Der Klang der Stille

25. März 2006, 09:00 Uhr

Auch diese biblische Ruhe macht den Reiz des Sultanats Oman aus. Während die Nachbarn am Persischen Golf mit Hotelpalästen protzen, herrscht hier noch die traditionelle Lebensweise eines gastfreundlichen Nomadenvolks. Der Vorteil: Es gibt reichlich Natur und Ursprünglichkeit zu erkunden.

Überall, wo Wasser vorkommt, werden in Oman auf Terrassenfeldern Gemüse, Getreide und Futter fürs Vieh angebaut, wie hier bei Bilad im Hadjar-Gebirge©

Wenn die Wüste sprechen könnte, würde sie sagen: 'Ich hasse diesen Mann, er zerstört unsere Schönheit, unsere Ruhe'", meint Musallam Hassan Qahour al Mahri. Dabei liebt der Mann mit dem vollen Bart und den schwarzbraunen Augen sein Land doch so sehr. Er sitzt auf einer Bastmatte vor seinem Toyota Landcruiser und stopft fürs Abendessen Chilischoten, Zwiebel und Knoblauch in ein Grillhähnchen, für das er schon das offene Feuer bereitet hat.

Musallam hat für die Nacht unter freiem Himmel eine 300 Meter hohe Düne gewählt. Sie thront in der größten Sandwüste der Welt, die so groß ist wie Frankreich. Rub al-Khali, das leere Viertel, heißt sie und liegt nahezu menschenleer unweit der Grenzen zum Jemen und zu Saudi-Arabien. Die Sonne senkt sich langsam hinter den Dünen, der rötliche Sand ist schon kühl, und Musallam bittet, nicht auf die Anhöhe zu steigen. Von dort könnte man hinabsehen auf das Camp der Beduinen, die einen Kilometer entfernt im Tal ihre Kamele füttern. "Sie würden sich gestört fühlen", sagt Musallam, obwohl die Hirten ihn vorhin mit Kaffee und Datteln bewirtet haben und zur Begrüßung ein Kamel schlachten wollten. "Die Beduinen sind Menschen um sich herum nicht gewöhnt. Fremde schon gar nicht." Es gibt Neuland zu erkundenDas gilt noch für nahezu ganz Oman, auch wenn es an herzlicher Gastfreundschaft nicht mangelt. Bis vor gut zehn Jahren war das Sultanat am arabischen Golf fast vollständig von der Außenwelt abgeschlossen. Jetzt, im Sog des Booms beim Nachbarn Dubai, haben Reiseveranstalter das Land entdeckt. Aber im Gegensatz zu dem Emirat gibt es hier mehr als Luxushotels und Golfplätze.Es ist Neuland zu erkunden. Unverfälschte Kultur, monumentale Gebirge, fast unberührte Wüsten. Dazu 1700 Kilometer Küste. Von hier aus stachen die Omanis als herrschende Handelsmacht im westlichen Indischen Ozean in See und mehrten den Reichtum im Land. Heute bringt Öl das Geld ein, doch weil die Vorräte endlich sind, soll nun auch der Tourismus den Wohlstand sichern.

Tradition und Moderne: Tänzerinnen fotografieren sich mit ihrem Handy beim Kulturfestival©

Durch ein Labyrinth aus DünenIn Salalah, der Hauptstadt der südlichsten Provinz, wo Musallam seine Wüstentouren startet, säumen Stände mit Mangos, Bananen und Kokosnüssen die Straßen. Kamele schaukeln durch die Stadt. Vom Strand aus sind springende Delfine im Arabischen Meer zu sehen. Darüber kreisen Seevögel, Flamingos staksen durchs flache Wasser. Während des Monsuns, wenn der Sand feucht ist, kommen nachts Meeresschildkröten in der Eselskopf-Bucht an Land, wo sie ihre Eier tief im Sand vergraben. Ein schöner Ort, um das Licht der Welt zu erblicken. 30 Kilometer unverbauter Strand."Ich erkläre meinen Gästen: In der Wüste findet ihr keinen Fünf-Sterne-Luxus", sagte Musallam schon unterwegs, als er seinen Wagen zielsicher durch das Labyrinth der Dünen steuerte. Inzwischen hat er sein bodenlanges weißes Gewand, die Dishdasha, gegen einen dunkelgrünen Umhang aus wärmender Ziegenwolle getauscht. Der Nordwind treibt die Kühle der Nacht heran. Musallam wickelt das Hähnchen in Alufolie und legt es in die Glut, die angenehm würzigen Duft verbreitet. Der kommt vom Holz abgestorbener Weihrauchbäume, deren kostbares Harz die Beduinen schon vor 3000 Jahren auf ihren Kamelen zu den Zentren des südlichen Mittelmeeres transportierten.Im Monsun grün wie im Bayrischen Wald"Die Touristen sind sehr am Leben der Urbevölkerung interessiert", sagt Musallam, selbst Sohn von Nomaden. Ab und zu bringt er seine Gäste zu den Plätzen, wo er als Kind mit den Eltern unter freiem Himmel schlief. Im Sommer hüllt der Monsun die sonst kahlen Berge zwischen Meer und Wüste wochenlang in Sprühregen. Dann ist es hier so grün wie im Bayerischen Wald. In den Fels geritzte Tierzeichnungen zeugen davon, dass hier schon vor Tausenden von Jahren Nomaden ihre Lager aufgeschlagen haben. Musallams Familie tut dies noch heute. "Meine Mutter ist immer da, wo sie Gras und Wasser für ihre Ziegen findet", sagt der 44-jährige Sohn. Beduinen wissen sich mit einem halben Liter Wasser täglich zu begnügen. "Wenn wir Kinder Durst hatten", sagt Musallam, "haben unsere Eltern gesagt: Schlaf und mach den Mund auf. Die Engel werden euch zu trinken geben."Oft lag die nächste Wasserstelle einen Tagesmarsch entfernt. Oder in einer der riesigen Höhlen, die derzeit namhafte Forscher erkunden. Vergangenheit, die dem Mittelalter gleicht, liegt im Oman erst eine Generation zurück. Die Stammeskriege und der Aufstand gegen den Sultan ebenso. Der wurde vom eigenen Sohn ins Exil vertrieben. "Ein Segen für unser Land", sagt Musallam.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 11/2006

Schlagwörter powered by wefind WeFind
Beduinen Gebirge Kamele Monsun Oman Sultan Tourismus
Reise
Ratgeber
Ratgeber Urlaub: Planen, buchen, Koffer packen Ratgeber Urlaub Planen, buchen, Koffer packen
Ratgeber Hotels: Hotels suchen und finden Ratgeber Hotels Hotels suchen und finden
Reiseratgeber Australien: Up and Down under Reiseratgeber Australien Up and Down under
Ratgeber Trauminseln: Sonne, Strand und Palmen Ratgeber Trauminseln Sonne, Strand und Palmen