Hamburg, meine Perle

23. August 2012, 10:18 Uhr

In dieser Stadt ist das Fernweh zu Hause, denn gefühlt liegt Hamburg am Meer. Die schönste Art der Annäherung erfolgt mit dem Schiff auf der Elbe - eine Liebeserklärung der heimkehrenden Autorin. Von Meike Winnemuth

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Die Stadt, die Fernweh weckt: Hamburger Hafenblick aus 90 Metern Höhe in der Bar "20up"

Es ist längst dunkel, als wir uns Hamburg nähern; umso besser, so sieht niemand, wie ich heule. Seit sechs Stunden fahren wir jetzt schon die Elbe hinauf, an Marschlandschaften vorbei, an regungslosen Kühen. Plötzlich links ein erleuchtetes Bergdorf, 66 Meter über Normalnull: Blankenese. Mein Gott, ist das hübsch vom Wasser aus, noch hübscher als sonst, zum Schluchzen hübsch. Dann Teufelsbrück, gegenüber der Uhrenturm von Finkenwerder.

Zwei Hafenlotsen gehen längsseits an Bord, Schlepper machen vorn und achtern ihre Taue fest. Jetzt geht alles ganz schnell, die Köhlbrandbrücke, die Landungsbrücken, da hinten die Baustelle der Elbphilharmonie – viel zu schnell, können wir bitte noch mal zurückspulen? Die Schlepper drehen den 240 Meter langen Frachter sachte um 180 Grad in den Strom. In Zeitlupe nähert er sich seinem Liegeplatz am Athabaskakai gegenüber den Kapitänshäuschen von Övelgönne. Noch zwei Meter, noch einen halben … Klonk. Zu Hause.

Die Stadt der Sehnsucht

Wenn ein Hollywoodfilm mit einer Kamerafahrt übers Wasser in Richtung einer Großstadt beginnt, wissen wir: eine romantische Komödie. Das wird jetzt nett die nächsten zwei Stunden, die Stadt wird die freundliche Kulisse einer Geschichte mit Happy End. Bei mir ist schon die Ankunft das Happy End, der Abschluss einer einjährigen Weltreise, die auch nur so zu Ende gehen konnte – mit einem Containerschiff über den Atlantik heim nach Hamburg, die einzig richtige Art, in diese Stadt zurückzukehren. Aber wie würde sie sein, meine alte Seemannsbraut? Würde ich sie wiedererkennen? Würde ich sie noch lieben? Und sie mich?

Hamburg ist, ob man nun heimkehrt oder nie fort war, ein Sehnsuchtsort. Dass man mit einem Ozeanriesen mitten durch die Stadt praktisch vor die eigene Haustür fahren kann und von dort auch wieder hinaus in die Welt, prägt die Stadt wie nichts zweites. Das Meer ist hundert Kilometer entfernt und trotzdem, als Idee und Fluchtpunkt, ganz nah. Vielleicht hatte ich deshalb unterwegs so viel Heimweh nach Hamburg: weil es immer so viel Platz für Fernweh bot. Man sitzt an der Elbe und schaut den Schiffen nach, das Herz geht mit auf Reisen. Nächster Halt: ganz weit weg.

Immer in Bewegung

Dieses Lebensgefühl, das die unbegrenzten Möglichkeiten des Woanders immer mitzudenken scheint, wirkt wie ein Rückenwind für Hamburg. Vielleicht schaue ich gerade zu sehr mit dem Blick einer Reisenden auf meine Heimatstadt, aber erst jetzt fällt mir auf, wie mobil sie ist. Es gibt vier Fernbahnhöfe, der Flughafen (der älteste Deutschlands übrigens und immer noch am ursprünglichen Platz) liegt für Großstadtverhältnisse ungewöhnlich zentrumsnah.

In Rathaussichtweite kann man auf der Alster segeln, rudern, Dampfer fahren, wer dann immer noch nicht genug hat, geht mit einem Fesselballon vor den Deichtorhallen in die Luft oder saust auf einem Segway durch die Gegend. Es ist, als ob die steife Brise, die ständig durch die Straßen geht, die Leute in Bewegung hält. Und sie Marotten ersinnen lässt, wie Europas größten Motorradgottesdienst im Michel oder die viel befahrene Sierichstraße in Alsternähe, eine Einbahnstraße, die täglich zweimal ihre Richtung wechselt und Ortsfremde in den Wahnsinn treibt – Hamburger nicht, die finden das irgendwie praktisch.

Fix und flexibel sind auch die Menschen hier

Die Stadt hat sogar ihre eigene Wanderdüne, die feinsandigen Boberger Dünen, etwa 11 Kilometer vom Zentrum entfernt. Und es ist kein Zufall, dass Hamburg als erste deutsche Großstadt im letzten Jahr das Car2Go-Carsharing einführte, 300 weißblaue Smarts mit der Aufschrift "Große Freiheit", die man an jeder Ecke anmieten und wieder stehen lassen kann. So begeistert sind die Hamburger auf den Versuch abgefahren, dass die Flotte Anfang März auf 500 aufgestockt wurde: Nur in Hamburg heißt fix nicht fest, sondern schnell.

Auch fixe Jungs, deren Beweglichkeit ihre Existenzgrundlage ist, gibt es hier reichlich. An einem meiner ersten Abende sitze ich, wie so oft, bei Holger Kraus, der mit seinem mobilen Kino "Flexibles Flimmern" die ganze Stadt zum Kinosaal macht. Seit 2006 zieht er mit seinem Projektor durch Hamburg und zeigt Filme an dazu passenden Orten, mit dazu passenden Drinks und Essen: den "Glöckner von Notre Dame" auf dem Glockenturm der Katharinenkirche, "Subway" in einem stillgelegten U-Bahn-Fußgängertunnel, er zog in einen afghanischen Hindu-Tempel, einen Zirkuswagen, den Bauch der "Cap San Diego". Gerade plant er einen Filmabend anlässlich des mexikanischen Totenfestes in einem Bestattungsforum. Früher war Holger Eventmanager, bis er es leid war, "immer für die falschen Leute zu arbeiten, die waren entweder besoffen oder gelangweilt". Es ist nicht immer leicht, ohne Kinolizenz an die Filme heranzukommen, aber leicht kann ja jeder. "Andere holen sich Bundesmittel, und ich mach’s einfach."

Taten statt Schnacken - das ist urhamburgisch

Oh, du würdest dich gut mit Frank verstehen, denke ich. Frank Bürmann ist auch so ein Macher. Der Künstler ist Gründer des kleinen Labels "The Art of Hamburg", das handbedruckte Kleidung mit maritimen Motiven herstellt. In seinem Atelier am Hafenrand, direkt gegenüber der Viermastbark Rickmer Rickmers, zieht er sich kurz die Gummihandschuhe aus, um mir ein Brot mit Teewurst zu schmieren, und arbeitet dann weiter: "Ich mag Kunst auf Textilien. Dadurch habe ich jeden Tag eine Wanderausstellung."

Bestseller ist die "Maschinisten"-Serie: T-Shirts, die aussehen, als hätte sich jemand die ölverschmierten Hände daran abgewischt. 20 000 davon hat der Kunstmaschinist Frank in den letzten sechs Jahren persönlich eingesaut. "Ein Maschinist ist jemand, der was tut und nicht nur quatscht. Das ist urhamburgisch."

Übernommen aus:

Übernommen aus: Geo Saison, Heft 09/2012, ab sofort für 5 Euro am Kiosk. Hier finden Sie den vollständigen Text von Meike Winnemuth und zusätzlich 107 Hamburg Tipps.

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