Die Gier der Besserverdiener

10. Oktober 2012, 16:33 Uhr

Streik? Geschlossene Praxen? Wären Ärzte-Funktionäre Patienten, müsste man eine Psychose diagnostizieren. Denn sie haben jedes Verhältnis zum Geld verloren. Ein Kommentar von Andreas Hoffmann

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Boxster oder Maserati? Protestschild an Hamburger Arztpraxis©

Stellen Sie sich mal kurz vor, die Müllmänner hätten nach harten Verhandlungen erreicht, dass sie drei Prozent mehr Lohn bekommen sollen. Am nächsten Tag aber bleiben die Laster in den Garagen und die Tonnen ungeleert. Die Müllmänner jammern: "Wir haben keine zehn Prozent bekommen." Was würden Sie über eine solche Berufsgruppe denken? Vermutlich würden sie sich mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen und murmeln: "Die ticken ja wohl nicht ...." Das Beispiel ist übertrieben? Keineswegs. Es ereignet sich genau an diesem Tag. Aber nicht die vergleichsweise schlecht bezahlten Müllmänner streiken. Es streiken Großverdiener, die Ärzte. Sie sollen nach monatelangen Verhandlungen zwischen 1,15 und 1,27 Milliarden Euro mehr bekommen. Das sind für jeden der 150.000 Ärzte und Psychotherapeuten im Schnitt zwischen 7600 und 8400 Euro mehr im Jahr. Eine Summe, über die sich viele Arbeitnehmer freuen würden. Nicht so die Ärzte. Sie wollten über zehn Prozent.

Praxen wie Basare

Wir reden hier nicht über die Fußlahmen der Gesellschaft. Wir reden über einen Berufsstand, der im vergangenen Jahr pro Kopf etwa 165.000 Euro brutto verdient hat. Eine Gruppe, die es schaffte im schärfsten Wirtschaftseinbruch der Nachkriegsgeschichte, im Jahr 2009, ihre Gehälter zu steigern. Wir reden über eine Gruppe, die zuletzt nicht nur 33,7 Milliarden Euro von den gesetzlichen Kassen bekam, sondern auch noch knapp sechs Milliarden von den Privatversicherern. Von denen viele ihre Praxen in Basare verwandelt haben. Sie drängen dem Patienten allerlei Schnick-Schnick namens Igel (Individuelle Gesundheitsleistungen) auf, die wenig nützen, außer dass sie dem Arzt das Konto füllen.

Gewiß, es gibt große Unterschiede unter Medizinern. Wer als Landarzt in der Uckermark praktiziert oder als Kinderdoktor in Köln-Chorweiler verstauchte Knöchel behandelt, sammelt selten Reichtümer an. Aber es gibt auch den Orthopäden am Starnberger See, der nur entscheiden muss, ob er lediglich einen Porsche Boxster oder lieber gleich einen Maserati bestellt. Diese Ungerechtigkeiten hätten die Ärzteverbände seit Jahren beenden müssen. Denn sie sind für das Honorarsystem zuständig und verteilen die Milliarden der Versicherten, Krankenkassen und Politiker halten sich weitgehend raus.

Mehr, mehr, mehr

Aber die Funktionäre haben nichts hinbekommen, außer immer mehr Geld zu fordern. Dafür protestieren die Ärzte nun gegen das ungerechte Honorarsystem, das ihre Funktionäre selbst geschaffen haben. Eine verrückte Welt.

Nein, um Deutschlands Ärzte muss sich keiner sorgen. Sie verdienen gut, viel besser als die meisten ihrer Patienten. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen eines Normalbürgers liegt bei gut 40.000 Euro brutto im Jahr, und viele haben nicht mal das. Immer mehr Bürger brauchen einen Zweitjob, um über die Runden zu kommen. Die Zahl der Geringverdiener wächst und jener, die im Alter von der Wohlfahrt leben. Die Ärztefunktionäre interessiert das nicht. Sie haben sich von der Realität abgekoppelt. Sie kennen nur drei Worte: mehr, mehr, mehr.

Auf die Couch

In der Medizin gibt es einen Begriff für eine solche Realitätsverweigerung. Er heißt Psychose. Deutschlands Ärztefunktionäre gehören auf die Couch.

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