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Mehr als Himmel, Wind und Meer

Jeden Tag müssen wir Tausende Entscheidungen treffen. Wie schön, wenn die Welt  so überschaubar wird wie auf Spiekeroog in der Nebensaison. Eine Reise zu sich selbst auf einer Nordseeinsel im Tiefschlaf.

Von Gunnar Herbst

  Flachland mit Hügeln: Krähenbeerheide überzieht die Dünen im Inselinnern von Spiekeroog

Flachland mit Hügeln: Krähenbeerheide überzieht die Dünen im Inselinnern von Spiekeroog

Links oder rechts? Mit jedem Schritt rückt die Entscheidung näher. Die einzig wichtige, die ich heute treffen muss: Gehe ich links oder rechts den Strand hinunter?

Winter auf Spiekeroog. Ein Weg führt vom Dorf durch die Dünen zum langen Sandstrand im Norden der Insel. Es riecht nach Heidekraut, der Wind bläst ins Gesicht, in der Ferne rauscht das Meer. Dann taucht der Strand auf, dahinter die Nordsee, dahinter der Horizont. Am Wasser halte ich inne. Schaue aufs Meer. Und entscheide mich: Ich gehe links, gegen den Wind. Mehr muss ich heute nicht wissen. Die Insel wird mir den Weg zeigen.

Im Alltag hat man ständig die Qual der Wahl: Was esse ich, wen treffe ich, was kaufe ich, welchen Handytarif nehme ich? Zu jeder Option gibt es Dutzende Alternativen. Hirnforscher schätzen, dass wir jeden Tag rund 20.000 Entscheidungen treffen, treffen müssen.


Nicht auf Spiekeroog. Hier sind die Optionen begrenzt. Auch deshalb schätzten Vielentscheider und Bundespräsidenten wie Johannes Rau, Richard von Weizsäcker oder Gustav Heinemann die autofreie Erholungsinsel. Rund 700 Menschen leben auf 18 Quadratkilometern, manche von ihnen schon sehr lange. Spiekeroog tut Körper und Seele gut, der Inselälteste, Heye Deepen, ist 105 Jahre alt. Das Eiland zählt nur ein Dorf, ein Kino, eine Apotheke, ein Hallenbad. Auch die Auswahl an Restaurants, Hotels und Läden ist überschaubar – vor allem jetzt, in der Nebensaison, wenn einige geschlossen sind, weil nur wenige Gäste nach Spiekeroog kommen.

Rechts das Meer, vor mir der Strand, links die Dünen

Mit diesem Standbild vor Augen wandere ich am Wasser entlang. Das Bild verändert sich kaum. Mal werden die Dünen höher, mal wird der Strand schmaler, mal wird er durch eine Sandbank ins Meer verlängert. Der Wind treibt Sandkörner in breiten Bahnen über den Boden.

Draußen vor der Küste brechen die Wellen im flachen Wasser. Immer weiter gehe ich am Meer entlang, stetig, in regelmäßigem Rhythmus. Sanderlinge laufen geschäftig auf und ab, auf Plattdeutsch heißen die kleinen Vögel mit den dünnen Beinen "Keentied", keine Zeit. Geht mir nicht so. Manchmal bleibe ich stehen. Denke an nichts. Oder an alles. Auch das können Wind und Wasser: Sie leeren den Kopf. Lassen die Probleme des Alltags auf Bonsaigröße schrumpfen. Und geben einem das Gefühl, dass alles gut wird. Weil es gut ist.

  Raum für Ruhe: Im Winter haben die wenigen Spaziergänger den Strand für sich

Raum für Ruhe: Im Winter haben die wenigen Spaziergänger den Strand für sich


Hin und wieder kommt mir jemand entgegen: einsame Wanderer, junge Familien, rüstige Rentnerpaare, von Kopf bis Fuß in Funktionskleidung gehüllt. Man grüßt sich mit"Moin", wie die Einheimischen, zu jeder Tageszeit, sobald man die Fähre aus Neuharlingersiel verlassen hat und eins wird mit Insel und Meer. Dann geht man weiter und schweigt. Auch das kann man gut auf Spiekeroog.

Spundwand gegen Wind und Brandung

Im Westen wird der Strand durch eine wuchtige Mauer und eine Spundwand unterbrochen. Sie schützen die Küste gegen Wind und Brandung, die seit jeher von Westen an der Insel nagen. Bis der neue Hafen im Jahr 1981 seinen Betrieb aufnahm, legten im Südwesten die Schiffe an, mitten im Watt. Über einen Steg holte eine Pferdebahn die Urlauber ab und brachte sie ins Dorf. Seit einigen Jahren kann sich die Natur hier frei entfalten.

Ich schaue auf Salzwiesen, die das Meer bei Sturmflut überschwemmt, den Hafen, die Deiche, das Watt. Und auf das Festland vor dem Süden der Insel, der zahmer wirkt als ihr Norden. Ein Schild versperrt den Weg. Ruhezone, Vogelbrutgebiet. Ich kehre um.

  Im „Teetied“ können die Inselbesucher sich stärken. Viele andere Lokale bleiben im Winter geschlossen.

Im „Teetied“ können die Inselbesucher sich stärken. Viele andere Lokale bleiben im Winter geschlossen.


So ist das hier im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, Welterbe der Unesco. Die Natur wird geschützt und bleibt weitgehend sich selbst überlassen, der Mensch muss Rücksicht nehmen. Fast zwei Drittel von Spiekeroog gehören zum Schutzgebiet. Die Gäste dürfen nur auf markierten Wegen gehen. Und während der Brutzeit nicht einmal dort.

Abends, im Restaurant "Capitänshaus". Ein Paar am Nachbartisch unterhält sich. Sie: "Und was machen wir morgen?" Er: "Am Strand wandern." Sie: "So wie heute?" Er: "So wie heute." Sie: "Und wie gestern." Er: "Ja, so wie jeden Tag."

Zwischen Langeoog und Wangerooge

Ein neuer Morgen, wieder stehe ich am Wasser. Dieses Mal gehe ich rechts den Strand hinunter, mit dem Wind. Das Standbild von gestern liegt gespiegelt vor mir: links das Meer, in der Mitte der Strand, rechts die Dünen. Auch heute wird mir die Insel den Weg zeigen. Je weiter ich laufe, desto breiter wird der Strand. Ich höre den Wind, die Brandung, meine Schritte. Atme ein, atme aus. Kühle, salzige Meeresluft.

Weit draußen ziehen Tanker, Frachter, Containerschiffe vorbei. Ein Priel versperrt den Weg. Ich trage Gummistiefel, und so entscheide ich mich, hindurchzuwaten, auch wenn der Wasserarm durch die Flut in den nächsten drei Stunden volllaufen wird. Der Priel wirkt wie eine Schranke, an der die anderen Spaziergänger umkehren. Wenig später ein zweiter Priel, noch tiefer, Wasser schwappt in meine Stiefel.

  Mit Gras bewachsene Dünen auf Spiekeroog

Mit Gras bewachsene Dünen auf Spiekeroog


Im Osten taucht die Skyline von Wangerooge auf: ein Leuchtturm, ein Kirchturm, Häuser, weiße Küste. Während am Strand die Sonne scheint, ziehen dichte Regenschleier über die Nordsee. Hinter den Dünen liegt das größte Vogelbrutgebiet von Spiekeroog. Dieser Teil der Insel, die Ostplate, ist erst vor etwa 300 Jahren entstanden. Bis heute ist sie unbebaut. Rund 4000 Heringsmöwen und 700 Silbermöwenpaare nisten hier, dazu knapp 100 Löfflerpaare. Ein Weg führt durch die Salzwiesen, doch der steht jetzt, im Winter, teilweise unter Wasser.


Die Flut naht. Kurz vor der Seehundbank im Osten kehre ich um und gehe am Meer zurück. Das Wasser lenkt meinen Weg. Im letzten Priel steht es so hoch, dass ich den Strand verlassen muss und über die Leedge, einen ehemaligen Meeresdurchbruch, ins Inselinnere ausweiche. Zum Glück ist das Wasser an manchen Stellen so flach, dass ich es durchqueren kann.

Ein neuer Morgen. Dichter Nebel liegt über Strand und Meer. Noch weiß ich nicht, wohin ich heute gehe. Nach rechts oder nach links. 

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