Geständnis ohne Erklärung

18. Januar 2013, 08:34 Uhr

Oprah Winfrey stellt die richtigen Fragen in ihrem Gespräch mit dem Doping-Sünder Lance Armstrong. Doch sie hat den falschen Gast. Weil Armstrong zwar beichten, aber nichts erklären will. Von Ulrike von Bülow, New York

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Es dauert keine zwei Minuten, bis das erste "Ja" von ihm zu hören ist. "Ja", sagt Lance Armstrong, er habe verbotene Substanzen zu sich genommen. Epo? "Ja." Testosteron, Wachstumshormone? "Ja." Betrieb er Blutdoping? "Ja." Dopte er sich während seiner sieben Tour de France-Siege? "Ja."

Es ist Donnerstagabend, 21 Uhr an der amerikanischen Ostküste, als das große Geständnis-Interview ausgestrahlt wird: Oprah Winfrey befragt Lance Armstrong. Zu sehen bei "OWN", dem Winfrey-eigenen Kabelkanal. "Oprah & Lance - the world exclusive", wie das Gespräch angekündigt worden war, beginnt mit wenig exklusiven Bildern, die Armstrong zeigen, wie man ihn kennt: als strahlenden Sieger im gelben Trikot der Tour de France. Oder als Gast in einer Talkshow, der sagt: "Ich habe niemals gedopt."

Warum? Und warum so vehement?

Dann erscheinen Armstrong und Winfrey, sie sitzen in einem Hotelzimmer in Austin, Texas, und versichern einander: "Dieses wird ein offenes Gespräch." Dann geht es los, und zwar zackig: Winfrey stellt ein paar Fragen, die Armstrong nur mit "Ja" oder "Nein" beantworten soll. Nach fünf "Ja" ist alles klar: Armstrong hat gelogen, Zeit seiner sportlichen Karriere. Aber warum? Und warum so vehement?

Armstrong trägt ein hellblaues Hemd, ein dunkelblaues Jackett und an seinem rechten Handgelenk das gelbe Armband von "Livestrong", seiner Krebsstiftung, die er gegründet hat, als er den Hodenkrebs besiegt hatte. Dienstag zierte so ein Armband die Titelseite der "New York Post", doch war das v in "Livestrong" ausradiert, und so und da stand plötzlich "Liestrong". Lüge stark. Dazu die Schlagzeile: "Lance gibt zu, abscheulich betrogen zu haben." Es war durchgesickert, was Armstrong bei Winfrey sagen würde, die nun von ihm wissen will: Lance, warum gibst du es erst jetzt zu?

Armstrong, der sein rechtes Bein angezogen und auf sein linkes Knie gelegt hat, blickt sie aus eisblauen Augen an. "Das ist die Frage aller Fragen", sagt er. Auf die er keine klare Antwort gibt. "Es ist zu spät", sagt Armstrong, "viel zu spät. Und das ist mein Fehler. Ich kenne die Wahrheit, und die Wahrheit ist nicht, was ich all die Jahre gesagt habe. Aber die Geschichte war so lange perfekt." Seine Geschichte, "die vom Krebsbekämpfer, der zum Helden wurde?", fragt Winfrey. Nicken bei Armstrong: "Ein Tour-Sieger, glücklich verheiratet, tolle Kinder." Es sei schwer gewesen, "neben dem Bild zu bestehen", das er da gemalt habe. "Es ist alles mein Fehler", sagt Armstrong und kratzt sich kurz am Kopf. Dann schaut er Winfrey an. Nächste Frage bitte.

Armstrong wirkt gefasst. Beinahe kalt

Er wirkt gefasst, man könnte sagen: kalt. Es hieß im Vorfeld, er habe bei der Aufzeichnung des Gesprächs geweint. Aber das kann nicht in der ersten Hälfte des Interviews passiert sein, die am Donnerstag ausgestrahlt wird: Armstrong klingt neutral wie ein Nachrichtensprecher. Reue? Schwer zu sehen. Wann hat das angefangen mit dem Doping?, will Winfrey wissen. "Zu Beginn meiner Karriere gab es Cortison. Dann begann die Epo-Zeit." Wann? "Mitte der Neunziger." Haben alle gedopt, die Kollegen wie er? "Ich will nicht für andere sprechen, Niemanden anklagen."

Winfrey fühlt gern mit, wenn ihre Gegenüber sich öffnen. Sie ist so etwas wie die Gesprächstherapeutin der Superstars; unvergessen der theatralische Gefühlsausbruch des verliebten Tom Cruise, der auf ihrem Sofa auf und ab hopste, was Winfrey mit einem erfreuten Strahlen begleitete. Aber nun sitzt Armstrong vor ihr, und sie fokussiert ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen. Sie unterbricht ihn häufig, fragt: "Warum?" oder "Wer war das?" Doch Armstrong sagt nur, was er sagen will, und keinen Satz mehr. Etwa, als es um den Umgang mit seinen Team-Kollegen geht, auf die er Druck ausgeübt haben soll, auch zu dopen. "Hast du gedroht, sie aus dem Team zu werfen, wenn sie das nicht machen?", fragt Winfrey. "Das ist nicht wahr." Hat Christian van de Velde aber behauptet. "Zu Christian möchte ich mich nicht äußern."

Dann zeigt Winfrey ihm Bilder von Dr. Michele Ferrari, dem italienischen Doping-Arzt, mit dem Armstrong zusammengearbeitet hat. "War er der Kopf hinter dem Doping-Programm deines Teams?", fragt sie. "Nein. Würde ich nicht sagen", sagt Armstrong. Was war er dann? "Ich tue mich schwer, über andere zu sprechen." Winfrey stellt die richtigen Fragen, aber sie hat einen Gast, der sich nicht knacken lässt. Sie zeigt ihm Ausschnitte von seinem siebten Tour-Sieg 2005, als Armstrong auf dem Siegerpodest stand und sprach: "Ich sage es allen Menschen, die nicht an den Radsport glauben, die Zyniker und Skeptiker: Ihr tut mir leid, dass ihr nicht an Wunder glaubt." Was sollte das?, will Winfrey wissen.

Was soll man davon halten?

Nun, sagt Armstrong: "Ich habe in meinem Leben Fehler gemacht. Das war einer davon." Aber warum hat er das damals gesagt, ohne Not? "Ich weiß nicht. Es war das erste Jahr, in dem sie dem Sieger ein Mikrophon hinhielten und ich etwas sagen sollte. Ich wusste nicht, was. Und das kam dann dabei heraus." Ist ihm das heute peinlich? "Ja. Ich meine, das war mein letzter Tour-Sieg, und dann trete ich mit so was ab? Ganz schön lahm."

Immerhin gibt Armstrong noch zu, dass er sich nun bei einigen Menschen entschuldigt habe, "die ein bisschen unter die Räder gekommen" seien: Menschen wie Emma O' Reilly, seine ehemalige Masseurin, die er als "Alkoholikerin" und "Prostituierte" diffamierte hat, als sie öffentlich darüber Auskunft gab, dass Armstrong seine Leistung manipuliere. Doch am Ende steht "ein Geständnis ohne eine Erklärung", wie die "New York Times" es sehr passend zusammenfasst. Man weiß nicht so recht, was man von all dem halten soll. Aber morgen ist ja auch noch ein Oprah & Lance-Abend, wie am Ende eine Vorschau zeigt, die auf den zweiten Teil des Interviews hinweist: "Sehen Sie, was Lance Armstrong über seine starke Mutter zu sagen hat." Vielleicht wird er ja da weich.

 
 
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