Jeder fünfte Fernzug fährt verspätet

20. September 2011, 17:05 Uhr

Nach Jahren des Schweigens nennt die Deutsche Bahn erstmals Details zur Pünktlichkeit ihrer Züge. Seit heute können Kunden online überprüfen, wie pünktlich die Züge im Vormonat waren: Im August erreichten nur 80,9 Prozent der Fernzüge planmäßig ihr Ziel.

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Mehr Transparanz: Seit Mitte September veröffentlich die Bahn ihre Pünktlichkeitsstatistik©

Wie pünktlich verkehren ICE und IC? Endlich können Bahnkunden jeden Monat auf der Homepage der Bahn die Pünktlichkeitsstatistik einsehen. Die Zahlen werden jeweils Mitte des Monats für den Vormonat veröffentlicht. Der Konzern macht dabei Angaben zum Durchschnitt aller seiner monatlich 800.000 Züge. Zusätzlich unterscheidet er zwischen dem Fernverkehr und Nahverkehr des Unternehmens. Demnach waren im August diesen Jahres die Züge im Personenverkehr insgesamt zu 93,2 Prozent pünktlich - innerhalb der Grenze von fünf Minuten und 59 Sekunden. Im Fernverkehr waren es nur noch 80,9 Prozent der Züge innerhalb der sogenannten Fünf-Minuten-Grenze, im Nahverkehr waren es demnach 93,6 Prozent.

Die Bahn redet vom Wetter

Die Pünktlichkeitswerte im August seien aber durch schwere Unwetter im Westen und in der Mitte Deutschlands am 24. August beeinflusst worden, erklärte die Bahn. Zahlreiche entwurzelte Bäume hätten teilweise die Oberleitungen beschädigt und Streckensperrungen notwendig gemacht. "Die Umleitung vieler Züge in den Folgetagen führte zu einem erheblichen Anstieg von Verspätungen", so die Bahn. Neben dem extremen Wetter machen auch der zunehmende Diebstahl von Kupferkabeln und Selbstmorde auf Schienen der Bahn erheblich zu schaffen, erklärte Ulrich Homburg, der für Personenverkehr zuständige Bahn-Vorstand.

Die Bahn führt seit langem intern Statistik über die Pünktlichkeit ihrer Fernzüge, hielt diese jedoch bislang unter Verschluss. Immer wieder sickerten Informationen über Verspätungen durch. Die Stiftung Warentest machte auch eigene Erhebungen, zuletzt Ende Juli 2011. Berichte über die Pünktlichkeit von IC und ICE konterte das Unternehmen meist mit einer Gesamtpünktlichkeitsquote, die praktisch immer klar über 90 Prozent liegt. Darin sind aber Regionalzüge und S-Bahnen enthalten, die in Takten von wenigen Minuten fahren und den Großteil des Personenverkehrs ausmachen. In den Zahlen spiegelt sich wider, dass viel mehr Regional- als Fernzüge unterwegs sind: Täglich fahren mehr als 25.000 Regionalzüge und lediglich rund 1300 Fernzüge.

Gemessen wird die Pünktlichkeit an jedem Halt eines Fernzuges und an einer ausgewählten Zahl von Stationen des Nahverkehrs. Hat ein Zug also an einem von fünf Haltepunkten eine Verspätung von mehr als sechs Minuten, so geht dies mit einer Pünktlichkeitsquote von 80 Prozent in die Statistik ein. Bereits in der Vergangenheit konnten Bahn-Kunden im Internet ablesen, ob ihr Zug voraussichtlich pünktlich an ihrer Station ankommt.

Fahrgastverband lobt die Bahn

Die neue Transparenz der Bahn stößt auf Zustimmung. "Wenn Fahrgäste erleben, dass sie auf Augenhöhe behandelt werden und sie sich auf die Bahn verlassen können, dann werden sie diese auch vermehrt nutzen", erklärte der Verkehrsclub Deutschland. Das Offenlegen der Pünktlichkeitswerte ersetze allerdings "nicht die Anstrengungen für mehr Pünktlichkeit im Bahnverkehr."

"Der Kunde erwartet Offenheit. Je ehrlicher ein Unternehmen ist, umso sympathischer wirkt es", sagte Karl Peter Naumann, der Verbandschef von Pro Bahn. Rüdiger Grube sei der erste Bahnchef seit langem, der die Fahrgäste anerkenne und auf sie eingehe, so Naumann. Er kritisierte allerdings, dass in die überlasteten Knotenpunkte wie Köln, Hamburg, Hannover und Frankfurt Knoten jahrzehntelang nichts investiert worden sei. Die Bahn habe sich lange auf Großprojekte konzentriert. Gleichzeitig habe die Bahn, um zu sparen, sogar Weichen und Überholgleise abgebaut.

Bahnchef Grube hatte am Montag Versäumnisse bei der Transparenz eingeräumt: "Und wenn die Werte einmal nicht gut sein sollten, ist das für uns Aufforderung, besser zu werden. Verstecken müssen wir nichts."

Teilerstattung des Fahrpreises bei Verspätung

Noch immer wissen viele Kunden der Bahn nicht, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf eine Entschädigungszahlung bei einer Verspätung haben. Kommt ein Fahrgast mindestens eine Stunde zu spät am Ziel an, müssen Bahnunternehmen ihm 25 Prozent des Fahrpreises erstatten. Bei zwei Stunden Verspätung sind es 50 Prozent. Maßgeblich ist die Ankunftszeit am Zielort: Ist also ein erster Zug nur fünf Minuten verspätet und kommt ein Bahnkunde durch einen dann verpassten Anschlusszug über eine Stunde später am Zielort an, erhält er eine Entschädigung. Wird im schlimmsten Fall eine Übernachtung nötig, muss die Bahngesellschaft die Kosten für ein Hotelzimmer tragen.

tib/DPA/AFP/Reuters
 
 
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