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Der Fall Rafati und die deutschen Schiedsrichter Die Leiden der schwarzen Zunft


Babak Rafati hat Depressionen als Grund für seinen Suizidversuch angegeben. Ebenso die Angst vor Fehlern. Nun muss der Umgang mit den Referees auf den Prüfstand.
Von Frank Hellmann, Frankfurt

Den Spekulationen und Gerüchten gehörte offenbar ein Ende gesetzt. Anders ist es ja nicht zu erklären, dass der Anwalt Sven Menke am Freitagmittag zu diesem Zeitpunkt überraschend mitteilte, es sei der ausdrückliche Wunsch von Babak Rafati, die wahren Ursache des Suizidversuches vom vergangenen Samstag öffentlich zu machen.

Der 41-jährige Deutsch-Iraner hat sich nicht aus privaten Gründen oder wegen familiärer Probleme in einem Kölner Hotel vor dem Bundesligaspiel 1. FC Köln gegen den FSV Mainz 05 die Pulsadern aufgeschnitten, sondern weil er an einer Depressionserkrankung gelitten habe. Die Symptome sind nach Rafatis Einschätzung vor etwa anderthalb Jahren erstmals aufgetreten. Und so steht in der öffentlichen Stellungnahme: "Im persönlichen Empfinden von Herrn Rafati wurde vor allem ein wachsender Leistungsdruck für ihn als Schiedsrichter und der damit verbundene mediale Druck in Kombination mit der ständigen Angst, Fehler zu machen, zu einer immer größeren Belastung." Irgendwann habe er nicht einmal Alltagsprobleme lösen können.

"Der Fall Enke hat wenig geändert"

Damit darf sich sechs Tage später auch DFB-Präsident Theo Zwanziger bestätigt fühlen, der ja gleich am vergangenen Samstag gemutmaßt hatte, dass der Druck ungeheuer hoch sei, "und wir es nicht schaffen, das Ganze in eine richtige Balance zu bringen". Tatsächlich werden die Schiedsrichter von der Öffentlichkeit unnötigerweise zu oft als Pfeifen der Nation gebrandmarkt. Für Jens Kleinert, Professor für Sportpsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln, sind die bislang bekannten Fälle nur die "Spitze eines Eisbergs" im Leistungssport.

Der bekannte Sportpsychologe Andreas Marlovits glaubt, dass der Freitod von Robert Enke "grundsätzlich in der Szene relativ wenig geändert hat." Der Experte, der mehrere Bundesligisten betreut, fordert stärkere Hilfssysteme auch für Schiedsrichter, denen im medialen Brennglas viel weniger Fehler zugestanden werden als Trainern, Managern oder Spielern. Denn was hatte Rafati einst in der TV-Reportage "Drei Minuten Zweifel" gesagt: "Wenn ich am Sonnabend gepfiffen habe und es war ein Fehler, der im Fernsehen auch noch nachgewiesen wird, dann tut das natürlich immer weh. Das tut den Schiedsrichtern am allermeisten weh. Denn wir haben den Ansporn, dem Ganzen gerecht zu werden." Schon das klingt im Rückblick wie ein erster Hilferuf.

"Teilweise respektloses Verhalten"

Ein altgedienter Funktionär wie Heribert Bruchhagen, Vorstandschef von Eintracht Frankfurt, forderte unter der Woche bei einer Podiumsdiskussion die gesamte Branche zum Umdenken auf: "Alle, die den Schiedsrichtern hinterherstiefeln, leiden an Eitelkeit und Selbstüberschätzung." Sie hätten kein Eigenkorrektiv mehr.

Die 3800 Euro, die ein Schiedsrichter pro Bundesliga-Einsatz erhält (2. Liga: 2000 Euro), entschädigen vielleicht finanziell, aber auch für Angriffe unter die Gürtellinie? Wenn Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel "teilweise respektloses Verhalten" gegenüber den Unparteiischen moniert, dann stimmt das insofern, weil die Wahl zum schlechtesten Schiedsrichter der Saison, durchgeführt vom Fachmagazin Kicker, einen wie Rafati zur Zielscheibe des öffentlichen Spotts hat werden lassen. Der Schiedsrichter-Ombudsmann Rainer Domberg verlangt eine "andere Anerkennungskultur". Denn: "In 95 Prozent der Spiele, die die Schiedsrichter leiten, ist ihre Leistung fehlerfrei. Die Schiedsrichter leiden in dieser Zeit unter einem Fluch, den sie nicht verdienen."

Merk mahnt: Schiedsrichter nicht in Watte packen

Doch wo ist das richtige Maß? Der Spitzenreferee Markus Merk warnt bereits davor, die Schiedsrichter "in Watte zu packen". Der dreimalige Weltschiedsrichter weiß eben auch, dass im deutschen Schiedsrichterwesen auch anderes verändert gehört, das seit jeher noch unter Hoheit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geführt wird. Der DFB teilte nun mit, er begrüße "ausdrücklich die Entscheidung von Babak Rafati, sich offen zu seiner Erkrankung zu bekennen". Es sei ein "wichtiger und richtiger Schritt", so Zwanziger. Das DFB-Präsidium will sich auf seiner nächsten Sitzung am 2. Dezember intensiv mit dem Gesamtkomplex des deutschen Schiedsrichterwesens befassen.

Denn: Warum produziert diese Gilde die ruchbaren Affären – von Sex- und Steuerskandalen bis zum Selbstmordversuch? Bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die sich längst auch räumlich vom DFB abgenabelt hat und direkt in der City im Frankfurter Westend ihren Sitz hat, blickt man seit geraumer Zeit kritisch auf das, was sich in der Verbandszentrale im Stadtwald bei den Schiedsrichtern tut. Nun sind die DFL-Bosse weit davon entfernt, die vollständige Übernahme des Schiedsrichterwesens einzufordern, doch ein bisschen mehr Transparenz und Offenheit wäre vonnöten – ganz unabhängig vom Fall Rafati.

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert schlägt eine neue Schiedsrichter-Vertretung vor: "Sie sollte eine Geschäftsführung haben, die das gesamte Schiedsrichterwesen hochseriös und nach unternehmerischen Grundsätzen organisiert." Es könnte eine eigene Gesellschaft gegründet werden, die Profi-Schiedsrichter für den bezahlten Fußball stellt – DFB und DFL könnten gleichsam Gesellschafter sein.

Abschied vom "Geheimbund"?

Fandel wollte sich zu diesem Vorschlag erstmal lieber nicht äußern. Der Pianist aus Kyllburg, 47, Nachfolger von Volker Roth, ist eigentlich im Mai vergangenen Jahres angetreten, ein demokratisches und durchschaubares Schiedsrichterwesen zu etablieren – DFL-Boss Reinhard Rauball hatte das vorherige System mal als "Geheimbund" tituliert. Trotzdem spielt sich immer noch zu viel im Verborgenen ab. Warum ist Rafati beispielsweise als Fifa-Referee abberufen worden? Der DFB teilte dies im September eilig mit und bezeichnete diesen Schritt als "altersbedingte Umstrukturierung". Sogar Schiedsrichterfunktionäre sollen sich gewundert haben.

Fandels mit vielen hehren Worten begonnene Amtszeit haben zuerst die Nachwehen der fast aberwitzig anmutenden Affäre zwischen Manfred Amerell, dem früheren Schiedsrichter-Obmann, und Michael Kempter, dem gefallenen Jungstar der deutschen Pfeifenmänner, zu schaffen gemacht. Bis heute ist nicht geklärt, ob die sexuelle Beziehung zwischen beiden einvernehmlich geschah.

Amerell und Zwanziger stehen sich seitdem unversöhnlich gegenüber. Amerell kennt das System in allen Facetten – und mit allen Schwächen. Erst er hat ja den jüngsten Steuerskandal ins Rollen gebracht, bei dem Fahnder 70 ehemalige und aktive Schiedsrichter überprüft haben und auf getürkte Reiseabrechnungen und geheime Auslandskonten gestoßen sind.

Fandel ist selbst im fast herrschaftlich geführten System Roth groß geworden, er durfte bei Champions League und Europameisterschaft pfeifen, aber gleichzeitig hat er noch als Aktiver mitbekommen, wie seine Gilde bereits 2005 durch den Wettskandal um Robert Hoyzer in Verruf geriet. Die Hoyzer-Affäre erregte öffentliche Wellen ungekannten Ausmaßes. Niemand ahnte damals, was danach noch alles an delikaten Enthüllungen bis tragischen Vorfällen hinzukommen sollte. So als laste wirklich ein Fluch auf dem Mann mit der Pfeife.


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