Aus.

16. Februar 2012, 13:05 Uhr

Deutschland hat keinen Bundespräsidenten mehr. Mit seinem Schweigen hat sich Christian Wulff selbst isoliert und zerstört. Ein Abschied in Melancholie. Der stern-Zwischenruf von Hans-Ulrich Jörges

Hans-Ulrich Jörges, Wolff, Bundespräsident, Christian Wulff

Das Motto des Wagen "Angeschlagen" greift eigentlich nicht weit genug. Für Hans-Ulrich Jörges ist es bereits "Aus" für den Bundespräsidenten©

Immer weniger verehrter Herr Bundespräsident,

vor vier Jahren verblüfften Sie in einem stern-Interview mit den Aussagen, Sie trauten sich das Amt des Bundeskanzlers nicht zu, ja, Sie sähen sich nicht einmal als eines der Alphatiere der deutschen Politik, da Sie zu viele Selbstzweifel in sich trügen. Ich hielt das damals - wie Sie vermutlich auch - für ein herrlich ironisches Spiel mit den Machtambitionen, die in Sie hineininterpretiert wurden. Heute nehme ich diese Sätze ernst - gleichgültig, wie Sie sie gemeint haben mögen. Denn heute geht für mich eine Reise mit Ihnen zu Ende, die mit diesen Worten begann und wieder zu ihnen zurückführt. Es ist kein Abschied im Zorn, eher in Erschöpfung und Melancholie. Ich habe nicht mit der Meute gehechelt, die Sie gejagt hat, ich habe mich um Differenzierung bemüht, Ihre Verdienste nicht unterschlagen, auch die Meute thematisiert. Nun aber führt für mich kein Weg mehr an der Erkenntnis vorbei, dass Sie für Ihr Amt nicht geeignet sind, es vielleicht nie waren.

Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie haben keinen Arsch in der Hose. Sie sind ein Präsident der feuchten Hände. Gefangen in Angst und Kleinmut. Sie sind zäh, aber nicht hart. Zwei Monate hatten Sie Gelegenheit, aufzustehen und die Brust zu entblößen, sich zu bekennen und sich kenntlich zu machen, menschlich und politisch, Ihre Fehler einzugestehen und die Motive, die Sie dorthin geführt haben, aber auch das Ungerechte zu benennen, das Ihnen angetan wurde, den Rufmord, dem Ihre Frau ausgesetzt war, die Verirrungen und Grenzüberschreitungen von Medien. Doch Sie, dem nichts bleibt außer dem Wort, haben geschwiegen. Zweimal waren Sie zu erleben, zu knapp, um zu überzeugen. Einmal, als Sie Ihren Sprecher feuerten, ohne Begründung, und bekannten, es sei nicht geradlinig gewesen, den Freundeskredit über eine halbe Million vor dem Landtag in Hannover verschwiegen zu haben. Das andere Mal, als Sie ein Fernsehinterview bestellten, 20 dahingehastete Minuten kurz. Danach haben Sie sich in die Furche geduckt und die Ohren angelegt. Statt sich einer Pressekonferenz zu stellen oder der Katharsis eines intensiven, peinigenden Interviews.

Ihre Frau ist aus anderem Material. Sie ist in Hamburg zum Neujahrsempfang beim Springer-Verlag gegangen, in die Höhle des Löwen, und die Herren bekamen rote Ohren. Was für eine wunderbare, mutige Frau! Von ihr hätten Sie lernen können.

Sie aber haben sich versteckt. Sie waren lieber Rechtsanwaltsgehilfe. Sie haben nicht verstanden, dass die Menschen ihren Präsidenten als Menschen erleben wollen. Dass sie ihn sehen, hören, erleben, ja förmlich riechen wollen, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können über den medial Abgeurteilten. Ein Präsident aber, der in eigener Sache schweigt, ist verloren - wozu braucht man dessen Wort in öffentlicher Angelegenheit? Glauben Sie wirklich, es wächst Gras darüber? Über Beton wächst kein Gras.

Womit sollen Ihre Freunde Sie noch verteidigen? Sie verweigern ihnen Argumente. Der tapfere Peter Hintze verbrennt sich für Sie. Ansonsten aber sind Sie aufgegeben von den eigenen Leuten, verlassen von allen Parteien. Selbst persönliche Freunde, die in Ihre Affäre verstrickt sind, schütteln den Kopf – und raunen von Rücktritt, bevor Sie zurücktreten müssen.

Sind Sie moralisch untragbar, wegen schwerer Verfehlungen, wegen eines Abgrunds an Vorteilsnahme und Bestechlichkeit? Ach Gott. Das Meer Ihrer Affäre wird nicht von Haien zerpflügt, es ist von Quallen bedeckt. Der Kurzurlaub auf Sylt, dessen Kosten Sie beim Auschecken aus dem Hotel dem klebrigen Vorfinancier in bar erstattet haben wollen, riecht nach Korruption – aber Bestechung im Bonsai-Format. Alles ist peinlich, aber nicht wirklich schlimm. Schlimm sind Ihre Ausflüchte. Schlimm ist, dass Sie den gesunden Menschenverstand beleidigen. Schlimm ist, Pars pro Toto, dass Sie ein geschenktes Bobbycar - nebbich! - nun in einer Ecke vom Schloss Bellevue Besucherkindern widmen.

Würden Sie sich öffnen und reden, könnten Sie vieles erklären, vor allem den Kredit für Ihr Haus. Eine Summe in der Größenordnung eines gehobenen Oberstudienratssalärs, so ist zu hören, müssen Sie seit Ihrer Scheidung Monat für Monat an Unterhalt zahlen. Sie waren klamm, ziemlich pleite – mit einer neuen Frau und den drei Kindern. Aber das kann man den Menschen erklären. Viele sind selbst geschieden.

Sie haben stattdessen zugeschaut, wie Sie Stück für Stück zersägt wurden. Sie haben den Kampf um Hirne und Herzen verloren. Sie gehen den Weg von Adolf Sauerland. Wenn Sie einladen, überlegt jeder, ob er noch hingeht. Deutschland hat schon keinen Präsidenten mehr. Es ist vorbei. Aus. Dead wolf howling.

Hans-Ulrich Jörges

Hans-Ulrich Jörges ... ist Mitglied der stern-Chefredaktion und kommentiert jede Woche von Berlin aus das aktuelle politische Geschehen.

Ein Präsident der feuchten Hände. Gefangen in Angst und Kleinmut

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