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Eine Armlänge Verständnis

Was haben wir wieder gelacht: Die frisch gewählte Kölner Bürgermeisterin drückt sich in einer schwierigen Situation ungeschickt aus – und alle fallen über sie her. Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?

Ein Kommentar von Carsten Heidböhmer

Henriette Reker

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker äußerte sich am 5. Januar auf der Pressekonferenz zu den Übergriffen am Hauptbahnhof

Früher gab es mal eine 100-Tage-Frist. Es war eine Schonzeit: Ein frisch gewählter Regierungschef sollte sie bekommen, um sich in Ruhe in sein neues Amt einzuarbeiten. In dieser Zeit sollte sich die Presse mit Kritik zurückhalten, erst danach stand ihr eine Beurteilung der Regierungsleistung zu.

In Zeiten der allgegenwärtigen sozialen Medien scheint niemand mehr gewillt, einem Volksvertreter eine solche Frist einzuräumen. Man ist ab dem ersten Tag zum Abschuss freigegeben. Das bekommt derzeit Henriette Reker zu spüren. Die neue Kölner Oberbürgermeisterin ist zwar noch nicht einmal 50 Tage im Amt, doch die Meute fällt schon über sie her, als habe sie den Dom zum Einsturz gebracht.

Dabei hat sie lediglich eine ungeschickte Äußerung fallen lassen. Auf einer für sie schwierigen, recht chaotischen Pressekonferenz, in der sie zu den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof Stellung nahm. Auf die Frage einer Journalistin, wie man sich als Frau besser schützen könne, sagte sie: "Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft."

#einearmlaenge etabliert sich als Hashtag

Schnell machte diese Formulierung die Runde, #einearmlaenge" trendete kurz darauf bei Twitter, und auch auf Facebook gossen User Kübelweise Spott und Häme über die frisch gewählte Reker. Dass sie sich ungeschickt ausgedrückt hat, wird die Oberbürgermeisterin selbst am besten wissen. Wir sollten ihr den kleinen Patzer nachsehen können. Zumal die Politikerin bereits selbst Opfer eines schlimmen Angriffs wurde, bei dem sie im Oktober 2015 lebensgefährlich verletzt wurde. Haben wir wirklich keine anderen Themen, über die wir uns öffentlich austauschen, als uns über die leicht verrutschte Formulierung dieser Frau zu echauffieren?

Henriette Reker verdient aus vielen Gründen unser Wohlwollen: Sie ist nicht nur frisch im Amt. Vor allem ist sie eine Quereinsteigerin. Eines der seltenen Geschöpfe, die ein Leben vor der Politik gehabt haben. Sie gehört gerade nicht zur Riege der Berufspolitiker, die schon mit 16 der Jungen Union oder den Jusos beigetreten sind. Die, ohne je einen Beruf ausgeübt zu haben, Parteiämter durchlaufen und Parlamente bevölkern. Die sonntags bei "Günther Jauch" sitzen und am nächsten Tag bei Frank Plasberg zum nächsten Thema ihren Senf dazugeben. Und die in Rundfunkgremien hocken und über die öffentlich-rechtliche Berichterstattung wachen.

Als parteilose Kandidatin gewählt

Henriette Reker ist nichts von alledem. Sie ist nicht einmal in einer Partei. Zudem kann sie eine langjährige Berufserfahrung vorweisen, hat in verschiedenen Städten und unterschiedlichen Berufen gearbeitet. Dass eine solche Politikerin auf einer Pressekonferenz nicht die gleiche Souveränität ausstrahlt wie ein Berliner Spitzenpolitiker, ist klar. Dafür lullt Reker ihre Zuhörer nicht in inhaltsleeren Floskeln ein, so wie Katja Kipping, Peter Altmaier, Katrin Göring-Eckardt oder all die anderen Parteien-Geschöpfe das tun, die ihre seit Jahrzehnten einstudierten Phrasen in den vielen Polit-Talkshows unters Volk bringen. 

Wir sollten uns freuen, dass Menschen wie Reker sich den Stress antun und für ein politisches Mandat kandidieren. Wir sollten sie unterstützen, ihr kleine Patzer nachsehen.

Sonst werden wir bald nur noch von den Andreas Scheuers dieser Welt regiert.

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