Beamter - sorge dich nicht, diene!

22. Januar 2011, 11:33 Uhr

Sie sind unkündbar, und vor allem im Ruhestand geht es ihnen finanziell grandios. Noch immer genießen Staatsdiener ungewöhnliche Privilegien. Warum ist das so? Von Jan Rosenkranz und Joachim Reuter

Beamte, Gehalt, Verdienst, Rente, Ruhestand

Zweiklassengesellschaft: Briefzusteller stehen als Beamte besser da als die Tarifkräfte©

Der Tag von Noreen Koall beginnt meist morgens um halb sechs mit einem Kaffee - und endet manchmal nachts um zwölf mit einer Verhaftung. Dazwischen liegt der Alltag einer Kriminalkommissarin, Schwerpunkt Sexualdelikte. Vernehmungen, Hausdurchsuchungen, Telefonate. Und immer wieder Papierkram. Noreen Koall, 33, ist seit zwölf Jahren Beamtin, stationiert in Forst nahe der polnischen Grenze. Sie arbeitet hart. Sie arbeitet gern. Und es stellt sich die Frage: Was darf uns das kosten? Was ist der Gesellschaft die Arbeit von Noreen Koall und den anderen 1,8 Millionen Beamten in Polizei, Finanzamt, Schulen und Behörden eigentlich wert? Verdienen sie zu viel, zu wenig oder gerade gerecht?

Der deutsche Stammtisch hat sein Urteil in dieser Frage längst gefällt: Beamte verdienen natürlich immer zu viel und manche allenfalls eine Tracht Prügel. Was natürlich unfair ist.

Der stern hat darum genauer hingeschaut, hat sich durch Besoldungstabellen gewühlt und Amtsstuben besucht, um mit Staatsdienern über ihren Berufsalltag, ihr Selbstverständnis und ihre Entlohnung zu sprechen. Dieser Einkommensreport gibt Auskunft über den Verdienst von Beamten der verschiedensten Besoldungsstufen: vom Staatssekretär über die Meteorologin bis hin zum Amtsarzt, vom Pfarrer über den Lehrer bis hin zum Gerichtsvollzieher.

Besoldung von A2 bis R10

Die Bandbreite des deutschen Beamtentums ist groß: Sie beginnt bei Besoldungsstufe A2 ganz tief unten beim Wachtmeister mit 1688 Euro Einstiegsgehalt und führt hinauf in sonnigere Höhen eines rheinischen Oberstudienrates, der auf A14 mindestens 3237 Euro verdient. Und sie endet schließlich ganz oben bei R10, wo Deutschlands bestbezahlte Beamtin sitzt: Marion Eckertz-Höfer. Die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts erhielt bis Dezember ein Grundgehalt von monatlich 11.484 Euro, ab Januar sind es 69 Euro mehr.

In Besoldungstabellen und Beamtengesetzen wird alles bis ins kleinste Detail geregelt - Grundgehalt, Familienzuschlag, Trennungsgeld, Pensionsanspruch und Sterbegeld. Für jede denkbare Eventualität gibt es eine exakte Bestimmung: Zulagen für Techniker, die auf Antennen oder Windanlagen klettern müssen (je höher, desto mehr Geld), Zulagen für Taucher (je tiefer, desto mehr Geld), Zulagen für Fallschirmspringer, Bergführer und Jubilare. Ob der Sold auch in jedem Fall angemessen ist, steht dort freilich nicht geschrieben.

Als Polizeivollzugsbeamtin im gehobenen Dienst der Besoldungsgruppe A9 erhält Noreen Koall im Monat 2610 Euro - brutto und inklusive Zulagen. "Gemessen an der Verantwortung, die wir tragen, müsste es mehr sein", sagt die Kommissarin. "Ich habe schließlich schon so viele Leute für Jahre hinter Schloss und Riegel gebracht." Außerdem sei sie in ihrem Job Übergriffen ausgesetzt, Aggressionen und gesundheitlichen Gefahren, und müsse zeitlich voll flexibel bleiben. "Man weiß nie, wie lange ein Einsatz dauert", sagt sie.

Mehr Netto vom Brutto

2610 Euro brutto. Ist das viel? Ist das wenig? In jedem Fall mehr, als es auf den ersten Blick scheint, denn für Beamte gilt von jeher das liberale Lieblingsmantra: mehr Netto vom Brutto.

Von den 2610 Euro bleiben der Kommissarin nach allen Abzügen (Steuern und Beiträgen zur privaten Krankenversicherung) 1900 Euro übrig. Ein normaler Arbeitnehmer, ebenfalls kinderlos und ledig, bekäme dagegen nur 1680 Euro raus, 220 Euro weniger. Als Angestellter muss er schließlich Sozialabgaben entrichten, also Beiträge zu Arbeitslosen-, Pflege- und Rentenversicherung. Der Beamte muss das nicht. Andersherum: Für ein Netto von 1900 Euro brauchte ein Angestellter ein Brutto von 3041 Euro - also knapp 450 Euro mehr als die Polizistin. Und nach 40 Dienstjahren wird die Beamtin über 105.000 Euro mehr verdient haben als der angestellte Arbeitnehmer. Würde sie die Differenz von 220 Euro jeden Monat zu mageren drei Prozent anlegen, stiege ihr Vorteil sogar auf über 200.000 Euro.

Brutto ist eben nicht gleich Brutto. Beamtensold ist schließlich kein Gehalt. Und Beamter zu sein nicht einfach ein Job - sondern ein Dienstverhältnis. Beamte bekommen darum auch keinen Arbeitsvertrag, sondern eine Ernennungsurkunde. Sie geloben, treu, loyal und gehorsam ein Leben lang dem Staat zu dienen, der im Gegenzug die Fürsorgepflicht übernimmt, das Versprechen, sie ein Leben lang angemessen zu versorgen. Dazu gehört auch die Beihilfe, die 50 Prozent aller Arztkosten übernimmt (bei Pensionären sogar 70 Prozent), weshalb der Beamte nur die restlichen 50 Prozent des Risikos versichern muss. Privat, versteht sich.

Beamte haben lebenslänglich

Es ist das uralte Grundprinzip des Beamtentums, erfunden von Friedrich Wilhelm I. Um die Macht des dreisten Landadels zu brechen, stattete der Soldatenkönig ausgewählte Untertanen mit besonderen Rechten und Pflichten aus, band sie damit fest an sich und schuf seine eigene Verwaltungsarmee: pflichtbewusst, loyal und unbestechlich. 1805 dann errichtete der bayerische Staatsminister Graf Montgelas mit der "Staatsdienerpragmatik" das Fundament für die deutschen Beamtengesetze: feste Besoldung mit Beförderungs- und Pensionsberechtigung, Hinterbliebenenversorgung und Anstellung ein Leben lang.

So ist es bis heute: Beamte haben lebenslänglich. Unkündbar. Ein bombensicherer Arbeitsplatz ist fester Bestandteil des Beamtenstatus - und unbestimmter Anteil des Soldes. Was ist der Gegenwert in Euro und in Cent dafür, nie wieder Zukunftsängste haben zu müssen? Keine schlaflosen Nächte, weil die Firma mal wieder Richtung Insolvenz schliddert oder dem Chef die Nase nicht passt?

Kriminalkommissarin Noreen Koall schätzt die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes sehr. Sie kann ihr Leben planen, frei von bösen Überraschungen. "Wenn ich mir ein Haus bauen möchte und einen Kredit aufnehmen muss, weiß ich, dass das Geld kommt. Ein Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft kann sich darauf nicht verlassen", sagt sie. "Da habe ich großes Glück."

Zur Sicherheit in die Gewerkschaft

Für alle Fälle aber engagiert sie sich in der Deutschen Polizeigewerkschaft bei der "Jungen Polizei". Denn es ärgert sie, dass immer weiter gespart wird bei den Beamten. Die letzte Gehaltserhöhung - ein Witz. Die Sonderzahlung zu Weihnachten - zusammengestrichen. Das letzte Urlaubsgeld - 2003. Nur die Arbeitszeiten steigen stetig, 42 Wochenstunden sind es inzwischen, ohne Spezialeinsätze und Rufbereitschaft.

"Sicherer Arbeitsplatz, gute Versorgung - das sind wichtige Aspekte bei der Berufsentscheidung. Nur kann man damit nicht alles entschuldigen", sagt Peter Heesen. Er sagt das gern. Und oft. Er ist Vorsitzender des Deutschen Beamtenbundes, also ein Gewerkschaftsmann, aber er hat ja recht, im öffentlichen Dienst fehlt es überall an Fachkräften. "Weil sie zu diesen Tarifen schon jetzt nicht mehr zu bekommen sind", klagt Heesen. Und er hat wenig Hoffnung, dass sich daran etwas ändert: "Durch die demografische Entwicklung wird der Konkurrenzkampf mit den Privaten dramatisch zunehmen."

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