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Kommentar

Trump hat Recht!

Amerika ist für viele US-Bürger kein großartiges Land mehr. Deshalb gewann Donald Trump bei den Vorwahlen am Super Tuesday in sieben von elf Bundesstaaten. Ihn wählen eben nicht nur Dummköpfe und Hillbillies.

Ein Kommentar von Norbert Höfler

Bei den Vorwahlen am "Super Tuesday" ist Donald Trump einer Präsidentschaftskandidatur einen guten Stück näher gekommen

Bei den Vorwahlen am "Super Tuesday" ist Donald Trump einer Präsidentschaftskandidatur einen guten Stück näher gekommen

Amerika hat gewählt. Nein, noch keinen neuen Präsidenten. Aber nach diesem Super Tuesday, diesem Super-Wahltag in insgesamt elf Bundesstaaten, ist es wahrscheinlich, dass entweder Donald Trump der nächste US-Präsident sein wird. Oder Hillary Clinton. Beide haben bei den Vorwahlen wichtige Delegierte gewonnen. Trump siegte in sieben Bundesstaaten. Clinton holte ebenfalls sieben.

Trump oder Clinton? Diese Entscheidung wird vielen US-Bürgern bei der Präsidentschaftswahl im November nicht leicht fallen. Es sind eben nicht nur Dummköpfe und Hillbillies, die Trump wählen. Er bekommt Stimmen von Latinos, von Farbigen, von einfachen Arbeitern und auch von Akademikern. Selbst Anhänger der Demokraten liebäugeln mit Trump. Denn Trump ist nicht nur fieser Provokateur und ätzender Mauerbauer. Der 69-jährige New Yorker Immobilienmilliardär gibt Millionen seiner Landsleute echte Hoffnung. Es ist an der Zeit, sie und ihren Kandidaten ernst zu nehmen. 

Das kaputte, rassistische Amerika

Donald Trump hat ja Recht. Amerika ist nicht mehr das großartige Land, in dem Träume in Erfüllung gehen. Es ist nicht mehr das Land, das fair zu den Fleißigen ist. Amerika ist ein kaputtes Land, ein frustriertes Land. Ein Land in dem die Kluft zwischen Reich und Arm so groß ist wie zu Zeiten der Räuberbarone. In dem es Aufsteiger so schwer wie nie haben. Vor allem, wenn ihre Hautfarbe schwarz ist oder wenn sie aus armen Familien stammen.

Amerika ist in weiten Teilen noch immer rassistisch. Selbst im liberalen Hollywood gehen die Oscars fast ausschließlich an Weiße. Seit vielen Wochen begleite ich die Wahlkämpfer durchs Land, mal Trump, mal den selbsternannten Revolutionär Bernie Sanders, mal Hillary Clinton. Mir begegnete dabei ein Amerika voller Angst, Sorgen, Frust und Wut. Und es sind nicht nur Trump-Wähler, die so fühlen.

Weniger als elf Dollar Stundenlohn für 35 Millionen Amerikaner

Bei Veranstaltungen von Trump und Hillary Clinton stehen die Zuhörer vor Sporthallen und Gemeindesälen stundenlang an. Am Eingang wird jeder auf Waffen- und Sprengstoff überprüft. Das dauert, und schnell kommt man ins Gespräch. Eine zufällige Auswahl: Eine Zahnarzthelferin (pro Clinton) erzählt: "Mütter geben ihren Kindern Schmerzmittel, bis die Zähne abgefault sind und gezogen werden müssen. Sie haben keine Versicherung. Es ist billiger, als Karieslöcher zu flicken." Ein Schweinezüchter (pro Trump) berichtet, dass er seine Ställe bald dicht machen muss. Fürs Fleisch seiner Masttiere bekommt er weniger als vor zehn Jahren.

Eine schwarze Studentin (pro Clinton) klagt, sie werde dauernd wegen ihres lockigen Haares gemobbt. Ein weißer Student (pro Trump) berichtet, seine Eltern müssen ihr Haus verkaufen, um eine Krankenhausrechnung für seinen Vater bezahlen zu können. Ein Vater (pro Clinton) schildert, warum er jeden Sonntagmorgen seinen 13-jährigen Sohn aus dem Bett wirft und stundenlang mit ihm Football spielt. Nicht aus Spaß, sondern damit sein Sohn ein Sportstipendium ergattert. Sonst kann er das Studium nicht bezahlen.

Bei den meisten Gesprächen geht es schnell ums Geld. In den USA haben viele Arbeiter und Angestellte seit zehn oder zwanzig Jahren keine reale Lohnerhöhung mehr bekommen. Damit die Einkommenslücke nicht noch größer wird, schuften sie mehr und länger. 35 Millionen Amerikaner, das ist mehr als ein Viertel aller Erwerbstätigen, verdienen weniger als elf Dollar pro Stunde. Trotz der Krankenversicherung, die Präsident Barack Obama einführte, sind immer noch 23 Millionen US-Bürger ohne Schutz.

Amerika hasst die Gegenwart und hat Angst vor der Zukunft

Trotz wirtschaftlicher Erholung geht es der Mehrzahl der Amerikaner heute schlechter als vor der Finanzkrise 2008. Fast 46 Millionen bekommen Lebensmittelmarken vom Staat.
Eine halbe Million Menschen sind obdachlos. Allein in New York sind es 50.000, oft mit kleinen Kindern. Es sind so viele, sie würden das ganze Yankee-Stadion füllen.

Trump sagt, wenn er Präsident sei, müssen diese Menschen nicht mehr in den Straßen vegetieren und sterben. Arbeitern verspricht er faire Löhne, von denen man leben kann. Industriearbeitsplätze aus China will er ins Land zurückholen. Sogar ein Basisschutz bei Krankheit steht in seinem Programm.

Man kann verstehen, warum so viele ihr Heil bei Trump suchen. Die Sorgen sind so groß, die Wut auf die etablierten Politiker in Washington noch viel größer. Amerika hasst seine Gegenwart und hat Angst vor der Zukunft.

Seine Anhänger wollen Donald Trump glauben

Trump wird auch gewählt, weil er die radikalsten und schnellsten Lösungen verspricht. Er will eine Mauer bauen, um die illegale Zuwanderung aus Mexiko und Lateinamerika zu stoppen. Er will Strafzölle verhängen, um Billigimporte zu verhindern und Made-in-America wieder konkurrenzfähig zu machen. Er will das US-Militär aufrüsten, um alle anderen Staaten das Fürchten zu lehren.

Seine Anhänger wollen ihm glauben. Bloß keine störenden Fragen nach Machbarkeit.
Ähnliches erlebt man bei Gesprächen mit den jungen Fans von Bernie Sanders, der auf der linken Seite Wähler fischt und am Super Tuesday vier Staaten gewinnen konnte. Auch er bietet einfache Lösungen. Banken zerschlagen, Löhne erhöhen, Krankenversicherung für alle. Machbar? Bezahlbar? Ach was, sie wollen ihrem Bernie glauben. So wie Trumps Anhänger ihrem Retter.

Clinton will Barrieren niederreißen statt Mauern zu bauen

Hillary Clintons Wahlkampf wirkt dagegen geradezu langweilig. Sie ist im Vergleich zu den männlichen Kandidaten grundsolide. Sie hat einen Plan. Sie kennt Details. Bei ihr ist alles durchgerechnet. Die 68-Jährige ist die zweite große Siegerin am Super Tuesday mit sieben gewonnen Staaten.

Statt Wut und Hass zu schüren, will sie mit "Liebe und Freundlichkeit" gewinnen. Das zerrissene Amerika wieder vereinen. Statt Mauern bauen, Barrieren niederreißen. Auch Hillary Clinton verspricht bessere Gesundheitsvorsorge, bessere Bildung, bessere Jobs, mehr Geld und eine bessere Zukunft. Aber bei ihr klingt es nach Anstrengung und Arbeit. Man könnte auch sagen: realistisch.

Umfragen zeigen, noch liegt Hillary Clinton im landesweiten Vergleich mit Donald Trump vorn. Aber wie lange hält der Vorsprung? Als Trump im Juni 2015 seine Kandidatur erklärte, lachten ihn die Berufspolitiker in Washington aus. Es hieß, der Mann hat keine Chance. Jetzt, knapp neun Monate später, ist Trump so gut wie Präsidentschafts-Kandidat der Republikaner. Er wird sich mit großen Versprechen weiter in die Hirne und Herzen der Amerikaner drängen. Er wird weiter mobben und pöbeln und wahrscheinlich weiter Zulauf bekommen. Im Clinton-Lager haben sie inzwischen Respekt vor ihm. Ein Schlachtplan sieht vor, dass Bill Clinton die harten Attacken gegen Trump anführen wird. Hillary soll sich die Hände nicht schmutzig machen müssen. Sogar ihr Freund-Feind Barack Obama will helfen. Im Weißen Haus heißt es, der Präsident werde keine Gelegenheit auslassen, Trump die Reife zum Staatsmann abzusprechen.

Zwischen Stufe zwei und drei auf der Gandhi-Leiter

Am Wahltag postete Trump auf Facebook ein angebliches Zitat von Mahatma Gandhi: "Erst ignorieren sie dich. Dann lachen sie über dich. Dann bekämpfen sie dich. Und dann gewinnst du." Trump ist nach dem Super Tuesday dem Weißen Haus einen großen Schritt näher gekommen. Er steht jetzt zwischen Stufe zwei und drei auf der Gandhi-Leiter: Manche lachen noch über ihn, aber sie bekämpfen ihn auch schon.

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