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Interview

Markus Merk über Videobeweis: "Die Schiedsrichter pfeifen, wie es zu befürchten war"

In der Bundesliga tobt die Debatte um den Videobeweis. Im stern-Interview erzählt der dreimalige Weltschiedsrichter Markus Merk, warum sich der Videobeweis durchsetzen wird, was noch schief läuft und was er verändern würde.

Markus Merk

Markus Merk: "Den Fußball verbessern und gerechter machen"

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Herr , über den Video-Assistenten wird derzeit hitzig gestritten. Haben wir ihn noch in der nächsten Saison?
Davon gehe ich aus. Denn die Erfahrungen, auch der anderen Verbände, die die Testphase begleiten, sind überwiegend positiv. Die anfänglichen technischen Probleme sind in der Bundesliga behoben, viele Fehlentscheidungen konnten revidiert werden. Mit permanentem Training müssen die Sichtweisen geschärft, die Auslegung weiter vereinheitlicht werden. Aber eines muss auch klar sein: Hundertprozentige Fehlerlosigkeit wird es nie geben. Doch ich bin überzeugt, dass der Video-Assistent uns mehr Gerechtigkeit bringt!

Aber die Kritik ist zum Teil sehr scharf.

Trotz aller Kritik ist allen Beteiligten klar, dass wir Geduld brauchen. Das habe ich schon vor Wochen gesagt. Hier handelt es sich um eine technische Neuheit, um eine Revolution im Fußball, die nicht von einem auf den anderen Tag hundertprozentig funktioniert. Natürlich hat man gehofft, dass es besser klappt, aber ich glaube nicht daran, dass man den Video-Assistenten abschafft. Jetzt läuft der Praxistest und im Frühjahr wird Bilanz aus den Erfahrungen in den verschiedenen Ligen gezogen. Dann wird entschieden, ob es den VA weiter geben wird oder ob es weitere Änderungen gibt.

Sie stehen also rückhaltlos hinter dem Video-Assistenten?
Ich bin jemand, der darüber schon früh nachgedacht hat mit allen Konsequenzen. Wir haben auch positive Einsätze des Video-Assistenten erlebt. Aber natürlich bin ich auch jemand, der sagt: Man muss am Optimum arbeiten. Und davon sind wir noch entfernt. Als ich vor zehn Jahren die ersten Gedanken äußerte, dass technische Hilfsmittel kommen werden, hat man mich hier verflucht. Schließlich hat sich die Stimmung total gewandelt hat und man hatte vor der Einführung des Video-Assistenten den Eindruck, jeder sieht in ihm das Allheilmittel, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Ich habe damals schon gesagt, er bringt viel Positives mit, aber es wird auch Probleme geben, an denen man arbeiten muss.

Hätten sie damals als aktiver Schiedsrichter gern den Video-Assistenten gehabt?

Es geht nicht darum, ob ich ihn gern gehabt hätte, sondern darum, den Fußball zu verbessern und gerechter zu machen. So wie es in anderen Sportarten der Fall ist. Die Frage ist, wie schaffen wir es, technische Hilfsmittel zu nutzen, ohne das Spiel zu verändern. Und es geht um die Schiedsrichter: Oft ist es doch so, dass der arme Kerl auf dem Rasen steht, und Millionen sehen am Bildschirm genau, was los ist, und er ist der Einzige, der es nicht sieht.

Was muss verbessert werden?
Das Problem ist, wann kommt der Video-Assistent zur Anwendung? Schon diese Entscheidung ist schwierig. Die Vorgabe lautet: Nur bei glasklaren Fehlentscheidungen soll er einschreiten. Nur ist der Begriff "glasklar" im Fußball vollkommen dehnbar (Einschreiten dürfen Schiedsrichter in vier Spielsituationen: bei Tor, Elfmeter und seiner Entstehung, Roter Karte sowie Verwechslung von Spielern bei Gelber oder Roter Karte, d.Red.). Meiner Meinung müssen die Entscheidungen transparenter werden. Jeder Fans muss verstehen können, wann schreitet der Video-Assistent ein. Dass es immer eine Grauzone gehen wird, ist aber auch klar.

Wie kann mehr Transparenz auf dem Platz konkret aussehen?
Beim Spiel Mainz gegen am vergangenen Wochenende gab es solch eine beispielhafte Szene. Schiedsrichter Tobias Stieler ließ nach einem Zweikampf im Strafraum der Hertha erst weiterspielen. Dann hat sich der Video-Assistent eingeklinkt, dass die Situation strittig sei, aber ohne ein Urteil abzugeben. Stieler hat die Möglichkeit genutzt, sich die strittige Szene auf Video am Spielfeldrand nochmal anzusehen - und hat dann seine Entscheidung revidiert und auf Strafstoß entschieden. Das fanden alle sehr gut, und sowohl Fans als auch Spieler erhalten so mehr Transparenz. Das Mittel werden wir hoffentlich häufiger sehen, dass sich der Schiedsrichter die Situation selbst am Monitor anschaut und die Entscheidung nicht allein dem VA überlässt.


Hat der Video-Assistent das Verhalten der Schiedsrichter verändert?
Ja, es ist eingetreten, was zu befürchten war. Die Schiedsrichter halten sich meinem Eindruck nach mit einem Pfiff zurück, weil sie wissen, dass der Video-Assistent sich schon melden wird, wenn es eine Fehlentscheidung war. Das ist menschlich. Deshalb ist es wichtig, dass die Schiedsrichter sich klar machen, dass sie die erste und einzige Instanz auf dem Platz bleiben müssen. Sie müssen die Spiele genauso leiten und die Entscheidungen treffen, als wenn kein Backup da wäre.

Was halten sie von den sogenannten Challenges, die es im Tennis gibt. Eine Mannschaft hätte dann die Möglichkeit, den in einer begrenzten Anzahl bei strittigen Situationen heranzuziehen?
Ich habe mit Sky Spiele mit Video-Assistent komplett nachgestellt, während ich im Ü-Wagen saß. Wir haben immer wieder festgestellt, dass es über 90 Minuten ganz schwierig ist, eine konsequente Linie zu fahren nach den Regeln, die jetzt existieren. Deshalb wäre es besser, wenn die Challenge kommt. Ich habe schon 2008 für die Drei-mal-Zwei-Regel plädiert.

Das heißt?
Alle drei Parteien, also die beiden Mannschaften und die Schiedsrichter haben zwei Mal pro Spiel die Möglichkeit, das Challenge-Recht anzufordern. Nehmen Sie zum Beispiel den Elfmeterpfiff gegen Wolfsburg im Spiel gegen die Bayern. Da hat der Video-Assistent nicht eingegriffen. Hätte Wolfsburg die Möglichkeit einer Challenge gehabt, hätte es den Strafstoß vermutlich nicht gegeben. Mit einer Challenge würden wesentlich mehr richtige Entscheidungen getroffen. Allerdings brauchen wir darüber gar nicht zu diskutieren, weil sich die Fifa im Moment anders festgelegt hat. Damit müssen wir in der Bundesliga leben. Es ist jetzt an den Schiedsrichtern, für eine klare Linie zu sorgen.

Lassen sie uns noch über einen konkreten Fall sprechen, der für viel Diskussion gesorgt hat: Der Wolfsburger Torwart Koen Casteels ist mit dem Knie in den Stuttgarter Christian Gentner hineingesprungen und hat ihn schwer am Kopf verletzt. Warum kam der Video-Assistent nicht zum Einsatz?
Da hätte der Video-Assistent einschreiten müssen, wenn man die TV-Bilder sieht. Dennoch habe ich Verständnis, dass das nicht geschehen ist. Helmut Krug, Projektleiter des Videobeweises, hat hinterher gesagt, dass es nicht ganz eindeutig war. Als ehemaliger Praktiker kann ich das nachvollziehen. Für einen Schiedsrichter ist es in einem solchen Moment schwer zu beurteilen, weil es so einen Fall seit Jahren nicht gegeben hat. Ich bin aber genauso überzeugt, dass es das nächste Mal bestraft wird, weil jetzt alle für so ein Foul sensibilisiert sind.

Sie lassen die Ausrede nicht gelten, dass ein hohes Knie beim Absprung nun mal zum Torwartspiel gehört?
Ich bin klar der Meinung, dass es ein Foul war. Es ist natürlich in Ordnung, das Knie beim Absprung zu heben. Das wird ja auch so trainiert. Man darf beim Kopfball auch den Ellenbogen draußen haben, aber man darf nur niemanden treffen. Ob man das von der E-Jugend an trainiert, um mehr Schwung beim Absprung zu haben, spielt überhaupt keine Rolle.


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