6. Januar 2009, 09:54 Uhr

Rangnick rastet aus

Sind die Nerven beim Herbstmeister 1899 Hoffenheim angespannter als gedacht? Schmähgesänge bei einem Hallenturnier haben dafür gesorgt, dass Erfolgstrainer Ralf Rangnick die gegnerischen Fans von Waldhof Mannheim lautstark beschimpfte. Da hilft der souveräne Umgang mit den Bayern-Attacken nur wenig. Von Frank Hellmann, Mannheim

Hoffenheim, Rangnick, Herbstmeister

Den Mannheimern ist "nicht mehr zu helfen": Ralf Rangnick geriet nach den Schmähgesängen der Waldhof-Fans in Rage©

Ein halbes Jahr lang war der Emporkömmling im Mannheimer Exil nicht nur willkommen, sondern auch erfolgreich. Bekanntlich hat der Novize 1899 Hoffenheim in der Quadratestadt Mannheim ein Gastspiel gegeben, das erfolgreicher hätte kaum sein können. Acht Spiele, sieben Siege, ein Remis - der Wohlfühlfaktor im Carl-Benz-Stadion von Mannheim, einstmals gebaut, damit der Traditionsverein SV Waldhof ein schmuckes Zuhause hat, war 2008 maßgeblich mitverantwortlich dafür, dass die Kraichgauer im Oberhaus zur Halbserie auf Rang eins überwintern. Im neuen Jahr spielt die Überraschungsmannschaft der Fußball-Bundesliga dann im neuen Domizil: in einem 60 Millionen Euro teuren Schmuckkästchen an der A 6 in Sinsheim, das schon am 24. Januar eingeweiht wird. Das sollte gelassen machen.

Doch beim Hallenturnier um den Harder-Cup in der Mannheimer SAP-Arena am Montagabend hat sich das Gegenteil gezeigt, als sich auf dem künstlichen Gras plötzlich der Regionalligist Waldhof und der Herbstmeister Hoffenheim duellierten. Da wurde alsbald klar, wem die Sympathien in Mannheim wirklich gehören. Kaum hatte Marco Rummenigge, Sohn von Ex-Profi Michael Rummenigge in allerletzter Sekunde für den Außenseiter ausgeglichen und ein Neunmeterschießen erzwungen, ertönte ein gellendes Pfeifkonzert, als Andreas Beck oder Carlos Eduardo antraten. Damit nicht genug: Hohn und Spott des harten Kern des Waldhof-Anhangs entlud sich beim - an sich völlig bedeutungslosen - Kick um Platz drei und schlug sogar in Neid und Missgunst um.

Schmähgesänge auf 1899 Hoffenheim und Dietmar Hopp, der ruhig in der Loge saß und dessen Sohn Daniel doch als Turnierdirektor fungierte, konterte die kleine Hoffenheimer Fanschar mit "Dietmar-Hopp"-Chören. "Ihr seid so lächerlich", grölten daraufhin die Waldhöfer, dem ein "Und schon wieder keine Stimmung - TSG!" folgte. "Und schon wieder keine Kohle - SVW", intonierte daraufhin die andere Seite.

Hopp unterstützt Mannheim

Dazu muss man wissen, dass SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp dem SV Waldhof Mannheim nicht nur mehrere Millionen für ein Jugendzentrum zur Verfügung gestellt, sondern auch ein Darlehen für den finanziell arg angeschlagenen Traditionsklub von 800.000 Euro gewährt hat, damit überhaupt die Unterdeckung im laufenden Geschäftsjahr aufgefangen werden kann. Eine halbe Million Euro kam zur Auszahlung, der Rest ist an Bedingungen geknüpft. Darüber hatte sich zwischen den Feiertagen Waldhof-Präsident Mario Nöll erregt und die offene Konfrontation mit Dietmar Hopp gesucht ("Es fühlt sich so an, dass Herr Hopp keine Konkurrenz wünscht") und eine Klage angedroht. Jetzt muss Nöll wohl zurücktreten.

Mit den Rufen der Fans hätte man es in der Arena also bewenden lassen können, hätte anschließend nicht der ehrgeizige Ralf Rangnick die Contenance verloren. Der engagierte Baumeister des Hoffenheimer Offensivspektakels, der sogar bei einem Hallenturnier so leidenschaftlich anleitet, als ginge es gerade um Bundesliga-Punkte, hatte die Mixtur aus Niederlage und Abneigung so arg zugesetzt, dass er danach aus der Haut fuhr. "Dass so etwas gesungen wird, ist ohne Worte. Wenn ich Dietmar Hopp wäre, würde ich denen keinen Cent geben." Und weiter: "Die sind ja bankrott trotz des Geldes von Dietmar Hopp. Denen ist nicht mehr zu helfen - die sind blind vor Tradition und Hass und bekommen die Realität nicht mehr mit. Das müssten doch Freunde von uns sein."

Rangnicks Ausraster ist Wasser auf die Mühlen derer, die Hopps Zuwendungen an den ehemaligen Bundesligaklub als Beruhigungspille für einen latent schwelenden Unruheherd angesehen haben. Doch gleichzeitig eröffnen die Tiraden in der Rhein-Neckar-Region wieder eine Baustelle, die gerade das wachsende Hoffenheimer Erfolgsprojekt nicht braucht. "Am besten man ignoriert, was beim SV Waldhof passiert", sagte auch Daniel Hopp, während Vater Dietmar ja schon alle Vorwürfe von Waldhof-Seite gekontert hatte. Die Vorwürfe aus Mannheim seien aus der Luft gegriffen. "Wie soll ich einen Verein entschulden, von dem ich nicht einmal weiß, wie hoch die Schulden sind."

Von Meisterschaft spricht niemand

Der Zoff Waldhof versus Hoffenheim geht also in die nächste Runde, der Streit Bayern gegen Hoffenheim jedoch nicht. Bekanntlich hatte Bayern-Präsident Franz Beckenbauern dem neuen Mitstreiter via mächtiger Hauspostille sogar "Größenwahn" vorgeworfen, was im kleinen Hoffenheim eher belustigt zur Kenntnis genommen wurde. "Ist doch schön, dass sie sich so mit uns beschäftigen", sagt Verteidiger Beck, während sein Trainer erläutert: "Wir spinnen nicht. Wir wollen uns doch nicht ernsthaft mit den Bayern messen. Offenbar sehen die uns besser, als wir selbst", sagt Rangnick. Dazu passt, dass der Fußball-Lehrer mit dem Beinamen Professor auch erstmals über tabellarische Ziele in der Rückrunde sprach - wenn auch verklausuliert. "Mir geht es um die Weiterentwicklung der Mannschaft. Wenn wir in der zweiten Halbserie klasse Fußball spielen und trotzdem nur Sechster werden, sage ich vielleicht: 'Chapeau'. Werden wir Vierter und ich sehe keine Verbesserungen, wäre ich weniger zufrieden." Von der Meisterschaft spricht der Mann zu keiner Sekunde.

An den Verbesserungen, die in erster Linie eine weitere Perfektionierung im Spiel gegen den Ball betreffen (Rangnick: "Die zwei Gegentore bei den Bayern müssen so nicht fallen"), soll wie im Vorjahr an der spanischen Südküste getüftelt werden. Nach den guten Erfahrungen 2008 quartiert sich Hoffenheims Tross 2009 wieder im Hyatt Regency Golf Resort in La Manga ein - am Freitag entflieht man der heimischen Kälte und wird in warmen Gefilden auch gegen den VfL Bochum (11. Januar), Hamburger SV (14. Januar) und FC Zürich (17. Januar) testen. "Dort haben wir damals die Grundlage für ein ganzes Jahr gelegt", sagt Manager Jan Schindelmeiser, "wie man nämlich mit elf Leuten gegen den Ball arbeitet." Auch Schindelmeiser ist gegen die Attacken des FC Bayern immun, "wir dürfen da nicht so empfindlich sein", erklärt er schmunzelnd, "ich nehme das zur Kenntnis, doch ich weiß, dass wir nicht größenwahnsinnig, sondern sehr geerdet sind." Am meisten würde man die Münchner Führungsspitze doch ärgern, "wenn wir unsere Spiele gewinnen."

Wohl wahr. Wo Teams wie Bayern, Schalke oder Werder sich für den Hallenkick längst zu schade sind, waren aus der Hoffenheimer Entourage selbst alle Protagonisten anwesend, die nicht beim Indoor-Spaß mitmischten. Vedad Ibisevic, Demba Ba, Tobias Weis, Marvin Compper oder Neuzugang Timo Hildebrand standen sogar brav vor dem Einlaufen Spalier und munterten den Rest auf. Von "meinen Jungs", sprach bereits Torwart Hildebrand, "für uns ist das eine Selbstverständlichkeit", erklärte Compper, deshalb hätten ja sieben Akteure die Weihnachtszeit gemeinsam in New York verbracht. "Diesen Spirit müssen wir pflegen, der kommt nicht automatisch", erklärt auch Rangnick. "Die Gefahr von Neid, Eifersucht und Missgunst ist in der Rückrunde größer geworden." Das kann man wohl sagen.

Von Frank Hellmann, Mannheim
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
watchtower (06.01.2009, 16:23 Uhr)
@vegefranz: Sie haben ja so Recht.
Die Drumrumverpackung (Überschrift) soll wohl lediglich zu einer bemerkenswerten Anzahl von Klicks animieren.
Einerseits: Mission accomplished
Andererseits: Die Redaktion tut sich und dem Anspruch des STERN mit solchen Täuschungen der LeserInnen auf Dauer keinen Gefallen.
vegefranz (06.01.2009, 16:09 Uhr)
die reisserische Überschrift wird durch den Artikelinhalt nicht ansatzweise gerechtfertigt
die reisserische Überschrift wird durch den Artikelinhalt nicht ansatzweise gerechtfertigt. Sollte das ursprünglich für die Sportbild geschrieben sein? Das ist reiner Spaltpilz-"Journalismus"
Lemieux (06.01.2009, 14:39 Uhr)
Wieso....
....kommt es mir nur so vor dass die meisten meiner Vorredner selten bis nie in einem Stadion zu Gast sind? Sport für Pöbel, Fans = Pöbel... Was sind denn das für pauschale Aussagen von (aufgrund des hochgestochenen Schreibstils) doch so intelligenten Menschen? Wieso kommentieren Sie sowas wenn es hier um Dinge geht, die doch nur den Pöbel angehen? Im Stadion sind alle gleich, ob Manager oder Hartz IV Empfänger, das sind alles Fans. Und nur zur Info, setzen Sie sich mal in eine Loge oder auf Business-Sitze und lauschen Sie den Kommentaren der "Oberschicht". Glauben Sie ja nicht, dass man sich dort gewählter ausdrückt als in der Stehplatzkurve...
Bayern ist ein Retortenclub? Auch wenn ich die Bayern nicht unbedingt mag, die sind sicher alles, aber kein Retortenclub, die Spielen seit 1964 in der Bundesliga... Die mit Wolfsburg oder Leverkusen und Hoffenheim zu vergleichen, nein, das wird leider nichts. Also manchmal erst informieren, dann kommentieren...
brainspam (06.01.2009, 14:33 Uhr)
lautstarke Beschimpfungen?
Also die Worte von Rangnick als "lautstartke Beschimpfung" und "Ausraster" zu betiteln halte ich doch für leicht übertrieben. Sollte es einen Ausraster und lautstarke Beschimpfungen gegeben haben, sollte man das als Autor auch IN den Artikel schreiben und nicht nur als ÜBERSCHRIFT verwenden ;-)
Dem angeblichen Ausraster würde ich jedenfalls wortwörtlich zustimmen. Trefflicher kann man so etwas doch fast nicht mehr kommentieren, oder?
SethusCalvisius (06.01.2009, 14:33 Uhr)
Irgendwann
wird man merken, dass es sich bei Hoffenheim um einen völlig normalen, wenn auch z.Z. außergewöhnlich erfolgreichen Fußballverein handelt. Der kometenhafte Aufstieg ist natürlich nur möglich geworden durch den Sponsor, Herrn Hopp. Genauso übrigens wie das bei Bayer Leverkusen u.ä. der Fall war. Dass Geld alleine aber nicht ausreicht, haben ja Vereine wie LR Ahlen, Fortuna Köln oder TeBe Berlin ausreichend bewiesen.
Herr Rangnick zählt sicher zur Trainer-Elite Deutschlands. Trotzdem ist er ein Mensch wie jeder andere. Dass seine Äußerungen so hohe Wellen schlagen, liegt ja nur daran, dass er von manchen mittlerweile fast heiliggesprochen wurde. Dabei hat er ja schon früher eine gewisse Dünnhäutigkeit an den Tag gelegt. Ich denke da z.B. an das Gejammere nach seiner Entlassung auf Schalke. Insofern denke ich, dass die Medien einfach mal wieder eine Schlagzeile in der (fast) fußballosen Zeit benötigten, sonst wäre darüber überhaupt nichts berichtet worden.
Ich bin selbst kein Hoffenheim-Fan, habe aber Respekt vor der konsequenten und kompetenten Aufbauarbeit. Für die Rückrunde, die vermutlich zienmlich hart wird, wünsche dem Verein alles Gute. (Wenn sie am Ende vor den Bayern liegen würden, würde mich das aus anderen Gründen natürlich sehr freuen)
Administrator (06.01.2009, 14:21 Uhr)
@zuribueb
Liebe/r zuribueb,
vielen Dank für Ihren Beitrag. Sie unterstellen, dass wir einen Ihrer Beiträge gelöscht hätten. Wir haben das soeben geprüft und können Ihnen mitteilen, dass wir zu diesem Artikel noch kein Posting entfernt haben.
Haben Sie vielleicht einen anderen Beitrag kommentiert? Oder stimmen Ihre Browser-Einstellungen nicht?
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Ryan2k (06.01.2009, 14:05 Uhr)
ist doch logisch....
Der Fussball ist unterhaltung für den Pöbel ! Der Pöbel regiert, deswegen ist Fussball auch so beliebt. Sonst würde man sich anspruchsvoller Sportarten glorifizieren.
Und auch im Pöbel sind intelligente Akademiker und Co. Und auch Schmäh-Gesänge gehören zum Fussball genau wie die Bratwurst ins Stadion. Als Fussballer, Trainer oder Funktionär beim Fussball sollte man damit umgehen können. Ich mein was hat die TSG den erwartet..... Was sich Schalker und Dortmunder so an den Kopf verwefen ist um einiges schlimmer ;) Aber irgendwo gehört es einfach dazu....
zuribueb (06.01.2009, 14:04 Uhr)
Schon weg
Vielen Dank für die Zensur. Sehr wahrscheinlich ist es nur gestattet gegen Hoffenheim zu pöbeln. Es lebe das freie Deutschland.
albundy69 (06.01.2009, 13:59 Uhr)
Selbstentlarvung
Endlich erkennt der Rest Deutschlands : WER DEM NETTEN HERRN HOPP NICHT DANKBAR IST UND SEINEM SOHN KEINEN ARBEITSPLATZ ANBIETET; DER WIRD VERACHTET UND SCHLECHT GEMACHT ! LEUTE SEID DEM NETTEN HERRN HOPP DANKBAR SONST WIRD ER BÖSE !
bodhi-patrick (06.01.2009, 13:58 Uhr)
es
gab keinen Ausraster!
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