Reise ins Reich von Kim Jong Un

19. Februar 2013, 09:43 Uhr

Was ist das für eine Nation, die ihre Herrscher vergöttert? Nordkorea ist nicht nur unwirtlich, sondern auch eine Welt mit kleinen Wundern. Bericht einer Expedition in ein Land voller Überraschungen. Von Christoph Kucklick

Nordkorea, Pjöngjang, Kim Jong Un, Reise Nordkora

Die 105-stöckige Ryugyong-Pyramide in Pjöngjang: Unter dem Prestige-Objekt schultern Passanten unbeirrt sperrige Lasten.©

Als Herr Kim kurz nach unserer Ankunft wie selbstverständlich eine Art iPad aus der Tasche zieht, um ins landesweite nordkoreanische Intranet zu gehen, ahne ich, dass dieses Land meine Gewissheiten strapazieren wird. Denn es ist ein Tablet Computer aus heimischer Produktion, ein graues, kantiges Brettchen, und die Herren Kim und O, ohne die wir keinen Schritt tun dürfen, schauen sich auf dem Touchscreen am liebsten Videos ihrer Kinder an, wie sie Klavier spielen oder vom Klettergerüst fallen. Nordkoreas lustigste Heimvideos. Und ich dachte, das Land sei derart verschlossen, dass es vom Computerzeitalter nicht einmal gehört habe.

Das ist erst der Anfang der Verwirrung. Die Herren Kim und O, die uns keine Sekunde aus den Augen lassen, machen die Sache nicht einfacher. Sie rauchen Kette, sie trinken Schnaps und Bier mittags und abends, und sie singen leidenschaftlich bis tief in die Nacht Karaoke. "Wir Nordkoreaner", sagt Herr O in tadellosem Deutsch, "sind wie Italiener: Hauptsache, das Leben genießen."

Klar, denke ich. Doch in der Tat speisen wir geradezu unverschämt üppig in exzellenten Restaurants, die es an allen Orten unserer Reise gibt. Wir essen Rindfleisch mit Ginkgo und Pinien, die wunderbare Kaltnudelsuppe, köstlichen marinierten Fischrogen und sogar italienische Pasta, deren Zutaten frisch aus Europa kommen. Schlemmen in Nordkorea - wie kann das sein? Und: Darf es sein?

Boomland Nordkorea?

Was ist eine gelungene Reise? Vielleicht eine, die mehr Fragen erzeugt als Antworten. Die eine Flut widerstreitender Gefühle auslöst. Die kein Fazit erlaubt. So gesehen, wäre Nordkorea ein gutes Reiseland.

Die Verwunderung beginnt bereits beim Check-in am Flughafen in Beijing. Zu den vielen Merkwürdigkeiten in diesem merkwürdigen Land zählt, wie einfach es ist, hineinzukommen: Touristen buchen eine Pauschalreise. So war unser Flieger nach Pjöngjang voll mit Rentnern aus der Schweiz, Italien und, ja, vom Erzfeind USA. Statt rund 1500 westliche Besucher jährlich wie bisher reisten 2012 vermutlich mehr als 5000 ein.

Boomland Nordkorea? Als wir den Herren Kim und O den Begriff "Boom" erklären, nicken sie heftig. Das wäre toll, sagen sie, bevor sie uns die freundlichsten Seiten des Landes zeigen. Die verwirrendsten. Auf dem Moran-Hügel etwa, einer grünen Kuppel über den grau-weißen Betonquadern der Hauptstadt Pjöngjang. Es ist der Gründungstag der "Partei der Arbeit Koreas", ein hoher Feiertag, die Arbeit ruht, spätherbstliche Hitze umhüllt die Stadt. Familien haben es sich auf großen Decken im Park bequem gemacht, sie braten Lammspieße und Tintenfische, dazu gibt's reichlich Kimchi, Kartoffelsalat mit Mayo, Reiskuchen - und natürlich Bier und Schnaps in endlosen Strömen.

Leckereien per Stäbchen

Nordkoreanern sei der Kontakt zu Ausländern verboten, hatten wir gehört, aber hier gilt das nicht, hier werden wir - und andere Touristen - überall eingeladen: Die Picknicker reichen uns bis zum Rand gefüllte Gläser, sie heben ihre Kinder auf unsere Arme und fotografieren uns mit neuesten Digitalkameras, manche schieben sogar mit ihren Ess-Stäbchen Leckereien in unsere Münder - die höchste Form koreanischer Gastfreundschaft.

Und dann fordern sie uns auf zum Massentanz. Aus einem Lautsprecher dröhnen Hits wie "Freunde, wir treffen uns an der Front" und "Unter dem Banner der Partei", und dann beginnen hunderte von Leuten auf einer Wiese zu tanzen: kleine Kinder, alte Männer in Uniform und Mao-Mütze, Teens mit T-Shirts in zerbrochenem Englisch ("Love will hate you apart"), sie kreiseln schwungvoll, jeder für sich, sie singen, klatschen, werfen die Arme in die Höhe, und es könnte nicht fröhlicher sein.

Auf dem Wege zum weltstärksten Land der Erde

Anschließend winken uns ein paar Studenten heran. Sie schenken ihren letzten Schnaps aus und heben die Blechtassen "in Dankbarkeit für die große Fürsorge des geliebten Führers, Marschall Kim Jong Un". Er ist der junge, neue Führer des Landes, seit dem Tod seines Vaters Kim Jong Il im Dezember 2011 ruhen die Hoffnungen auf dem etwa 30-Jährigen.

Was er nun vorhabe, frage ich einen der Studenten, der gerade sein Wirtschaftsstudium absolviert hat und kaum jünger ist als der Marschall. "Für die Zukunft unseres Landes kämpfen", sagt er sanft. Und wie sieht diese Zukunft aus? "Wir hatten harte Jahre", übersetzt Herr Kim, "aber nun sind wir bereit, das weltstärkste und weltreichste Land der Erde zu werden!" Und wann wird das sein? "In absehbarer Zeit." Aber um die Spitze zu erreichen, gebe ich zu bedenken, müsst ihr rund 150 Länder überholen. Der Student stutzt. Dieser Abstand ist ihm offenbar nicht geläufig. Dann zuckt er die Schultern und sagt mit erhobenem Kopf: "Na und!"

Die neuen Zeiten

Sie sind der leuchtende Traum, seit Kim Jong Un davon gesprochen hat, den Lebensstandard des Volkes zu heben. Endlich. Und wie überall wird der Fortschritt in Kalorien, Wärme und Licht gemessen. Das vor allem: Licht. Fast ein Jahrzehnt lang versank die Hauptstadt jeden Abend in einem schwarzen Nichts, weil Strom fehlte. Jetzt verschwindet die Stadt nur noch tief in der Nacht. Einmal schaue ich um drei Uhr morgens, geweckt vom Jetlag, aus dem Hotelzimmer, da ist kein einziges Licht zu sehen, kein Ton zu hören, als hätte man die Drei-Millionen-Metropole einfach ausgeknipst. Jede Nacht kehrt Pjöngjang in seine gespenstische Vergangenheit zurück.

Ansonsten aber funkeln Inseln des Lichts. Restaurants öffnen abends; Ampeln flammen auf, vor denen sich erstmals in der Geschichte des Landes kleine Staus bilden, sogar Mercedes und BMW finden sich darin, denn in den letzten Monaten wurden etliche ins Land importiert; und die Neonzeichen der wenigen Geschäfte leuchten, manche führen sogar Orangen oder Bananen – ein Traum auch das.

Übernommen aus

Übernommen aus Geo Saison, Heft März 2013, ab sofort für 6 Euro am Kiosk. Hier finden Sie auch die vollständige Reportage von Christoph Kucklick und den Serviceteil.

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