Safari einmal anders: Im Shamwari Game Reserve können Reisende als Mitarbeiter anheuern. Je nach Geldbeutel wohnen sie im Zelt oder in der Luxus-Lodge. Begegnungen mit Löwen, Nilpferden und Giraffen sind allen garantiert.

Die große Wildkatze räkelt sich im Shamwari Game Reserve© Jessica Braun
Könnt ihr das hören?", fragt Ranger Jaco Prinsloo seine Freiwilligen. Er spitzt die Lippen und macht Piepgeräusche: "Bieb. Bieb. Das ist ein Löwe." Die Gruppe englischer Jugendlicher hat die Augen fest auf den Peilsender gerichtet, den ihr Campleiter in die Luft hält. Aber auch durch konzentriertes Betrachten der Antenne ist das Signal nicht besser auszumachen. Nur Knarzen und Rauschen sind zu hören. "Der Löwe ist ein Neuzugang," erklärt Jaco, "wir haben ihn erst vor ein paar Tagen hierher gebracht und ihm einen Sender verpasst."
Das Überwachen der Routen von Wildtieren gehört zum Alltag der Freiwilligen, die hier im Shamwari Game Reserve zum Arbeiten angetreten sind. Genau wie das Instandsetzen von Straßen und das Aufsammeln von Müll. Oder das Entfernen rostiger Stacheldrahtzäune, Überbleibsel aus einer Zeit, in der das Land in diesem Teil Südafrikas noch in Felder und Tierweiden aufgeteilt war.
25.000 Hektar Land gehören mittlerweile zum Shamwari Game Reserve, einem Wildpark in privater Hand. Eine Fläche, mehr als doppelt so groß wie die Insel Sylt. Gegründet wurde das Reservat von Adrian Gardiner, einem Geschäftsmann aus der nahe gelegen Hafenstadt Port Elizabeth. Ursprünglich wollte Gardiner nur eine Farm für sich und seine Familie kaufen: 1200 Hektar als Wochenend-Domizil. Doch als mehr und mehr Landwirte in seiner Nachbarschaft aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen waren, ihr Land aufzugeben, griff Gardiner zu. Er wollte die Tiere zurückbringen, die Büffel, Elefanten, Giraffen und Löwen, wegen denen die Gegend bis zur Jahrhundertwende als eine der tierreichsten in ganz Afrika galt. Bereits 1992 wurde das Shamwari Game Reserve eröffnet, umzäunt und frisch mit Wildtieren bestückt - Importe aus anderen Wildparks. Innerhalb des geschützten Gebiets wuchs der Bestand schnell an. Heute leben mehr als 5000 Tiere im Reservat. Gute Chancen also für die freiwilligen Helfer, mehr als einem von ihnen zu begegnen.
Während der Jeep über den steinigen Pfad ruckelt, zählt Hugo Hunt seine bisherigen Tiersichtungen auf: "Ein Rhinozeros, eine Hyäne, Gnus, Zebras, Affen." Der 22-jährige Brite ist vor neun Tagen in Madolo's Retreat angekommen, dem Camp, in dem die Freiwilligen untergebracht sind. Anders als die meisten der jungen Teilnehmer ist er nicht im "Gap Year". Ein "Gap Year" einzulegen, also eine Art freiwilliges soziales Jahr zwischen Schule und Studium zu leisten, ist in England sehr populär. "Ich wollte einfach nur mal raus aus London", erklärt Hunt. Doch genau wie für die anderen Teilnehmer war das Freiwilligen-Programm für ihn eine Möglichkeit auf Safari zu gehen, ohne einen Aufenthalt in einer der Luxus-Lodges im Reservat buchen zu müssen. "Gearbeitet habe ich seit meiner Ankunft gerade mal zwei Tage," erzählt Hunt. "Die meiste Zeit sitzen wir im Jeep und beobachten Tiere."
Im Gebüsch neben dem Weg dreht eine Gruppe Schwarzfersenantilopen die Köpfe. Die handgroßen Ohren aufgestellt, betrachten sie die zwei Autos voller Menschen, nicht annähernd überzeugt von der Notwendigkeit einer Flucht. Selbst als die Freiwilligen ihre Kameras auf sie richten und unter viel Surren und Piepsen Fotos machen, bleiben die Tiere unbeeindruckt. Jaco Prinsloo, der Camp-Leiter, hebt seinen Peilsender in die Luft und lauscht. "Der Löwe muss ein Stück weiter oben am Berg sein", lässt er seine Frau Tanya über das Funkgerät wissen, die - obwohl hochschwanger - das zweite Auto fährt. Die Jeeps setzen sich wieder in Bewegung. Alle paar Meter streifen Äste mit Stacheln so lang wie Stricknadeln die Dachträger und zwingen diejenigen, die einen Außenplatz ergattert haben, sich nach innen zu ducken.
Ein Game Drive, also eine Rundfahrt durch das Reservat, ist nicht wirklich komfortabel. Egal, ob man in einer der Lodges mit privatem Pool auf der Terrasse residiert oder sich als Freiwilliger im Madolo's Retreat ein Doppelzimmer mit einem anderen Programm-Teilnehmer teilt. Abseits der Zufahrtsstraßen, die zur Versorgung der Lodges und Anreise der Gäste dienen, sind die Wege mal steinig, mal staubig, und immer voller Schlaglöcher. "Schnallt euch an!" bellt Tanya Prinsloo, als eine der Engländerinnen quiekend von ihrem Sitz auf den Schoß ihrer Nachbarin kippt. Doch selbst mit Gurt muss man alle paar Meter befürchten, vom eigenen Magen einen Kinnhaken versetzt zu bekommen.