Warten auf ein Wunder

9. Januar 2013, 16:01 Uhr

Ab zur Beichtmutti der Nation: Lance Armstrong wird sich nächste Woche in der Talkshow von Oprah Winfrey zu den Doping-Anschuldigungen äußern. Das riecht nach großem Kino - aber nicht nach Beichte. Von Klaus Bellstedt

Es gibt kaum einen Radprofi, der Lance Armstrong besser kennt als Tyler Hamilton. Der Amerikaner, der 2011 ein umfassendes Doping-Geständnis abgelegt hat, war von 1999 bis 2001 Armstrongs wichtigster Helfer beim Team U.S. Postal und begleitete ihn bei seinen ersten drei Tour-Triumphen. Hamilton und Armstrong, die beiden waren mal best buddies, aber spätestens nach Hamiltons Zeugenaussage, die maßgeblich zum Sturz des einstmals erfolgreichsten Radrennfahrers der Welt beigetragen hat, ist es damit vorbei.

Lance Armstrong ist mittlerweile ein überführter Doper, der lebenslang gesperrt wurde. Kürzlich berichtete die "New York Times", der Texaner denke über ein Geständnis nach. Offiziell bestätigt wurde dies bislang aber nicht. Auch Tyler Hamilton hatte noch vor wenigen Wochen im Gespräch mit dem stern so ein Gefühl, dass Armstrong sich rühren werde: "Man hört kaum etwas von Lance, aber diese Ruhe halte ich für trügerisch. Ich fürchte, Lance wird zurückschlagen." Seine Intuition sollte Hamilton nicht täuschen. Seit Dienstagabend steht fest: Der gestürzte Radsportstar wird sich laut einer Ankündigung des US-Kabelkanals OWN am 17. Januar in der Talkshow der Starmoderatorin Oprah Winfrey erstmals öffentlich äußern. Also doch ein Geständnis? Oder der Gegenangriff ? Armstrong ist beides zuzutrauen.

Ausgerechnet bei Oprah Winfrey

Die Ankündigung des TV-Kanals lässt viel Raum für Interpretationen. Dort heißt es, Armstrong werde sich in der Sendung zu den Anschuldigungen des betrügerischen Verhaltens und dem Vorwurf der Lüge über den Gebrauch leistungssteigernder Mittel während seiner Karriere äußern. Die 90-minütige Talkshow wird ab 21.00 Uhr Ortszeit (03.00 Uhr 18. Januar MEZ) ausgestrahlt und ist auch über Livestream unter Oprah.com zu sehen. Das Gespräch findet im Haus von Armstrong in Austin statt.

Dass sich der 41-Jährige ausgerechnet Oprah Winfrey als Gesprächspartnerin ausgesucht hat, ist vermutlich kein Zufall. Die Talkqueen gilt in den USA als Beichtmutter der Nation. Unvergessen bleibt der Herz-und-Schmerz-Auftritt von US-Sprinterin Marion Jones, die 2008 bei Winfrey nach abgesessener Gefängnisstrafe wegen zweifachen Meineides unter Tränen die Dreistheit besaß zu erklären, "niemals wissentlich gedopt" zu haben. Dabei war längst erwiesen, dass sich Jones in ihrer aktiven Zeit Wachstumshormone gespritzt hatte.

Kein Vorbeikommen an den Fakten

Tränen sollte man von Armstrong nicht erwarten. Dafür ist der Mann zu hart gegen sich selbst - und zu abgezockt. Denkbar ist ja auch, dass die Fragen von Winfrey gar nicht so schlimm werden. Dafür spricht nun eine andere, brisantere Tatsache. Der anerkannte britische Radsportjournalist Lionel Birnie twitterte am Mittwoch, dass Oprah Winfreys Produktionsfirma Teil eines Joint Ventures mit Discovery Communications ist. Jener Sender also, dessen Logo Armstrong bei seinem siebten Toursieg 2005 auf der Brust trug. "Somehow fitting", twitterte Birnie mit beißender Ironie dazu. "Passt irgendwie". Und in der Tat: An einen Zufall mag man nicht glauben.

An den Fakten werden beide, Winfrey und Armstrong, in ihrer Sendung nicht vorbeikommen. Und so ist mit Spannung zu erwarten, wie der ehemalige Radsportstar auf die neuesten Vorwürfe gegen ihn reagieren wird. Wie jetzt herauskam, soll Armstrong 2004 versucht haben, der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada eine Spende von 250.000 Dollar anzubieten. Das geht aus einem Bericht der TV-Sendung "60 Minutes Sport" hervor. Darin betonte Usada-Chef Travis Tygart, dass ein Vertreter Armstrongs seiner Agentur im Jahr 2004 die Summe offeriert habe. "Ich war perplex. Für die Usada war das ein klarer Interessenkonflikt. Wir haben nicht gezögert, das Angebot abzulehnen", so Tygart.

"Es wird ihn zerreißen"

Er hob zudem hervor, dass der Amerikaner bei der Tour de France 1999 das damals noch nicht zu ermittelnde Dopingmittel Epo benutzt hatte. Dies sei bei Nachtests im Jahr 2005 nachgewiesen worden. "Wir haben sechs Proben überprüft, alle waren positiv", sagte Amerikas oberster Dopingjäger.

Das ist neuer, harter Stoff, über den geredet werden muss. Lance Armstrong wird sich auf seinen Auftritt bei Oprah Winfrey perfekt vorbereiten. Dafür wird schon die Armada seiner Juristen sorgen. Gegenangriff, das wird wohl wieder seine Devise sein. Aber wer weiß: Tyler Hamilton sagte im stern über Armstrongs momentane Verfassung: "Ich glaube, er leidet fürchterlich. Lance ist ein sehr stolzer Mensch, er glaubte, wie Atlas die Weltkugel auf seinem Rücken tragen zu können. Und nun ist alles weg, der Ruhm, die Ehre. Auch viel Geld, es kommen ja Schadensersatzklagen auf ihn zu. Es wird Lance zerreißen, dass er kein Held mehr ist." Vielleicht passiert am 17. Januar ja doch ein Wunder und Armstrong macht Schluss mit dem nervenaufreibenden Doppelleben. Eine Beichte kann auch eine Befreiung sein.

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