen lädt Queen Elizabeth 30.000 Untertanen zum Tee trinken und Flanieren ein. Eine der letzten Bastionen könglicher Tradition. stern.de-Kolumnistin Cornelia Fuchs war dabei.

 
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Auf die richtige Kopfbedeckung kommt es an: stern.de-Kolumnistin Cornelia Fuchs vor den Toren des Buckingham Palace© Horst Friedrich/stern

Die schwierigste Frage stellt sich im Vorfeld des Besuches des königlichen Anwesens: Was zieht man als Gast der Königin an? Ganze Foren im Internet beschäftigen sich mit der richtigen Etikette. Muss man auch bei 23 Grad im Schatten noch Strumpfhosen tragen? Wie hoch darf der Rock übers Knie rutschen? Und muss es ein Hut sein oder reicht auch das Federspiel eines Faszinators als Kopfputz?

Nach gründlichen Recherchen habe ich entschieden, dass a) eine Strumpfhose wie auch Handschuhe inzwischen nicht mehr nötig sind, b) die Rocklänge rund ums Knie akzeptabel ist (wenn auch einige eingeladene Damen risikofreudiger waren als ich) und c) ein Hut her muss. Wenn schon, denn schon - wann bekommt man sonst noch einmal eine solche Gelegenheit?

Eine der letzten Bastionen englischer Tradition

Die Sommerpartys im Buckingham Palast sind eine der letzten Bastionen wahrer britischer Traditionsetikette. Beim Pferderennen in Ascot hat sich soviel moderner Schlendrian eingeschlichen von empörend freizügigen Kleidern bis zu erstaunlichen Hut-Kreationen, dass die Veranstalter regelmäßig (und viel zu offensiv) verkünden müssen, was geht und was gar nicht erst hereingelassen wird. Die Queen, große Pferdefreundin und regelmäßige Ascot-Besucherin, sieht diesem Schauspiel zu und schweigt.

Wer jedoch durch die Sicherheitskontrollen an den goldbeschlagenen Eingangstoren des Palastes vorbeigekommen ist, findet sich in Old Britannia wieder, dem Großbritannien der 84-jährigen Monarchin. Auf den Treppenstufen sammeln sich die Zeremonienmeister des Nachmittags in Frack, Streifenhosen und Zylinder. Auf dem Rasen tummeln sich Würdenträger in Landestrachten, von den weißen, weiten Gewändern des Senegals bis zu goldbedruckten Shalwar Kameez aus Pakistan. Die Damen haben Kostüme und Hut perfekt auf die Taschen abgestimmt, ganz nach Vorbild der Königin.

Die erscheint zu den Klängen von "God save the Queen" in einem zitronengelben Ensemble an der Treppe vom Palast in den Garten. Die Yeomen of the Guard, die Leibwächter der Königin, stehen mit Hellebarden und Tudor-Uniformen im Stil des 15. Jahrhunderts bereit, um Elizabeth II. mit ihrem Ehemann Prinz Philip durch die Menge zu geleiten. Schon lange vor ihrem Erscheinen hat sich, auch dies ganz traditionell, eine ordentliche Reihe der Zuschauer gebildet, die entlang der königlichen Marschroute Spalier bilden. Nur Auserwählte werden von der Königin direkt angesprochen. Sie erkennt man schon im Vorfeld an nervösem Handabwischen und immer wieder neu gelesenen Notizen für die zwei oder drei Sätze, die sie mit der Queen werden wechseln können.

Flitzer auf königlichem Grün

Eine geschlagene Stunde dauert der nicht einmal 200 Meter lange Weg der Queen von ihren Treppenstufen bis zum königlichen Teezelt. Als Unterstützung hat sie neben ihrem Mann auch Sohn Edward und seine Frau Sophie mitgebracht sowie Prince und Princess Michael von Kent, die ebenfalls alle Hände schütteln und freundlich nach dem Befinden fragen, wo man denn herkomme und was man so mache. Vor einigen Jahren rannte ein junger Mann nach einer Wette halbnackt über den Rasen auf die Königin zu und wurde von einem Yeoman zu Boden geworfen. Heute stehen auf dem Dach des Palastes zwei Polizisten, die mit Fernglas die Menge beobachten.

Unten auf dem Rasen ist die Atmosphäre im gleißenden Sonnenschein dagegen sehr entspannt. Das Volk beschaut seine Königin und befindet sie für ziemlich perfekt. Hier ist alles noch so, wie es sein sollte. Draußen werden Mehrwehrtsteuer-Erhöhungen verkündet und radikale Budgetkürzungen, hier im Garten weht ein laues Lüftchen, es werden 20.000 Tassen Tee getrunken und zehntausende Erdbeertörtchen gegessen. Es ist ein Wohlfühl-Nachmittag, zwei Militärbands spielen James-Bond- und Musical-Medleys. Die Gäste flanieren an der Waterloo-Vase im Rosengarten vorbei, die König George VI nach dem Sieg über Napoleon geschenkt wurde. Und alle fühlen sich ein bisschen Besonders - denn diese Vase und der Tennisplatz daneben, auf dem eben dieser George schon spielte, bekommen nur Auserwählte zu Gesicht.

Wenn die Thatcher mit der Queen

Es ist der Sinn der Gartenpartys: Geladen werden Menschen, die sich durch Ehrenämter, durch ihren Dienst im Militär, in der Kirche oder bei Hilfsorganisationen ausgezeichnet haben. Alte Damen wie Thelma Harradence sind dabei, die in Solihull 40 Jahre lang in der Kantine einer katholischen Grundschule das Essen an Kinder verteilt hat. Oder ein Pfarrer aus Cornwall, der auch als Rentner noch für seine Gemeinde da ist. Und dann gibt es noch das "Diplomaten-Zelt", in dem sich die ausländischen Gäste sammeln, die von Botschaften oder Organisationen wie der Foreign Press Association eingeladen wurden (wie auch meine Kollegin Dagmar Seeland und ich). Die Sommerpartys sind Tage, in denen die Monarchie für ihr Volk greifbar werden soll. Königin Viktoria führte dies 1860 ein mit einem "Frühstück", das am späten Nachmittag im Garten abgehalten wurde.

Ganz ohne große Namen kommt jedoch ein solcher Nachmittag nicht aus. Desmond Tutu schreitet mit seiner Frau in purpurroter Sutane über den Rasen, er hatte an diesem Morgen in einer Zeitung von dem großen Erfolg der Fußballweltmeisterschaft für sein Land gesprochen. Und es geht ein Raunen durch die Menge, als neben der Königin eine zweite große Dame durch die Menge geleitet wird: Margaret Thatcher, 84, trägt ein eisblaues Kostüm mit einem pfeilgerade-sitzenden Hut. Sie wird von einer Begleiterin vorsichtig am Arm geführt. Als sie am Diplomaten-Zelt vorbeikommt, ruft ihr ein brasilianischer Würdenträger zu: "Lady Thatcher, ich bewundere Sie sehr!" Steady on, entgegnet diese, "weiter so!" und geht langsam, Schrittchen für Schrittchen, auf dem Rasen weiter.

Der Kontrast ist auffallend: Während Lady Thatcher sich bald setzen muss und Schwierigkeiten zu haben scheint, einer längeren Konversation zu folgen, ist die Königin auch nach fast zwei Stunden Händeschütteln und freundlichem "oh, lovely"-Sagen noch guter Dinge. Als sie zusammen mit Ehemann Philip das Teezelt um Punkt 17:40 Uhr strammen Schrittes verlässt, klatschen die Gäste im Spalier. Die Königin grüßt freundlich in alle Richtungen. Und innerhalb von einer halben Stunde ist wieder Ruhe in und um ihren Palast, nachdem die Gäste freundlich aber bestimmt hinaus vor die Tore bugsiert wurden. Bis zur nächsten Sommerparty, am 22. Juli.

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
susiwolf (24.06.2010, 08:21 Uhr)
etwas bissiger bitte ...
Cornelia Fuchs hat sicherlich einige traditionelle Dinge dieses 'Sommernachtstraumes' herausgarbeitet, woran die 'upper class' ihre Freude hatte ...
Am 22. Juli 2011 wird die Überschrift wohl etwas realistischer ausfallen ?
"Der Tee, den sich kaum noch jemand leisten kann ..." oder einfach:
"Die neue Kutsche ist auf der Bremsspur ... "
oder noch bissiger ? ...
"Oben hui ... und unten pfui" ...
damit wäre auch auf den 'nick' von @arniston reagiert.
Anyway, best greetings from London, it's teatime now, isn't it ? Yes !
Very British

Die wöchentliche Kolumne von Cornelia Fuchs

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