
Zum Weiterkommen hilft nur ein Sprung über die verschneite Gletscherspalte© Benedikt Böhm
Böhm ist froh, als er auf 7400 Metern Zelte entdeckt. Sie gehören zu traditionellen Expeditionen. Böhm legt sich in eines der leeren Zelte. Der Wind reißt wie ein wildes Tier an den Wänden. Schnee dringt herein. An Schlaf ist nicht zu denken. Böhm denkt an die Niederlage am Manaslu vor sieben Jahren. Und daran, dass sie vielleicht auch dieses Mal scheitern können. Hier drin ist es noch unerträglicher als draußen. Viel kälter als während des Gehens.
Böhm hat vor dem Zelt seine Ski verschnürt, damit seine Freunde ihn sehen. Er schaut alle 15 Minuten hinaus. Nichts. Doch plötzlich, nach über einer Stunde, sieht er seinen Freund Sebastian. Er ist schon am Zelt vorbeigelaufen. Es dauert, bis Böhm ihn eingeholt hat. Und da ist er noch besorgter als zuvor: Sein Freund wirkt erschöpft, hat Erfrierungen an der Nase. Es ist inzwischen vier Uhr in der Früh. Sie sind jetzt bereits zehn Stunden unterwegs. "Wir haben überlegt, abzubrechen", wird Böhm später sagen. "Aber dann haben wir uns doch weiter aufgerappelt."
Nochmals trinken sie etwas Wasser, nehmen einen der wenigen Energieriegel zu sich, die sie im Gepäck haben. Dann schieben sie sich immer weiter nach oben. Es ist ihr Glück, dass mit der aufgehenden Sonne der Wind etwas nachlässt, obwohl er immer noch mit knapp 100 Sachen über das Gipfelplateau fegt. Trotzdem wird es zumindest etwas wärmer. Und mit der relativen Wärme kommt die Hoffnung zurück. Und auch die Zuversicht. Zumindest bei Benedikt Böhm.
Doch sein Freund Sebastian scheint nicht mehr kräftig genug zu sein, um das Tempo zu halten. Auch nicht Constantin Pade, der zwischenzeitlich aufgeschlossen hat. Böhm geht sein eigenes Tempo weiter. Insgesamt fünf Stunden lang ab Lager 4. Schritt für Schritt, aber auch er wird immer langsamer. Die Luft wird auch für ihn hier oben immer dünner, und auch Böhms Kraft ist endlich. Aber seine Anstrengung lohnt sich und all die Entbehrung der Jahre zuvor.

Fotografiert von einem anderem Bergsteiger am Manaslu: Benedikt Böhm am Gipfelgrat© Bruce Hasler
Es ist Sonntag, morgens um 9 Uhr, als er endlich auf dem Gipfel steht. Alles in allem hat sein Aufstieg nur 15 Stunden gedauert. Ein immenser Kraftakt über insgesamt 3300 Höhenmeter. Eine Gewalttour, für die Höhenbergsteiger trotz der Verwendung von Flaschensauerstoff sonst vier Tage benötigen. Doch Böhm gibt sich keiner Siegerpose hin. Zu tief steckt auch bei ihm noch die Trauer nach dem Lawinenunglück vor einer Woche. Er nimmt den Schal, den ihm ein einheimischer Priester, ein Lama, mitgegeben hat. Dann klickt er einen Karabiner aus dem Klettergurt, an dem er nach dem Unglück den Verletzten Schuhe brachte. Er wickelt den Karabiner in den Schaal und vergräbt das Bündel im Schnee. "Ich habe das den Opfern des Unglücks gewidmet", wird er später sagen. "Es war ein Moment und ein Akt der Demut."
Insgesamt bleit Böhm eineinhalb Stunden auf dem Gipfel. Gewöhnliche Bergsteiger sind nach kurzen Momenten des Gipfelglücks damit beschäftigt, wieder heil nach unten zu klettern. Bei Böhm beginnt nun der zweite Teil des Abenteuers - die Abfahrt auf Ski. Unten sieht er seine Freunde Sebastian und Constantin. Er entschließt sich zur Soloabfahrt, weil er mehr damit rechnet, dass die beiden umkehren würden.

Abfahrt zum Lager 2, das auf der Spitze eines Seracs vor Lawinen sicher errichtet war© Greg Hill/Benedikt Böhm/Sebastian Haag
Zum Glück bewahrheitet sich, was Böhm nach den ergiebigen Niederschlägen der vergangene Wochen vermutete: Auch die Steilpassagen am Gipfel sind zugeschneit und relativ gut befahrbar. Nach etwa 150 Höhenmetern ist er bei seinen Freunden, die den Gipfel tatsächlich für sich aufgeben haben und umkehren wollen. Gemeinsam fahren sie ab. Für Böhm ist es die schlimmste Abfahrt, die er je an einem Achttausender machte.
Bruchharsch wechselt sich mit gefährlichen Verwehungen ab. Immer wieder tauchen Gletscherspalten auf. Und dort, wo die Lawine abgegangen war, müssen sie über riesige Eisbrocken. Insgesamt brauchen sie achteinhalb Stunden, bis sie wieder unten sind. Heil, stolz, überglücklich. Zumindest Benedikt Böhm ist am Ziel seiner Träume. Er ruft seine Frau Veronica an und spricht mit seinem Sohn Balthasar. Er ist zwei Jahre alt geworden, während er am Berg kämpfte. Der zweite Anruf von Böhm geht an stern.de. Er redet schnell, atmet kurz und ist überglücklich. "Die Besteigung war knallhart. Und die Abfahrt war meine beschissenste von einem Achttausender", sagt er. "Aber es hat mega Spaß gemacht."
Jetzt geht es schnell mit dem Hubscharuber in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu und von dort direkt nach Hause. Nach München, auf die Wiesn. Dort wollen die drei Bergsteiger mit ihren Freunden feiern.