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Geld-Revolution auf dem Leipziger Rasen

Red Bull will in die Fußball-Bundesliga. Dafür steigt der österreichische Getränkefabrikant mit viel Geld bei einem fünftklassigen Leipziger Vorortklub ein. Geplant ist der Duchmarsch in das Oberhaus des deutschen Fußballs. Die Fans der Leipziger Clubs Lokomotive und FC Sachsen wittern den Ausverkauf ihres Sports.

Von Sebastian Pittelkow und Dominik Schottner, Leipzig

Nur noch die Feinjustierung fehle, sagte der Vereinspräsident. Und der Trainer orakelte: "Ja, es tut sich was in Leipzig." Nur der Mann, dem das große, neue, leider oft sehr leere Leipziger Zentralstadion gehört, präzisierte: Er habe den Eindruck, dass "Red Bull das in Leipzig unbedingt machen will."

Das war vor zweieinhalb Jahren. Der österreichische Getränkehersteller Red Bull spielte mit dem Gedanken, sich finanziell beim damaligen Viertligisten FC Sachsen Leipzig zu engagieren, um ihn in die Bundesliga hochzusponsern. Die Verträge lagen auf dem Tisch. Nur die Unterschriften der Beteiligten fehlten. Das Modell Hoffenheim hätte zum Vorbild werden können. Dort hatte SAP-Gründer und Mäzen Dietmar Hopp gerade 20 Millionen Euro in den Regionalkader der TSG Hoffenheim gepumpt, die stieg prompt noch im selben Jahr in die zweite Bundesliga auf. In Leipzig war zu dem Zeitpunkt gar von 50 Millionen Euro Unterstützung die Rede. Es wurden: null. Der Deal platzte.

Rolf Heller, der damals so optimistische Präsident des FC Sachsen, ist inzwischen zurückgetreten. Auch der Trainer von damals, Eduard Geyer, arbeitet nicht mehr beim FC Sachsen. Der Verein selbst hat jüngst Insolvenz angemeldet. Einzig der Besitzer des Stadions, in dem der FC Sachsen aufsteigen und von Sieg zu Sieg eilen sollte, ist damals wie heute derselbe: Kinowelt-Chef Michael Kölmel. Und heute sagt er immer noch: "Ich freue mich auf Red Bull."

Red Bull will angeblich 100 Millionen investieren

Klingt naiv und unbelehrbar, ist es aber mitnichten. Denn Red Bull steigt nun wirklich in den Leipziger Fußball ein. Oder genauer: in den Leipziger Umlandfußball, beim SSV Markranstädt, 13 Kilometer von Leipzig entfernt. 100 Millionen Euro möchte der österreichische Konzern angeblich investieren, Details will man aber auch auf Anfrage nicht preisgeben. Am vergangenen Wochenende hat der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) immerhin grünes Licht gegeben und Red Bull die Spielrechte für die Oberligamannschaft des SSV Markranstädt mit sofortiger Wirkung übertragen. Unter dem gestelzten Namen Rasenballsport Leipzig e.V. wird die erste Herrenmannschaft der Markranstädter ab der kommenden Saison in der Oberliga NOFV-Süd spielen und aus dem Verein herausgelöst. Alle anderen Mannschaften, inklusive der Jugendabteilung, bleiben beim SSV.

An den Namensrechten des neuen Vereins war das Engagement von Red Bull vor zwei Jahren in Leipzig gescheitert. FC Red Bull Sachsen Leipzig - für den DFB war das zu viel Brause im Fußball. Den Regeln nach darf eine Mannschaft nämlich keinen Firmennamen tragen. Aber keine Regel ohne Ausnahme: Bayer Leverkusen oder Wacker Burghausen berufen sich auf ihre Tradition als Werksclubs.

Der Leichtathletik und Rasensport Ahlen hingegen dient dem neuen RB Leipzig als Vorbild. Ein Kosmetikkonzern mit den Initialen LR war dort Hauptsponsor bis zum Abstieg in die Regionalliga im Jahr 2006. Und so landete man in Leipzig beim assoziativ anspruchsvollen Rasenballverein Leipzig e.V., kurz RB Leipzig. Die von Red Bull getragenen Mannschaften aus Salzburg und New York werden genau so abgekürzt.

Zentralstadion bald RB-Arena?

Neben dem Startrecht hat der Weltkonzern mit einem Jahresumsatz von etwas über drei Milliarden Euro auch die Namensrechte für das Zentralstadion von Besitzer Michael Kölmel erworben. "Ob das Stadion nun RB-Arena heißen wird oder anders, muss Red Bull entscheiden", sagte Kölmel stern.de. Auch wann RB ins Zentralstadion umziehen wird, ist ungewiss: "Wenn der Verein nach der kommenden Saison in die Regionalliga aufsteigt, dann wird es überlegenswert. Richtig Sinn macht dies aber erst ab etwa 5000 Zuschauern", so Kölmel. Bis dahin spielt man weiter in Markranstädt.

Auf die Initiative des Stadionbesitzers Kölmel ist auch der vielversprechende Versuch zurückzuführen, die Jugendabteilung des FC Sachsen unter das RB-Dach zu locken. Ohne Nachwuchs und Schiedsrichter ist der Einsatz von Red Bull völlig wertlos, verlangen doch die Regeln der Verbände Nachwuchsarbeit. Der FC Sachsen ist für einen solchen Deal bereit: "Ich warte auf ein Angebot", sagte der Insolvenzverwalter des Vereins, Oliver Kratz, auf Anfrage von stern.de.

Explosive Stimmung bei den Fans von Sachsen und Lok Leipzig

Rechtlich und finanziell fügt sich bei RB also ziemlich viel ziemlich schnell. Die explosive Stimmung unter den Fans der beiden Leipziger Traditionsklubs Lok und Sachsen könnte sich künftig gegen RB Leipzig richten. Schon zu DDR-Zeiten waren sich die Vereine, damals noch als BSG Chemie und Lok, und ihre Anhänger spinnefeind. Anfang der Woche zerstörten Unbekannte den Markranstädter Rasen mit Unkrautmittel und schmierten Anti-Red-Bull-Parolen auf die Wände der Vereinsgebäude. FC Sachsens Insolvenzverwalter Kratz ist sich trotzdem sicher, dass "die Traditionsvereine von dem Einstieg Red Bulls nicht berührt werden." Man spiele emotionalen Fußball. Wer zu Red Bull gehe, will guten Fußball sehen.

Im Internet stellt sich das anders dar. In den Fanforen schaukeln sich Anhänger der beiden Vereine und auch Unparteiische in harschen Worten hoch. Im Mittelpunkt steht die Frage: Schadet die Red-Bull-Investition dem Leipziger Fußball oder nützt sie ihm? Und was sind die Gründe für das Engagement? "Das Ziel ist wieder einmal erreicht - Das Getränk ist in aller Munde...", ätzt etwa der User "Wellensittich" im Lok-Fan-Forum. Richtig ist: Red Bull gibt ein Drittel seines Jahresumsatzes für Marketing aus, etwa als Namens- und Geldgeber für Flugshows und Partys. Richtig ist aber auch: Der Fußball-Verantwortliche des Konzerns, Markus Egger, beteuerte, man wolle "ganz bewusst auf lokale Kräfte setzen" und Leute wie SSV-Trainer Tino Vogel halten. Lok-Forum-Mitglied Mattez ist sich sicher: "RB Leipzig würde wohl einer der meistgehassten Vereine Deutschlands!" Das allerdings hatten einige auch über die TSG Hoffenheim 1899 gemutmaßt. Inzwischen wurde das Team in einer Studie des Vermarkters Sportfive zum zweitbeliebtesten der Bundesliga gewählt.

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